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An der Brust der AKP

Ankara als Geburtshelfer des Terrorkalifats in Irak und Syrien

Nick Brauns, Journalist/Historiker, Kurdistan Report, September/Oktober

Der »Islamische Staat« (IS/ISIS) verdanke insbesondere der Türkei seinen gegenwärtigen Erfolg. Das bekundete ein Kommandant der dschihadistischen Organisation freimütig gegenüber US-amerikanischen Journalisten.[1] Nach der Einnahme der irakischen Stadt Mûsil (Mossul) hat der IS Ende Juni ein grenzüberschreitendes Kalifat in Irak und Syrien ausgerufen. Vor Massakern und anderen Gräueltaten der Gotteskrieger, die unter der schwarzen Fahne ihr mittelalterliches Verständnis des Islam mit Gewalt durchsetzen wollen, sind inzwischen Hunderttausende Menschen auf der Flucht.

Der Nahostexperte der britischen Tageszeitung »The Independent« Patrick Cockburn benennt in seinem vielbeachteten Artikel »ISIS Consolidates« Saudi-Arabien, die Golfmonarchien und die Türkei als die »Ziehväter des ISIS« und anderer sunnitischer dschihadistischer Bewegungen im Irak und in Syrien.[2] Zwar verfügten die Dschihadisten auch über lokale Wurzeln, aber ihr Aufstieg würde von äußeren sunnitischen Kräften gefördert. Während die Golfmonarchien die Finanzierung übernahmen, bestand laut Cockburn die Rolle der Türkei darin, ihre 900 Kilometer lange Grenze nach Syrien für die Gotteskrieger offen zu halten. Jahrelang diente die Türkei als Transitland für die mobilen Dschihadisten, als ihr Sprungbrett in den syrischen Bürgerkrieg, ihre Rückzugsbasis für verwundete Kämpfer und wichtigste Nachschubbasis für Munition und Logistik. Die islamisch-konservative AKP-Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan hatte allen Feinden des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad einen roten Teppich ausgerollt. Neben dem Sturz des Baath-Regimes zielt die türkische Unterstützung für die bewaffneten syrischen Oppositionsgruppen einschließlich Al-Qaida-naher Verbände wie der Al-Nusra-Front und des IS darauf, mit ihrer Hilfe die Etablierung einer kurdischen Autonomieregion im Norden Syriens entlang der türkischen Grenze zu verhindern.

Ein Großteil der aus aller Welt zum »Dschihad« nach Syrien strebenden Gotteskrieger ist in den letzten Jahren über die Türkei eingereist. Dies belegen Pässe im Kampf gefallener oder gefangen genommener ausländischer IS- oder Al-Nusra-Mitglieder mit türkischen Einreisestempeln. Hilfsorganisationen wie die der AKP nahestehende »Stiftung für Humanitäre Hilfe« (IHH) kümmerten sich nach ihrer Ankunft um ihre Unterbringung und Versorgung. Die Ein- und Durchreise geschah nicht nur mit Wissen und Billigung türkischer Behörden, diese stellten auch die nötige logistische Unterstützung. Die beweist unter anderem ein der Tageszeitung Yeni Özgür Gündem zugespielter Brief des türkischen Innenministers Muammer Güler an den Provinzgouverneur von Hatay, der wohl auch an die Gouverneure der anderen Grenzprovinzen Mêrdîn (Mardin), Riha (Urfa) und Dîlok (Antep) ging. In dem auf den 15. März 2013 datierten Schreiben wies Güler die Behörden an, die aus verschiedenen Ländern stammenden und unter Kontrolle des türkischen Geheimdienstes MIT stehenden Al-Qaida-Kämpfer logistisch durch die Bereitstellung von Wohn- und Trainingsmöglichkeiten zu unterstützen. Die Kämpfer sollten in Gebäuden des staatlichen Religionsamtes und vom Geheimdienst ausgewählten Wohnheimen untergebracht werden. Die Türkei unterstütze die Mudschaheddin im Einklang mit ihren regionalen Interessen, wird in dem Schreiben der Kampf der Gotteskrieger gegen die selbstverwalteten kurdischen Kantone in Rojava/Nordsyrien benannt. Noch im Juli geleitete der MIT Medienberichten zufolge Dutzende mit Turkish Airlines aus dem Kaukasus eingeflogene Gotteskrieger zu ihren Camps.

MIT als Waffenschmuggler

Über den türkischen Geheimdienst wurden hunderte Wagenladungen mit Waffen und Munition an die in Syrien kämpfenden Oppositionsgruppen gebracht. Ein Großteil dieser Waffen dürfte inzwischen in die Hände des IS gelangt sein. Sei es, weil dessen Kämpfer direkt mit den Waffen beliefert wurden, oder weil sich andere vormals als »gemäßigt« geltende Kampfverbände aus den Reihen der »Freien Syrischen Armee« oder »Islamischen Front« zwischenzeitlich dem IS angeschlossen haben, oder weil diese Waffen vom IS im Kampf gegen solche konkurrierenden Rebellengruppen erbeutet wurden.

Beweise für solche von der türkischen Regierung stets bestrittenen Waffenlieferungen nach Syrien fand der Journalist Tolga Tanış im vergangenen Jahr sogar in der offiziellen Datenbank des Statistikamtes der Türkei über Importe und Exporte. Gemäß diesen Zahlen wurden zwischen Juni und Oktober 2013 47 Tonnen Waffen und Munition aus der Türkei nach Syrien geliefert.[3]

Mehrere Waffenlieferungen flogen im Zuge des Machtkampfes zwischen der AKP-Regierung und der tief im Staat verwurzelten Bewegung des Predigers Fethullah Gülen auf. Zu Jahresbeginn 2014 ließ die Staatsanwaltschaft in Hatay nach einem anonymen Tipp einen angeblichen Hilfsgütertransport der islamischen Hilfsorganisation »Stiftung für Humanitäre Hilfe« (IHH) stoppen. Offiziell handelte es sich bei dem Transport um Hilfsgüter für Turkmenen in Syrien, doch zwischen »einigen Lebensmitteln« fanden die Militärpolizisten Raketen und Munition. Ein Agent des türkischen Geheimdienstes, der den Transport begleitete, verbot die weitere Durchsuchung der Ladung, die er als »Staatsgeheimnis« deklarierte. Ohne dazu befugt zu sein, gab AKP-Provinzgouverneur Celalettin Lekesiz seine Genehmigung zur Weiterfahrt des LKW. An der Durchsuchung beteiligte Polizisten wurden vom Dienst suspendiert, ihnen drohen jetzt Haftstrafen wegen »Verrats von Staatsgeheimnissen«. Die Fahrer eines am 19. Januar 2014 auf der Straße von Adana nach Dîlok gestoppten LKW, der Granaten und Munition geladen hatte, gaben an, die Ladung am Esenboğa-Flughafen von Ankara entgegengenommen zu haben, um sie an MIT-Agenten in der Grenzstadt Reyhanlı auszuliefern. Der MIT würde die Waffen dann an die Al-Nusra-Front oder den IS verteilen. Es habe bereits mehrere solcher Transporte gegeben. »Der MIT betreibt routinemäßig Waffenschmuggel«, ist der Abgeordnete der linken Demokratischen Partei der Völker (HDP) Ertuğrul Kürkçü überzeugt.

Medizinische Versorgung für IS-Kämpfer

»Die Türkei hat uns den Weg bereitet. Hätte die Türkei nicht so viel Verständnis für uns gehabt, wäre der Islamische Staat nicht in seiner gegenwärtigen Position«[4], gestand ein IS-Kämpfer während seiner Behandlung in einem Krankenhaus in Ankara einem türkischen Journalisten. Die türkische Regierung sei den Mudschaheddin gewogen gewesen und habe einer großen Zahl von ihnen medizinische Versorgung ermöglicht. Dies bestätigt auch Abu Yusaf, ein Oberkommandierender des IS, der sich in der türkischen Grenzstadt Reyhanlı mit Reportern der Washington Post traf: »Wir haben für gewöhnlich einige Kämpfer – sogar hochrangige Mitglieder des Islamischen Staates – in türkischen Krankenhäusern behandeln lassen.«[5] Auch der in den Reihen des IS kämpfende frühere Berliner Gangster-Rapper Deso Dogg soll in der Türkei nach einer Schussverletzung ärztlich versorgt worden sein.

Im städtischen Krankenhaus der Stadt Kilis, 120 Kilometer nordöstlich von Hatay, werden die Dschihadisten in einer eigenen, abgeschirmten Abteilung versorgt. 30 bis 40 von ihnen sind es im Schnitt. Krankenwagen mit türkischen Nummernschildern brachten nach Augenzeugenberichten während der Gefechte mit kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) um die geteilte Grenzstadt Serê Kaniyê (Ras al-Ayn/Ceylanpınar) im Sommer 2013 verwundete Dschihadisten über die Grenze. Auch nach dem jüngsten Vorstoß des IS in die kurdischen Siedlungsgebiete des Irak wurden noch verwundete IS-Kämpfer von türkischen Ambulanzen abgeholt. Auf eine parlamentarische Anfrage der HDP, wie viele nach Kämpfen mit den YPG verwundete Dschihadisten in Krankenhäusern im nordkurdischen Teil Serê Kaniyês (Ceylanpınar) und in Kaniya Xezalan (Akçakale) versorgt würden, bestätigte Gesundheitsminister Mehmet Müezzinoğlu die medizinische Versorgung der Dschihadisten. »Unser Ministerium bietet jedem gesundheitliche Versorgung an, ohne Ansehen von Religion, Sprache, Geschlecht oder der Ethnie. In Ceylanpınar wurden bislang 319 und in Akçakale 552 Personen in türkische Krankenhäuser gebracht.«

Schwarze Fahnen in Istanbul

Der IS nutzt nicht nur die Türkei als Transitland und logistische Basis, sondern ist längst auch im Land aktiv und rekrutiert hier neue Anhänger. In einer Fußgängerzone des Istanbuler Mittelklasse-Vorortes Haznedar warb noch im Juli die Hilfsorganisation Hisader mit Transparenten, auf denen das von IS als Symbol genutzte Siegel des Propheten prangte. Der Verein, dessen Büro in dem Bezirk liegt, stellt sich auf seiner Website als eine Hilfsorganisation für Jugendliche mit Drogen- oder Alkoholproblemen vor. Auch Hilfslieferungen für Syrien hat der Verein organisiert – gewidmet wurden die Lieferungen jungen aus Haznedar stammenden Männern, die als Al-Qaida-Kämpfer getötet wurden. Der Journalist Emre Erciş veröffentlichte ein Foto, das den stellvertretenden Hisader-Vorsitzenden mit einer Kalaschnikow in der Hand in einem IS-Camp in Syrien zeigen soll. Die Mutter eines von Hisader betreuten drogenkranken Jugendlichen beschuldigte den Verein, ihren Sohn zum Dschihad in Syrien verschleppt zu haben. Der Chefredakteur der kemalistischen Tageszeitung Yurt, Kerem Çalışkan, bezeichnet den Istanbuler Stadtteil Güngören mit den Vierteln Haznedar und Bağcılar als Rekrutierungsgebiete für den Dschihad in Syrien. Ein Laden in Bağcılar verkaufte offen T-Shirts mit dem IS-Logo. Nach mehreren kritischen Medienberichten erklärte der Vereinsvorsitzende von Hisader Ende Juli die Schließung der Organisation.[6]

Zum Eid-Fest am Ende des Ramadan trafen sich am 28. Juli hunderte Sympathisanten des IS auf einem Picknick-Platz im Istanbuler Kreis Ömerli. Organisiert wurde das Solidaritätscamp für die IS-Kämpfer in Syrien und dem Irak über die Zeitschrift Tevhid, die aus ihren Sympathien für den IS keinen Hehl macht. Der Abgeordnete der kemalistischen Oppositionspartei CHP (Republikanische Volkspartei), Sezgin Tanrıkulu, hat nun eine Anfrage an die Regierung gestellt, ob die Berichte zuträfen, wonach Polizei und Gendarmerie die ausdrückliche Anweisung gehabt hätten, nicht einzugreifen. Weiterhin wollte Tanrıkulu wissen, ob Meldungen zuträfen, wonach der türkische IS-Ableger auf diesem Camp zum Dschihad in Istanbul aufgerufen habe. Viele junge Männer in der Türkei seien bereit, der IS-Ideologie zu folgen, meint der frühere Leiter des Deutschen Orientinstituts Udo Steinbach. »Es ist eine Mischung aus Frustration über die gesellschaftlichen Verhältnisse, wie beispielsweise hohe Arbeitslosigkeit. Dazu kommen Abenteuerlust und die Motivation, die türkische Gesellschaft zur islamischen Ordnung zurückzuführen«, erklärt der Islamwissenschaftler.[7]

Türkische Behörden schätzen die Zahl türkischer Staatsbürger innerhalb des IS auf rund 1000, dazu kommen zahlreiche türkeistämmige IS-Kämpfer aus Westeuropa. »Es kann kein Zweifel herrschen, dass türkischstämmige EU-Bürger und türkische Staatsbürger mittlerweile den bei weitem größten nicht arabischen Ausländeranteil des IS stellen«[8], meint der Türkeikorrespondent der Tageszeitung »Die Welt«, Boris Kalnoky. In der Tageszeitung Zaman wurde ein angeblich aus Syrien zurückgekehrter IS-Kommandant mit den Worten zitiert, die Organisation habe »mehrere Tausende Türken« trainiert und »in ihre Heimat« zurückgeschickt. Islamwissenschaftler Steinbach warnt vor einer »Gefahr für die innere Stabilität der Türkei« durch den IS. Wie reell diese Gefahr ist, zeigte sich bereits am 11. Mai letzten Jahres, als zwei Autobomben in der türkischen Grenzstadt Reyhanlı in der Provinz Hatay explodierten und mehr als 50 Menschen töteten. Die türkische Regierung beschuldigte türkische Linksradikale im Bund mit dem syrischen Geheimdienst, hinter dem Massaker zu stecken. Dagegen beweisen Dokumente des Nachrichtendienstes der Militärpolizei, die von der linksradikalen Hacker-Gruppe Red Hack veröffentlicht wurden, dass die Behörden über die Vorbereitung dieser Anschläge durch Al-Qaida in Syrien informiert waren. Ziel dieser der syrischen Regierung angelasteten Anschläge war es offenbar, im Vorfeld eines Treffens des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan mit US-Präsident Barak Obama Stimmung für eine sowohl von Ankara als auch den syrischen bewaffneten Oppositionsgruppen geforderte NATO-Militärintervention zu machen. Rund fünf Monate nach den Anschlägen bekannte sich IS offiziell zur Täterschaft.

Im Juni 2014 stufte die türkische Regierung den IS offiziell als terroristische Organisation ein. Meldungen über Schusswechsel zwischen IS-Kämpfern und türkischen Soldaten an der Grenze sowie Inhaftierungen ausländischer Kämpfer durch die türkische Polizei häufen sich. »Es ist nicht mehr so einfach, in die Türkei zu kommen«, beklagt IS-Kommandant Abu Yusaf in Reyhanlı gegenüber der Washington Post. »Ich musste die Hilfe von Schmugglern in Anspruch nehmen, aber wie Sie sehen, gibt es weiterhin Wege und Methoden.« Doch inzwischen sei der IS nicht mehr so stark auf die Hilfe von außen angewiesen. Das Kalifat umfasst jetzt große Teile Syriens und des Irak, es verfügt dort über eine eigene ökonomische Grundlage durch die von ihm kontrollierten Öl- und Gasvorkommen und große Mengen auch schwerer Waffen, die in Mûsil von der irakischen Armee erbeutet wurden. Im Irak stützt sich das Kalifat zudem auf einheimische Bündnispartner unter den sunnitischen Stämmen. »Jetzt bekommen wir genug Waffen aus dem Irak, und es gibt auch in Syrien genug zu kaufen«, so Abu Yusaf. »Daher besteht keine Notwendigkeit mehr, Dinge von außerhalb zu bekommen.«

Allerdings muss der IS sein Öl auch verkaufen, um es zu Geld zu machen. Und hier kommt wieder die Türkei ins Spiel. Der Abgeordnete der kemalistischen Opposition aus der an Syrien grenzenden Provinz Hatay, Ali Ediboğlu, bezifferte im Juli den Wert des allein in diesem Jahr an die Türkei verkauften Öls mit 800 Millionen Dollar. Das Öl aus den vom IS kontrollierten Ölquellen in Syrien und inzwischen auch dem Irak würde zuerst mit einfachen Mitteln raffiniert und dann an die syrisch-türkische Grenze gebracht. Von syrischen Dörfern seien Pipelines in die türkischen Grenzregionen Hatay, Kilis, Urfa und Gaziantep gelegt worden, um das Öl gegen Bargeld an Schmuggler auf türkischer Seite zu verkaufen, die das Öl in Plastikkanistern mit Traktoren weitertransportieren. Auch über den Nordirak verlaufen Schmuggelrouten für das bei Mûsil unter die Kontrolle des IS geratene Öl, das in der Türkei und dem Iran mit 18 Dollar weit unter dem von der Bagdader Zentralregierung festgesetzten Barrel-Preis von 62 Dollar verkauft wird. Die irakische Regierung hatte sich bereits mehrfach in Ankara deswegen beschwert, zwischenzeitlich haben auch die Vereinten Nationen auf eine russische Eingabe hin die türkische Regierung aufgefordert, diesen Handel zu unterbinden. Zumindest in Einzelfällen ist die türkische Armee gegen den Ölschmuggel vorgegangen und hat solche Untergrundpipelines zerstört.[9]

Offenbar als Rückversicherung für das generelle Wohlverhalten der Türkei dienen dem IS die 49 nach seinem Einmarsch in Mûsil am 10. Juni als Geiseln genommenen Mitarbeiter des türkischen Konsulats, darunter Generalkonsul Oztürk Yılmaz. Schon die Geiselnahme an sich wirft Rätsel auf. So hatte der Gouverneur von Mûsil, Atheel al-Nujaifi, die türkische Regierung vor dem bevorstehenden Angriff des IS auf die Stadt gewarnt und auf die Evakuierung des Konsulats gedrängt. Dem habe sich der türkische Außenminister Ahmet Davutoğlu aber widersetzt. An die Sicherheitskräfte des Konsulats sei zudem die Weisung ergangen, nicht gegen den IS zu kämpfen. Kurz nach der Geiselnahme erließ die türkische Regierung eine Nachrichtensperre zu diesen Ereignissen. An einer diplomatischen Lösung werde gearbeitet, die Geiseln kämen bald frei, heißt es seitdem in regelmäßigen Abständen aus dem Außenministerium. Ansonsten wird von Seiten der türkischen Regierungspolitik der Mantel des Schweigens über die Affäre gebreitet. Erdoğan beschuldigte die Opposition, ihn zu »Provokationen« gegenüber dem IS drängen zu wollen. Man sollte einmal diese Nicht-Reaktionen der türkischen Regierung auf die nun schon über zwei Monate andauernde Geiselnahme ihrer Diplomaten durch den IS mit den verbalradikalen Drohungen Erdoğans anlässlich der in der Vergangenheit in die Gefangenschaft der PKK geratenen türkischen Soldaten oder angeblich von der PKK verschleppten Jugendlichen vergleichen. Auf einem Iftar-Essen appellierte Erdoğan im Juli sogar an seine »muslimischen Brüder« des IS, die türkischen Geiseln freizulassen. Auch sonst spricht er vom IS lediglich von einer »Organisation« ohne das Attribut »terroristisch«. Er sprach sich zudem gegen US-Luftangriffe auf den IS im Irak aus, um das Leben der Geiseln nicht zu gefährden. Die türkische Regierung glaube offensichtlich, sie hätte eine Art herzlichen Einvernehmens mit den Dschihadisten, zitiert das Internetportal Al-Monitor einen hohen westlichen Diplomaten.[10] Dies scheint in der Tat der Fall zu sein. Für Erdoğan und Davutoğlu ist die Geiselnahme die willkommene Ausrede, um keine größeren, von einigen westlichen Bündnispartnern der Türkei eingeforderten Maßnahmen gegen den IS ergreifen zu müssen.

Flüchtlingslager als Terrorcamp

Insbesondere für ihre Angriffe auf das kurdische Selbstverwaltungsgebiet im Norden Syriens bekommen die Dschihadisten weiterhin grünes Licht. Riha sei zum Hauptquartier von IS geworden, berichtet der HDP-Abgeordnete Ibrahim Ayhan. Die IS-Männer könnten sich frei in der Stadt bewegen. »Sie benutzen die Stadt als Militärbasis, sie nutzen die Krankenhäuser und transportieren hier militärische Ausrüstung«, so Ayhan. Anfang Juli begann der IS mit zuvor in Mûsil erbeuteten schweren Waffen einen Großangriff auf den Kanton Kobanê. Nicht nur von syrischer Seite her umzingelten die IS-Banden Kobanê (Ain al-Arab). Auch von türkischem Territorium aus erfolgten Angriffe. »Die AKP und ISIS haben eine Vereinbarung getroffen. Die Einnahme von Kobanê und die Vernichtung der Rojava-Revolution ist eine gemeinsame Strategie beider. Mit dieser Übereinkunft versucht die türkische Regierung auch die Mitarbeiter in Mûsil freizubekommen«, heißt es in einer Erklärung der Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdi­stans (KCK) zu diesen Angriffen. Und die KCK warnte: »Der Lösungsprozess in Nordkurdistan und die türkische Unterstützung von ISIS in Rojava können nicht nebeneinander existieren. Entweder der AKP-Staat unterstützt ISIS oder er handelt im Geiste des Lösungsprozesses.« Die Demokratische Partei der Völker HDP rief die örtliche Bevölkerung dazu auf, sich zur Grenze zu begeben, um ein Eindringen von IS-Kämpfern aus der Türkei zu verhindern. Tausende Menschen, darunter Abgeordnete und Bürgermeister der HDP, Künstler und alevitische Geistliche, errichteten daraufhin Widerstandscamps entlang der Grenze, um ihre Solidarität mit Kobanê zu zeigen. Am 21. Juli griffen Soldaten eines der Widerstandszelte im Dorf Zerat (Ziyaret) bei Riha-Bêrecûk (Urfa-Birecik) an. Nach Ansicht des Menschenrechtsvereins (IHD), der eine Untersuchungsdelegation an die Grenze geschickt hatte, dient das an Dîlok grenzende Karkamış-Lager für Flüchtlinge aus Syrien nahe der Grenze zu Rojava als logistisches Zentrum für den IS. »Von diesem Camp gehen die Angriffe auf den Kanton Kobanê aus, die über die Türkei ausgeführt werden«, heißt es in einem Bericht des IHD. Nach Ansicht des IHD sei das Widerstandszelt in Zerat attackiert worden, weil es von dort eine gute Aussicht auf das Grenzgebiet gab und illegale Grenzübertritte von IS-Kämpfern aus dem Karkamış-Camp beobachtet werden konnten. Um das zu verhindern, seien die Zelte immer wieder angegriffen worden, heißt es im IHD-Bericht.

Die türkische Regierung hat bislang stets jede Mitverantwortung am Erstarken des IS zurückgewiesen. Anfang August erklärte der türkische Außenminister Ahmet Davutoğlu, »das Gebilde ISIS kann den Anschein eines radikalen, terroristischen Gebildes haben. (…) Dieses Gebilde wurde als Reaktion der Empörung auf den vorhergehenden Missmut geboren. (…) Es gibt eine Gruppe von Menschen, die sich aus Empörung zusammengetan haben.« Faktisch gesteht Davutoğlu dem IS zu, eine legitime sunnitische Widerstandsbewegung zu sein. »Das Gespann Erdoğan/Davutoğlu hat regelrecht ›Geburtshilfe‹ für den ›Islamischen Staat‹ an der gesamten Südgrenze zu unserem Land geleistet«, schreibt der bekannte Journalist Cengiz Çandar. »Dies sollte verhindern, dass ›ein zweites autonomes Kurdistan entsteht und um etwaige Forderungen der Kurden in der Türkei abzuwenden.‹«[11]

Das vom IS ausgerufene Kalifat grenzt bei der zwischen Heleb (Aleppo) und Kobanê gelegenen Stadt Tell Abjad direkt an die Türkei. Von türkischer Seite aus sind die schwarzen IS-Fahnen zu sehen. Nach den Vorstellungen des IS, der die Türkei als nicht islamisches Land betrachtet, soll dies nicht die Grenze bleiben. Offen beansprucht er die Gebiete im Südosten der Türkei für sein Kalifat und droht mit der »Befreiung Istanbuls«. Das an der Brust der AKP-Regierung stark gewordene Monster wird nicht zögern, in die Hand zu beißen, von der es jahrelang gefüttert wurde.
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[1]) Anthony Faiorla/Souad Mekhennet: In Turkey, a late crackdown on Islamist fighters, The Washington Post, Online, 12. August 2014.

[2]) Patrick Cockburn: ISIS consolidates, London Review of Books, 21. August 2014.

[3]) Tolga Tanış: Beweise, dass Waffen nach Syrien gehen, Hürriyet, 15.12.2013.

[4]) Ariel Ben Solomon: Islamic State fighter: Turkey paved the way for us, The Jerusalem Post, Online, 30.7.2014.

[5]) The Washington Post, Online, 12. August 2014

[6]) Jürgen Gottschlich: ISIS-Fahnen in Istanbul, taz Online, 11.7.2014; Hürriyet Daily News, 31.7.14.

[7]) Julian Roherer: Nato-Staat in Gefahr, Focus-Online, 6.8.2014.

[8]) Boris Kalnoky: In der Terrorgruppe IS wird auch türkisch gesprochen, Berliner Morgenpost, Online, 6.8.14.

[9]) Taraf: Opposition MP says ISIS is selling oil in Turkey, al-Monitor, 13.07.14.

[10]) Amberin Zaman: Islamic State uses Turkish Consulate in Mosul as headquarters, al-monitor, 17.7.2014.

[11]) Cengiz Çandar: Wo steht die Türkei in Sachen »Islamischer Staat«? Radikal, 9.8.2014.

Quelle: Civaka Azad

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