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Neben den aktuellen Schreckensmeldungen aus Westasien und der Ukraine ist eine weitere Hiobsbotschaft im April fast untergegangen. Dabei dürfte sie sich auf lange Sicht für die Menschheit als noch katastrophaler erweisen. Wie neue Studien belegen, ist die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruchs der Atlantikströmung, genauer der Atlantischen Meridionalen Umwälzströmung (AMOC), enorm gestiegen. Ein solcher Zusammenbruch würde weitere, schwerwiegende Auswirkungen auf das globale Klima bedeuten. Die AMOC wurde durch die bisherige globale Erderwärmung bereits schwächer. Nun konnte nachgewiesen werden, dass diese Abschwächung bereits stärker ausgefallen ist als bislang angenommen und das die pessimistischsten Prognosen die realistischsten waren. Die nun hochgerechnete zukünftige Verlangsamung der Strömung dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit zu ihrem kompletten Zusammenbruch führen. Erste Anhaltspunkte für ein solches Szenario hatten Wissenschaftler:innen bereits 2021 ausgemacht und seinerzeit darauf hingewiesen, dass ein solcher Kollaps ein empfindlicher Kipppunkt im globalen Klimasystem wäre. Für Europa dürfte ein Zusammenbruch der AMOC eisige Winter und sommerliche Dürren bedeuten. Aber auch Afrika und Amerika wären betroffen, etwa der tropische Regengürtel, der zentral für die Versorgung von Milliarden Menschen ist, würde sich dann nach Süden verschieben.
Im Aufschwung der letzten Klimabewegung, also bis 2020, wurde die Debatte um Kipppunkte und irreversible Umweltzerstörung immerhin wahrgenommen. Seinerzeit war zumindest klar, dass nur ein schnellstmöglicher Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas die Klimakatastrophe noch würde verhindern können. Zwar fehlte schon damals eine ernsthafte gesellschaftliche Perspektive für ein solches Szenario, aber immerhin wurden die Gefahren diskutiert. Teile der herrschende Klasse warben für eine technologische Transformation, auch wenn diese sich bei genauerem Hinsehen meist als Business-Idee gewisser Sektoren des Kapitals entpuppte. Von alledem ist nicht mehr viel übriggeblieben. Was folgte waren die Corona-Pandemie und der Überfall Russlands auf die Ukraine gepaart mit Wirtschaftskrise und Inflation, die Genozide in Gaza und im Sudan und nun die Kriege am Golf, die jetzt die Weltwirtschaft erneut einbrechen lassen. Das politische Echo dieser Dauerkrise(n) war und ist bisher ein globaler gesellschaftlicher Rechtsruck, der die katastrophalen Entwicklungen noch einmal deutlich verschärft. Das Ineinandergreifen dieser gesellschaftlichen Abwärtsspirale wird zwar mancherorts gesehen, aber fast nirgends in eine politische Programmatik übersetzt, die alle Gefahren und Herausforderungen ernst nimmt.
Maßnahmen gegen die ökologische Krise wären in einer solchen Ausrichtung zentral, haben allerdings beim derzeitigen Stand des politischen und gesellschaftlichen Bewusstseins einen schweren Stand. So wichtig und richtig ökologisch radikale Maßnahmen auch wären, so unbeliebt sind sie momentan in weiten Teilen der Bevölkerung. Diese allgemeine Verunsicherung ist bisher der Nährboden für eine gesellschaftliche Rechte, die ein „nach uns die Sintflut“ zum Programm erhoben hat. Wie mit diesem Dilemma umgehen?
In Deutschland hadert die Partei die Linke gerade damit, wie sie mit diesem Widerspruch umgehen soll und macht dabei kein gutes Bild. In Anbetracht der neusten Energiepreisschocks, ausgelöst durch die Kriege in Westasien, verweist der Noch-Parteivorsitzende Jan von Aken zwar immer wieder darauf, dass die Krisenanfälligkeit an der fatalen Abhängigkeit von Öl und Gas liegt. Und in diesem Sinne plädiert die Partei auch abstrakt für ein Ende des fossilen Energiezeitalters. So richtig dieser Gedanke auch ist, es gelingt der Partei bisher nicht, diesen in eine ökosozialistische Agenda zu übersetzen. Dabei ist es zwingend erforderlich ökologische und soziale Verwerfungen gleichermaßen anzupacken. Statt in irgendeiner Weise den fossilen Wahnsinn weiterhin zu subventionieren, muss es nun endlich um den schnellstmöglichen Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas gehen. Nur ist dies nicht mehr ausreichend. Ein solcher muss zwingend um eine Reduktion des Energie- und Materialverbrauchs ergänzt werden. Damit eine solche Reduktion kein Angriff auf den Lebensstandard der lohnabhängigen Bevölkerung ist, müsste er unbedingt mit konkreten Verbesserungen der Lebensbedingungen einhergehen: mit Kämpfen um kollektiven Wohlstand, eine gute gesellschaftliche Infrastruktur, um Gesundheitsversorgung, gesunde Lebensmittel und freie Zeit. Durch eine gute gesellschaftliche Infrastruktur können wir den Energieverbrauch sogar senken, indem wir etwa gemeinsam in guten Kantinen essen und viel kürzere Wege mit dem Fahrrad oder öffentlichen Transportmitteln zurücklegen. Zudem brauchen wir eine drakonische Gesetzgebung gegen Energieverschwendung etwa bei Werbung, Einwegverpackungen und ähnlichen Anachronismen. Alle diese Ziele und Maßnahmen sind selbstredend nur gegen die Interessen und die Macht der Banken und Konzerne und letztendlich das Kapitalverhältnis möglich. Denn offenkundig ist es der Profitzwang, der die gnadenlose Ausbeutung von Mensch und Natur auf die Spitze getrieben hat.
Aber was tut die Linke? Statt die neusten fossilen Subventionen der Regierung zu geißeln und auf ihre fatalen Konsequenzen zu verweisen, übt man nur zaghafte Kritik oder macht sozialpolitische Ergänzungsvorschläge. Die Freigabe nationaler Ölreserven sei nur ein erster Schritt, nun gehe es um einen „koordinierten Ölpreisdeckel“. Dieser soll außerdem mit einer „Übergewinnsteuer“ belegt werden. Zusätzlich bringt man eine „Wiedereinführung des 9-Euro-Tickets“ ins Spiel. Das alles ist richtig, geht aber am Kern der Problematik vorbei. Dass die Ölindustrie durch die neuen Subventionen der Regierung zusätzliche Gewinne einfährt, ist selbstredend eine Sauerei. Trotzdem sind nicht „Übergewinne“ das Problem, sondern die Tatsache, dass das Gewinnstreben per se die Menschheit geradewegs in die Katastrophe führt. In diesem Sinne wäre lediglich die Forderung nach dem 9-Euro-Ticket ein Ansatzpunkt, gesellschaftlichen Wohlstand mit dem unbedingt notwendigen Rückgang des Energie- und Materialverbrauchs zu kombinieren. Aber dies wäre erst der Ausgangspunkt der eigentlichen Diskussion: wie können wir die dringend erforderliche Senkung des Energie- und Materialverbrauchs mit Forderungen nach einem guten Leben in Einklang bringen und konkret programmatisch ausbuchstabieren?
