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Die ukrainischen linken Aktivist:innen Andriy Movchan und Nina Potarska haben sich der Global Sumud Flottille angeschlossen – einer internationalen Flottille, die versucht, die israelische Blockade des Gazastreifens auf dem Seeweg zu durchbrechen. Wir haben mit ihnen über die Risiken der Mission gesprochen. Wir haben gefragt, was es bedeutet, sich in ein Blockadegebiet zu begeben. Wir haben uns auch über die Lage in Gaza, die Parallelen und Unterschiede zur ukrainischen Realität sowie die ukrainische Gesellschaft unterhalten: Wie wird ihr Engagement in ihrer Heimat wahrgenommen? Nicht zuletzt haben wir auch die Unterschiede von menschlicher und staatlicher Solidarität angesprochen und warum die Unterstützung zwischen Völkern für sie wichtiger ist als staatliche Interessenpolitik.
Israelische Streitkräfte überfallen Schiffe der „Global Sumud Flottille“ in internationalen Gewässern und nehmen Besatzungen gefangen
Am 29. April 2026 brachte die israelische Armee 22 der 58 Schiffe westlich von Kreta, über tausend Kilometer von der Küste Gazas entfernt, auf und nahm die Besatzungsmitglieder gefangen.[1] Das war ein militärischer Angriff auf unbewaffnete Schiffe, die friedlich in internationalen Gewässern unterwegs waren und verstößt gegen internationales Recht. Nina Potarska und Andriy Movchan wurden am 2. Mai frei gelassen. Das israelische Militär misshandelte Nina, dass sie sich in einem Krankenhaus auf Kreta untersuchen lassen musste.
Die israelische Regierung fürchtet sich vor der internationalen Aufmerksamkeit für die Mission der Global Sumud Flottille und der wachsenden Solidarität mit dem palästinensischen. Das Europäische Netzwerk für Solidarität mit der Ukraine (ENSU) schrieb in seiner Protesterklärung: „Mächtige Regierungen wie die von Netanjahu und Putin können, obwohl sie bis an die Zähne bewaffnet sind, durch die Massenmobilisierung all derer, die für die Rechte der Völker eintreten, zu Fall gebracht werden. Die Sumud Global Flottille ist ein Symbol für die Empörung der Bevölkerung über die mörderische Gewalt des Krieges und für die Entschlossenheit der Menschen, sich auf die Seite der Unterdrückten zu stellen.“
Nina Potarska und Andriy Movchan haben sich der Sumud Global Flottille angeschlossen, um die humanitären Bemühungen für die blockierte Bevölkerung von Gaza zu unterstützen, gegenüber der sie als Angehörige einer Nation, die ebenfalls Opfer einer brutalen Invasion ist, eine besondere Solidaritätspflicht empfinden.
Commons-Redaktion: Erzählt uns ein wenig über euch selbst, über eure bisherigen Erfahrungen und was euch dazu bewogen hat, an der Global Sumud Flotilla teilzunehmen.
Andriy Movchan: Ich habe schon seit meiner Jugend mit der palästinensischen Bewegung sympathisiert. Schon damals war mir klar, dass dort eine Besatzung stattfindet, dass die Menschen für ihre Grundrechte kämpfen, die Jahr für Jahr brutal verletzt werden. Ich wusste, der Siedlungskolonialismus ein wirkliches Problem ist. Insgesamt war mir intuitiv klar, dass die Sache Palästinas gerecht ist. Später, als ich bereits im Exil lebte, begann ich, mit Palästinenser:innen in Kontakt zu treten, und wurde darin noch mehr bestärkt. Denn trotz der Vielschichtigkeit dieses Konflikts liegt die Wahrheit dennoch auf der Seite der Unterdrückten. Und die unterdrückte Seite ist hier zweifellos das palästinensische Volk.
Nina Potarska: Seit 23 Jahren engagiere ich mich für Menschenrechte mit einem Schwerpunkt auf Frauenrechte. Seit Beginn der Vollinvasion Russlands gegen die Ukraine im Februar 2022 bin ich ständig in Kontakt mit Menschen, die immer noch in den besetzten Gebieten leben. Außerdem arbeite ich seit zehn Jahren mit der WILPF (Women’s International League for Peace and Freedom) zusammen. Das ist eine internationale feministische Antikriegsorganisation, dank derer ich schon mein Leben lang in Kontakt mit Gruppen und Organisationen auf der ganzen Welt bin. Insbesondere gibt es bei der WILPF eine sehr große Gruppe, die sich speziell mit dem Nahen Osten befasst. So ergab es sich ganz natürlich, dass ich entweder bereits mit diesen Menschen zusammengearbeitet habe oder ständig mit ihnen in Kontakt stand.
Als die „neue Welle“ [die erneute Eskalation des Konflikts zwischen Israel und Palästina] begann und die Ereignisse vom 7. Oktober stattfanden, als dann alle möglichen Menschenrechte mit Füßen getreten wurden, wurde sehr deutlich, wie im UN-System mit doppeltem Maß gemessen wird. Ich schäme mich – vor allem gegenüber Menschen, die ich kenne – ehrlich gesagt, dass die Haltung zu einem Land, das unter der Aggression europäischer Länder und der angeblich zivilisierten internationalen Gemeinschaft leidet, so radikal anders ist als gegenüber der Ukraine.
Vor zwei Jahren bin ich mit meinen Kindern nach Kanada gezogen, fahre aber regelmäßig in die Ukraine, da alle meine Projekte die Ukraine betreffen. Ich jedes Mal überrascht es mich, dass die Ukraine – die ukrainische Regierung, die ukrainische Gesellschaft – sich nicht mit ähnlich unterdrückten und besetzten Gebieten und Gesellschaften identifizieren, die unter der Herrschaft von Invasor:innen leiden.
Ich halte die Unterstützung Palästinas für so grundlegend, dass ich sie schwer in Worte fassen kann. Sie umfasst Würde, Rechte, ein allgemeines Gerechtigkeitsempfinden und die Rolle des Staates im Koordinatensystem jedes Menschen. Für mich stellt sich die Frage nicht, ob diese Unterstützung angebracht ist oder nicht. Wir sind gegen Besatzung, und um unsere Unterstützung auszudrücken, solidarisieren wir uns mit den Unterdrückten.
A. M.: Ich glaube, es ist wichtig anzusprechen, warum wir uns überhaupt dazu entschlossen haben, dabei zu sein. Schon nach der letzten Flottille im September 2025 hatte ich das Gefühl, dass mein Platz genau dort sein muss.
Ich sehe hier mehrere Ebenen. Erstens ist es eine direkte Beteiligung am Kampf gegen die Ungerechtigkeit gegenüber dem palästinensischen Volk. Zweitens wollen wir das unserer Gesellschaft demonstrieren und das Thema in einem neuen Licht zu zeigen; also auf eine verständliche Weise und aus einer anderen Perspektive erklären, was in Palästina geschieht, und warum wir mit diesem Volk solidarisch sein müssen.
Und drittens, und dies ist genauso wichtig, geht es darum, dem Rest der Welt – insbesondere dem Globalen Süden und pro-palästinensischen Menschen im Westen – zu zeigen, dass die Ukrainer:innen diesem Leid nicht tatenlos zusehen; dass wir nicht nur um Solidarität für uns selbst bitten, sondern auch in der Lage sind, sie gegenüber denen zu zeigen, die sich in einer ähnlichen, vielleicht sogar noch schlimmeren Situation befinden.
Die Menschen in Palästina gehören bildlich gesprochen einem anderen geopolitischen Lager an, sind aber Opfer der gleichen militärischen Aggression und Besatzung. Ich bin fest davon überzeugt, dass uns ein solcher Dialog mit dem Globalen Süden und dem linken Spektrum sehr fehlt. Dies soll einer der ersten Versuche sein, einen solchen Kontakt herzustellen.
Lasst uns über die Global Sumud Flotilla sprechen. Worum geht es, was sind Kernidee, ihre Mission und ihre Werte? Wie groß ist diese Initiative und wer beteiligt sich daran?
A. M.: Das Ziel ist einen humanitären Korridor in das blockierte Gaza zu schaffen, denn der Gazastreifen ist sowohl zu Lande als auch zu Wasser unter vollständiger militärischer Blockade. Nach all den Kampfhandlungen, die trotz des Friedensplans immer noch andauern, liegt das ganze Gebiet in Trümmern. Es ist eine vollständige humanitäre Katastrophe: die gesamte Infrastruktur ist zerstört, Krankenhäuser sind ruiniert, sanitäre Einrichtungen fehlen vollständig und es mangelt an sauberem Wasser.
Die Menschen leben unter schrecklichen Bedingungen; in Zelten, die schon bei leichtem Regen unter Wasser stehen. Die Krankheitsraten sind extrem hoch. Die Menschen hungern. Die allerschlimmsten Phasen, wie im vergangenen Sommer, sind glücklicherweise vorbei, aber Massenunterernährung und Hunger bleiben.
Das Paradoxon der humanitären Hilfe liegt darin, dass die UNO diese zwar in ausreichendem Umfang bereitstellen könnte, jedoch Israel humanitäre Hilfsgüter einfach nicht in der erforderlichen Menge nach Gaza durchlässt, wodurch die Lieferungen vor den Kontrollpunkten stehen und verderben. Hilfe von außen kommt nicht durch, auch nicht auf dem Seeweg, da die israelische Marine und die Grenzbehörden auch das Meer blockieren, was zweifellos rechtswidrig und ein Verstoß gegen das Völkerrecht ist. Israel hat keinerlei rechtliche Grundlage, die Küstengewässer des Gazastreifens zu kontrollieren. Unsere Mission ist deshalb, die Seeblockade zu durchbrechen, damit ein humanitärer Korridor eingerichtet wird und damit vor allem genügend humanitäre Hilfsgüter dorthin gelangen können.
Wie soll dieser humanitäre Korridor im Rahmen der Mission eingerichtet werden? Soweit ich weiß, gab es bereits Versuche, den Gazastreifen für humanitäre Hilfe auf dem Seeweg zu erreichen. Könnt ihr uns etwas über diese früheren Versuche und deren Erfolge oder Misserfolge erzählen? Warum glaubt ihr, dass es euch diesmal gelingen wird?
N. P.: Leider waren die bisherigen Versuche nur in den Medien erfolgreich, und nur ein einziges Boot schaffte es knapp ans Ufer. Ihm fehlten lediglich 20 Kilometer. Dieses Mal beteiligen sich mehr Menschen und mehr Boote. Die Hoffnung ist, dass Israel kräftemäßig die Flottille dieses Mal nicht aufhalten kann, da es schon beim letzten Mal fast an seine Grenzen kam. Außerdem ist Israel derzeit mit einem anderen Krieg beschäftigt. Somit gibt es die Chance, dass zumindest einige Boote das Ufer erreichen können.
Beim letzten Mal wurden die Boote beschlagnahmt, und die Teilnehmer:innen festgenommen. Einige wurden nach ein paar Stunden freigelassen, andere erst nach ein paar Tagen. Es fand ein offizielles Festnahme- und Abschiebeverfahren statt.
Wir wurden im Rahmen der Flottille zu Festnahmen geschult und uns wurde erklärt, wie wir uns in einem solchen Fall verhalten sollten. Leider ist es sehr wahrscheinlich, dass wir festgenommen und anschließend in unsere Heimatländer deportiert werden. Alle Teilnehmer:innen sind sich dessen bewusst. Bei der Schulung habe ich gehört, dass die Einstellung der israelischen Behörden gegenüber ethnischen Palästinenser:innen, die an früheren Versuchen teilgenommen haben, besonders bei der Festnahme anders ist, und dass bei palästinensischer Herkunft andere Vorgehensweisen angewandt werden. Viele Teilnehmer:innen bestätigen, dass sowohl Festnahme als auch Gefängnisaufenthalt vom Pass abhängen. Ob man geschlagen wird und wie lange man festgehalten wird, hängt in erster Linie von der Staatsangehörigkeit ab.
A. M.: Dieses Mal fahren etwa 80 Boote mit rund tausend Teilnehmer:innen unterschiedlicher Herkunft. Unter ihnen befinden sich professionelle Seeleute, die sich bereit erklärt haben, diese Boote zu steuern, Vertreter:innen von Medien, und humanitäre Helfer:innen, darunter Mediziner:innen, an denen es in Gaza sehr mangelt, sowie Lehrkräfte, die dort ebenfalls fehlen. Und auch Spezialist:innen für den Wiederaufbau sind dabei, denn alles ist zerstört.
N. P.: Unsere Hauptaufgabe ist es, die Küste zu erreichen. Festnahmen sind unvermeidbar, aber diejenigen, die nicht verhaftet werden, werden einen Korridor bilden und diesen für andere Boote offenhalten, die schnell aus der Türkei und anderen Nachbarländern kommen könnten. Das Mindestziel besteht darin, die Einhaltung des Völkerrechts sicherzustellen – das heißt, dafür zu sorgen, dass die Gewässer vor Gaza nicht unrechtmäßig von den israelischen Besatzungstruppen kontrolliert werden.
Welche Reaktion erwartet ihr von den israelischen Behörden? Ihr habt bereits die Festnahmen und Abschiebungen von Teilnehmenden erwähnt. Rechnet ihr mit militärischen Gegenmaßnahmen seitens Israels?
A. M.: Bei früheren Missionen kam es zu schlimmen Ereignissen, wie der Vorfall des türkischen Schiffs „Mavi Marmara“ zeigte. Damals [im Jahr 2010] wurde das zivile Schiff gestürmt, wobei zehn Menschen getötet wurden. Die Aktivist:innen leisteten Widerstand und versuchten, sich mit Steinschleudern gegen die Hubschrauber der bewaffneten Spezialeinheiten zu wehren, was aber gewaltvoll eskalierte und zu Toten führte, weshalb man die Taktik danach grundlegend änderte. Zwar waren die Aktionen unbewaffneter Menschen gegen die Elitemarinespezialeinheit äußerst mutig, jedoch irrational und ineffektiv.
Commons: Seither folgt die Mission dem Prinzip maximaler Gewaltlosigkeit.
N. P.: Im Falle einer Festnahme oder Verhaftung handeln die Teilnehmer:innen friedlich und widerstandslos, um sich selbst und andere Schiffe nicht in Gefahr zu bringen und vor allem, um neue Opfer zu vermeiden.
A.M.: Wir hoffen, dass alles relativ ruhig verläuft, soweit dies unter den Umständen einer möglichen Abfangaktion möglich ist. Erstens hat Israel derzeit ernsthafte Probleme mit seinem internationalen Ansehen, und steht unter genauer und kritischer Beobachtung der internationalen Presse. Zweitens haben viele der Teilnehmer:innen „starke Pässe”, kommen also aus den USA, Kanada, den EU-Ländern, Australien und Japan. Offensichtlich machen diese Umstände es für die Sicherheitskräfte deutlich schwerer, sich das Verhalten zu erlauben, das normalerweise Palästinenser:innen in den besetzten Gebieten erfahren. Genau deshalb haben wir gute Hoffnungen, dass es diesmal ohne nennenswerte Gewalt ablaufen wird.
Und wie läuft die Auswahl für die Global Sumud Flotilla ab? Muss man bestimmte Anforderungen erfüllen?
A. M.: Ich denke, wir können hier nicht alle Einzelheiten des organisatorischen Ablaufs offenlegen, auch aus Sicherheitsgründen, insbesondere im Hinblick auf die operative Sicherheit. Generell gibt es jedoch einige Grundprinzipien.
N. P.: Auf der offiziellen Website gibt es ein Formular, über das man sich bewerben kann, und in jedem Land kümmert sich eine Vertretung oder eine Aktivist:innengruppe um die Auswahl der Kandidat:innen. Bei mir ging das über Kanada.
Der Fragebogen enthält Felder zum Wohnsitzland und zur Staatsangehörigkeit. Obwohl Andriy und ich uns als Vertreter:innen der Ukraine beworben hatten, wurde er schließlich der spanischen Gruppe zugeordnet, ich hingegen der kanadischen. Die kanadische Seite erklärte mir später, dass sie mich dadurch, dass ich nur einen ukrainischen Pass habe und in Kanada nichts besitze, rechtlich nicht „absichern“ könne und empfahl mir, mich zum Beispiel an Polen zu wenden.
Das zeigt, wie wichtig die „Stärke des Passes“ ist. Einige nationale Gruppen verfügen über starke rechtliche Unterstützung und erheblichen Einfluss, und in bestimmten Ländern waren die Wartelisten extrem lang und die Auswahl sehr sorgfältig, wobei genaue Kriterien organisationsintern bleiben.
Erzählt uns doch bitte etwas mehr über die Teilnehmer:innen aus den Ländern der Peripherie oder dem sogenannten Globalen Süden.
N. P.: Tatsächlich sind nicht so viele Menschen aus dem Globalen Süden dabei. Wir haben eine türkische Gruppe und Menschen palästinensischer Herkunft mit verschiedenen Pässen.
A. M.: In Barcelona gab es mehr Menschen aus Ländern des Globalen Südens. Wir starten in Sizilien, und der erste Teil der Flottille ist zum Zeitpunkt unseres Interviews bereits vor einer Woche aus Barcelona abgefahren. Ich habe diese Gruppe mit verabschiedet. Viele waren aus Malaysia, Indonesien und Südafrika. Lateinamerika ist auch stark vertreten: Argentinien, Brasilien und andere Länder.
Laut Plan soll die erste Gruppe zu uns nach Italien kommen, und dann werden wir gemeinsam weiterfahren. Den nächsten Punkt der Route dürfen wir nicht bekanntgeben. An jeder „Station“ warten wir auf neue Boote, schließen uns zusammen und segeln gemeinsam weiter.
Interessanterweise war in der letzten Flottille aus dem postsowjetischen Raum nur eine Person aus Litauen dabei. Jetzt ist, soweit ich weiß, die ukrainische Gruppe die einzige Vertretung dieser Region. Wir haben weder Menschen aus Russland noch aus Belarus, oder anderen Ländern der früheren Sowjetunion. In gewisser Weise sind wir Pionier:innen.
Glaubt ihr, dass solche gemeinsamen Solidaritätserfahrungen eine zukünftige praktische Grundlage bilden können, um antiimperialistische Grundsätze und Menschenrechte innerhalb der globalen Linken zu thematisieren?
N. P.: Wir wussten im Voraus nicht, wer genau zu den Teilnehmer:innen gehören würde, aber jeden Tag treffen wir Menschen, die Zeit in der Ukraine verbracht haben, sei es vor einiger Zeit oder erst kürzlich. Einige arbeiteten dort als medizinische Fachkräfte, andere waren an humanitären Einsätzen beteiligt. Zum Beispiel ist eine Frau aus den Niederlanden bei uns, die den Grünen angehört: Sie erzählte uns, dass sie gerade eine weitere humanitäre Hilfslieferung in die Ukraine geschickt hätten.
Auch ein junger Mann aus der Türkei ist dabei, der Kontakt zu Serhij Movchan von den Solidarity Collectives hält. Diese Menschen fahren also nicht nur nach Palästina, sondern haben auch der Ukraine geholfen, was wir zuvor nicht wussten.
Ich halte es für äußerst wichtig, auf ihr Engagement und diese gemeinsame Solidarität aufmerksam zu machen. Ich hätte gar nicht erwartet, hier so viele Menschen zu treffen – Journalist:innen, Mediziner:innen, Aktivist:innen. Jeden Tag lernen wir jemanden Neues kennen. Es ist eine besondere Art von Menschen – Aktivist:innen, Linke, Anarchist:innen, die nach dem Prinzip der Solidarität leben. Und die Ukraine steht ebenso wie Palästina im Fokus ihrer Aufmerksamkeit und ihres Handelns.
A. M.: Man sollte aber anmerken, dass bei weitem nicht alle Linken solidarisch mit diesen beiden sich gegen die Besatzung wehrenden Völkern sind [also mit dem palästinensischem wie dem ukrainischen]. Vor allem in Südeuropa und Lateinamerika gibt es viele „Campist:innen“, die zum Großteil aus stalinistischen oder poststalinistischen Bewegungen kommen, oder stark von ihnen beeinflusst werden.
Diese Menschen sehen die Welt in schwarz-weiß. Da gibt es „unser Lager“, das alle einschließt, die sich den USA widersetzen und auf der anderen Seite alle anderen. So eine vereinfachte Schematisierung erlaubt es ihnen, selbstsicher schlechte Entscheidungen zu treffen, die bis hin zur Leugnung des Existenzrechts der Ukraine gehen.
N. P.: Wir sind überzeugt, dass man dem entgegenwirken muss, insbesondere indem wir solidarisch sind und die Kämpfe verschiedener Bevölkerungen vereinen. Ich sehe hier auch einen gewissen Platz für meine Erfahrungen aus der Zeit als ich in Mexiko und Kolumbien war und mit verschiedenen Frauen- und linken Gruppen gesprochen habe. Mit dieser Erfahrung unterscheide ich zwischen autoritären und nicht-autoritären Linken. Diejenigen, die zum Autoritarismus neigen, verbinden sich häufiger mit staatlichen Interessen und globalen internationalen Koalitionen.
In Mexico beispielsweise, wird die Ukraine-Frage nicht unter dem Aspekt gesehen, dass die ukrainische Bevölkerung unter dem Krieg leidet, sondern darin, sich gegen die Interessen der USA zu wehren. Da sie selbst unter der Politik Washingtons leiden, nehmen Linke in Mexico Russland sehr schematisch wahr, als einen entfernten, aber “taktischen Verbündeten” im Kampf gegen die USA.
Das ist zwar nachvollziehbar, doch ich stelle mich auf die Seite der Solidarität zwischen den Menschen, nicht zwischen den Staaten. Meiner Meinung nach verläuft genau hier die wichtigste Trennlinie. Weltweit wird die Ukraine nach wie vor oft über ihre offizielle politische Positionierung wahrgenommen und nicht über die Stimmen „von unten“: Aktivist:innen, humanitäre Helfer:innen oder Menschenrechtsverteidiger:innen.
Ich engagiere mich mittlerweile stark in der internationalen Interessenvertretung und hatte bisher keine Konflikte mit Kolleg:innen oder Frauengruppen aus Afrika und dem Nahen Osten. Doch genau diese horizontale Ebene steht im Gegensatz zur staatlichen Politik oder zur offiziellen Vertretung einer Nation durch staatliche Interessen.
Seit Beginn der Vollinvasion gibt es in der Ukraine die Ansicht, dass man die Aufmerksamkeit der Welt ausschließlich auf die Ukraine richten solle und dass jede Ablenkung dieser Aufmerksamkeit auf andere Konflikte uns nur schade. Mit anderen Worten: Warum hilft ihr Gaza, wenn Hilfe hierzulande gebraucht wird?
A. M.: Die Flottille scheint mir in diesem Zusammenhang eine Form der Hilfe für die Ukraine zu sein: eine Art Volksdiplomatie zwischen den Menschen, ein Weg, Brücken zu Gruppen zu schlagen, die derzeit von unserer Zivilgesellschaft und unseren diplomatischen Diensten völlig ignoriert werden.
Diese Aufgabe können neben uns nur Wenige wirklich umsetzen. Diese Mission ist also nicht nur wichtig für die unmittelbare Unterstützung der Palästinenser:innen, macht die Ukraine an Orten sichtbar, wo wir bislang nicht gehört wurden.
N. P.: Wenn man in Kategorien der Solidarität denkt, sollte man bedenken, dass Staaten oft nicht die tatsächlichen Bedürfnisse und Einstellungen der Menschen repräsentieren, die sie eigentlich vertreten sollten. Das führt zu schwierigen und manchmal sogar gefährlichen Situationen für Ukrainer:innen in Europa, Nordamerika und Lateinamerika, denn Flüchtlinge gibt es mittlerweile überall. In Polen sind wir längst nicht mehr überall willkommen.
In vielen Ländern denkt die Bevölkerung beim Krieg in der Ukraine zunehmend an ausgeschöpfte Ressourcen: Menschen sehen ihre eigene ansteigende Armut und richten ihre negative Stimmung, manchmal sogar alltäglichen Hass, gegen Ukrainer:innen. In ihren Augen denken wir nur an uns selbst, während uns die Bedürfnisse und Probleme anderer Bevölkerungen angeblich gleichgültig seien. Das ist eine ziemlich egozentrische Haltung, die es anderen Gruppen von Aktivist:innen und Solidaritätsgemeinschaften sehr macht, eine gemeinsame Sprache mit uns zu finden.
Hattet ihr bereits politische Diskussionen mit Kolleg:innen anderer Länder, unter anderem über die geringe Unterstützung für Palästina unter den Ukrainer:innen?
N. P.: Bisher gab es noch keine Diskussionen, obwohl wir zu Beginn angespannt waren, weil wir nicht wussten, was uns erwartet. Nach unserer Ankunft haben wir uns den Organisator:innen anvertraut, die uns trainierten und vorbereiteten. Der Fokus war weniger auf Ideologie – obwohl auch über das Konzept der Flottille und die Ereignisse in Gaza gesprochen wurde –, sondern vielmehr auf technischen Details. Wir waren schon einen Tag lang auf dem Boot, haben es gereinigt und abfahrtsbereit gemacht. Morgen folgen weitere Schulungen, insbesondere medizinische. Es gibt so viele organisatorische Fragen, dass für politische Diskussionen einfach keine Zeit und kein Raum bleibt. Wir suchen stattdessen derzeit nach Kontakten zu Personen für Zusammenarbeit und Interviews, die bereits in der Ukraine gearbeitet haben oder zumindest den Kontext unserer Ereignisse verstehen.
In der ersten Woche versuchen wir uns zu orientieren: wo wir sind, wer wir sind, was wir in diesem Umfeld tun können und wie wir sicher vorgehen. Es wurden zahlreiche Sicherheitsmaßnahmen eingeführt, und da wir bereits der Teilnahme und Zusammenarbeit zugestimmt haben, müssen wir den Koordinator:innen in technischen und organisatorischen Fragen vertrauen.
A. M.: Was politische Diskussionen angeht, hatte ich tatsächlich gewisse Bedenken. Angesichts des erheblichen Einflusses stalinistischer Tendenzen in Südeuropa war ich etwas besorgt. Doch als wir begannen, Menschen kennenzulernen, war ich angenehm überrascht, wie offen, positiv und undogmatisch sie waren.
Das hat mich wirklich tief beeindruckt. Vielleicht hatten wir einfach Glück. Ich nehme an, das Schicksal selbst bewahrt uns vorerst davor, Menschen zu begegnen, denen wir lieber nicht begegnen würden.
Warum beteiligen sich Menschen aus dem postsowjetischen Raum euer Meinung nach nicht so bereitwillig an Initiativen zur Unterstützung Palästinas?
N. P.: Ich glaube, das hat sprachliche Gründe, und auch, weil wir keine Kolonie des britischen Commonwealth waren, wodurch unser Kontext ein anderer ist. In der Ukraine interessieren sich generell nicht viele Menschen für globale Entwicklungen, und die Berichterstattung über internationale Nachrichten ist derzeit besonders dürftig. Die Wahrnehmung der Menschen hinsichtlich der weltweiten Geschehnisse wird zunehmend engstirnig. Dies ist eine sehr besorgniserregende Entwicklung.
A. M.: Ein größeres Verständnis der Sichtweise der israelischen Seite kann durch verschiedene Faktoren erklärt werden. Einiges ist durchaus objektiv, insbesondere, dass Israel eine sehr westlich geprägte Gesellschaft ist, wodurch es in seiner Kultur und Lebensweise unserer Gesellschaft deutlich ähnlicher ist als andere Gesellschaften im Nahen Osten. Die Wolkenkratzer, die Strände von Tel Aviv oder die Nachtclubs sind auf den ersten Blick viel verständlicher als die muslimische Welt, die Armenviertel oder die kinderreichen Familien, obwohl auch israelische Siedler:innen große Familien haben.
Die riesige russischsprachige postsowjetische Diaspora in Israel ist ein weiterer Grund. Ich glaube, fast jeder hat Bekannte, Nachbar:innen oder Verwandte, die in Israel gelandet sind, was eine gewisse Kommunikationsbrücke schafft.
N. P.: Und natürlich gab es die Tragödie des jüdischen Volkes während des Zweiten Weltkriegs. Diese Verluste und diese Ungerechtigkeit sind uns stärker im Bewusstsein. Vielleicht empfinden wir dafür einfach mehr Mitgefühl für die Tragödie des jüdischen Volkes. Und das, obwohl es bei uns schon vor dem Ausbruch des Krieges zu Angriffen auf Synagogen kam. Natürlich hat sich in den letzten Jahren die Situation stark verändert.
Israel selbst ist für viele Ukrainer:innen ein Vorbild mit seiner Armee und der Art und Weise, wie es sich gegen seine feindliche Umgebung behauptet. Das sind alles Ansichten, die im öffentlichen Diskurs vertreten sind.
Das Interesse für internationale Politik und Ereignisse in anderen Ländern war früher geringer. Aber die Geschehnisse in Palästina beschränken sich nicht auf die aktuellen Massentötungen, sondern sind Teil einer längeren Geschichte: Jahrzehnte illegaler Verhaftungen, insbesondere von Kindern, und die Bedingungen, unter denen die Menschen leben mussten. Es ist so wie jetzt in den Regionen Donezk und Luhansk: ich höre oft von den Bewohner:innen, dass sie für manche zunächst genug ukrainisch waren und jetzt für Russland nicht genug russisch sind. Es ist so eine Grauzone, mit der alle manipulieren, um die alle kämpfen, aber eigentlich interessieren die Menschen, die dort leben, niemanden. Und was in Palästina geschieht, erscheint mir ähnlich zu sein.
Bevor Israel seine Offensive startete, hörten wir selten von den Lebensbedingungen der Menschen dort, von den Formen der Gewalt oder den unrechtmäßigen Festnahmen von Palästinenser:innen. Oder davon, dass die Menschen buchstäblich keinen Zugang zu Grundversorgungsgütern haben. Als wir in Kanada waren, lernte ich einige Palästinenser:innen kennen. Sie versuchten ständig, ganz einfache Dinge wie Zahnpasta oder Hygieneartikel zu kaufen, weil es das zu Hause einfach nicht gab. Man muss verstehen, unter welchen Bedingungen diese Menschen viele Jahre lang gelebt haben. Was dann geschah, war gewissermaßen der Höhepunkt und die Antwort einer Ungerechtigkeit auf eine andere Ungerechtigkeit.
A. M.: Man darf außerdem die Macht der Propaganda nicht unterschätzen. Israel verfügt über eine extrem mächtige Propagandamaschinerie. Wir kennen die russische Propaganda gut, aber die israelische ist nicht schlechter, sondern vielleicht sogar deutlich besser. Das ist die Arbeit ganzer Abteilungen, der Einsatz künstlicher Intelligenz: alles funktioniert äußerst professionell.
Wenn man bedenkt, dass 20 % der israelischen Bevölkerung russischsprachig sind, können wir einen Blick auf YouTube werfen. Die Inhalte kommen oft von israelischen Expert:innen zu Politik, Wirtschaft und Militär. Was wir über die Konflikte im Nahen Osten hören, wird überwiegend durch die Brille der israelischen Militärpropaganda präsentiert. Wir haben Zugang zu russischsprachigen Inhalten, aber nicht zu den arabischsprachigen.
Leider gelingt es der israelischen Propaganda, die vom Krieg traumatisierte ukrainische Gesellschaft zu manipulieren. Wenn man dir sagt: „Hey, Kumpel, wir gehören zum selben geopolitischen Lager, es ist ganz einfach – such dir ein Team aus und feuere es an“, dann akzeptiert man schnell ein so vereinfachtes und primitives Schema.
Wenn wir uns jedoch die Grundsätze vor Augen führen, auf denen der ukrainische Widerstand gegen die russische Aggression basiert – die Bekämpfung des Imperialismus, der Widerstand gegen koloniale Eroberung und die Einhaltung des Völkerrechts –, dann sind das genau die Dinge, die die Palästinenser:innen seit Jahrzehnten für sich selbst fordern. Wahrscheinlich liegt genau hier der Schlüssel zum Verständnis der Konflikte im Nahen Osten.
Referenzen
Das Interview wurde von der ukrainischen Zeitschrift Spilne – Commons Journal geführt. Es wurde am 27. April auf Ukrainisch und am 29. April auf Englisch veröffentlicht.[2] Wir danken den Genoss:innen der Ukrainischen Linken Initiative für die Übersetzung ins Deutsche.
Bildquelle: Foto von Ahmed auf Unsplash
[1] Israeli forces raid Global Sumud Flotilla boats in international waters. Al Jazeera, 29 April 2026 https://www.aljazeera.com/news/2026/4/29/israeli-military-speedboats-block-gaza-bound-aid-ship
[2] Прорвати блокаду Палестини: українці на Sumud Flotilla. Spilne 27 April 2026. https://commons.com.ua/uk/flotyliia-v-hazu-interviu-z-ukraintsiamy-na-bortu/; Breaking the Gaza Blockade: Ukrainians on the Sumud Flotilla. Commons Journal 29 April 2026 https://commons.com.ua/en/flotyliia-v-hazu-interviu-z-ukraintsiamy-na-bortu/
Nina Potarska ist eine ukrainische Soziologin, Forscherin im Bereich der feministischen politischen Ökonomie und Direktorin des Center for Social and Labor Research (CSLR) sowie Mitglied der Global Women’s Alliance for Security Leadership (WASL). Sie war fast ein Jahrzehnt lang für die Women’s International League for Peace and Freedom (WILPF) tätig und leistete einen Beitrag zur feministischen Friedensförderung, zur politischen Interessenvertretung und zu Initiativen für den internationalen Dialog.
Andriy Movchan ist ein ukrainischer linker Aktivist, der nach politischer Verfolgung durch die extreme Rechte die Ukraine verlassen musste. Er lebt in Barcelona, wo er sich Medienaktivismus, Kunst, und Journalismus widmet. Seine Arbeit konzentriert sich auf sowjetische und postsowjetische Kontexte. Er ist aktiv im European Network for Solidarity with Ukraine und Mitglied der Gewerkschaft UGT. Er ist unter andriyko22@gmail.com erreichbar.
