Share This Article
Böden und Umwelt in der Ukraine werden im Krieg nicht nur durch Minen, giftige Munitionsreste, Schwermetalle und andere toxische Substanzen belastet (Munition gegen fruchtbare Böden); im intensiven Weizen-, Soja-, Mais- und Sonnenblumenanbau werden darüber hinaus enorme Mengen an Pestiziden eingesetzt. Durch die Bedeutung der Landwirtschaft für die ukrainische Wirtschaft betrifft dies eine große Fläche: 40% des Staatsgebiets werden Jahr für Jahr mit giftigen Pestiziden behandelt. Da sich Pestizide über die Luft und das Wasser großflächig verbreiten, wirkt sich dies negativ auf die menschliche Gesundheit und Umwelt aus. Auch nicht-landwirtschaftliche Gebiete sind betroffen. Seit der groß angelegten Invasion 2022 hat sich das Risiko, dass Pestizide in die Umwelt gelangen, noch erheblich erhöht, da Russland gezielt landwirtschaftliche Betriebe angreift, darunter auch Lagerhäuser mit Agrochemikalien, wodurch diese praktisch zu einer Art chemischer Waffe werden (Red.).
„Zum ersten Mal in der Weltgeschichte ist jeder Mensch von nun an vom Moment der Empfängnis bis zum Tod dem Kontakt mit gefährlichen Chemikalien ausgesetzt“, schrieb die Biologin und Autorin Rachel Carson in ihrem einflussreichen Buch „Silent Spring“ [„Stummer Frühling“] aus dem Jahr 1962. Sie bemerkte: „In den weniger als zwei Jahrzehnten ihres Einsatzes haben sich die synthetischen Pestizide so gründlich in der belebten und unbelebten Welt verbreitet, dass sie praktisch überall vorkommen.“
Trotz der geografischen und zeitlichen Distanz zwischen den Vereinigten Staaten von 1962 und der Ukraine von 2025 ist Carsons Werk für uns weitaus relevanter, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Heute ist die ukrainische Landwirtschaft untrennbar mit dem Einsatz großer Mengen giftiger Chemikalien, also Pestiziden, verbunden. Dieser Artikel ist eine Einladung, über den gelben Horizont der Sonnenblumenfelder hinauszuschauen und den Preis zu betrachten, den die Ukraine trotz des Krieges zahlt, um ihre Rolle als „Kornkammer Europas“ weiterhin zu erfüllen.
(Un-)Sicherheit durch Agrochemikalien
Die Rolle von Pestiziden in der landwirtschaftlichen Produktion ist klar: Sie sollen Nutzpflanzen vor potenziellen „Angreifern“ wie anderen Pflanzen [„Unkraut“], Insekten oder Krankheitserregern schützen, die diese in ihrem Wachstum behindern oder vernichten könnten. Unklarheiten entstehen, wenn die Gesellschaft, vertreten durch eine staatliche Behörde, entscheiden muss, ob der Nutzen eines bestimmten Pestizids die Risiken für die menschliche Gesundheit und die Umwelt überwiegt. Ein Weg, der Antwort näher zu kommen, besteht darin, das Verhältnis von relativ sicheren zu gefährlichen Pestiziden zu betrachten, basierend auf Daten des staatlichen Amtes für Statistik.
So besteht mehr als die Hälfte aller in der Ukraine eingesetzten Pestizide aus chemischen Verbindungen, die in der EU verboten sind [1] (siehe Infografik 1). Das bedeutet, dass jedes zweite Kilogramm Pestizide, das zur Behandlung ukrainischer Felder verwendet wird, gefährliche Substanzen enthält, die in der Europäischen Union keine Zulassung haben. Doch auch die übrigen Pestizide sind nicht gänzlich unbedenklich: Dutzende dieser Produkte sind in der internationalen Liste hochgefährlicher Pestizide aufgeführt, die seit 2009 vom Pesticide Action Network (PAN) geführt wird. Eine Verbindung wird in diese Liste aufgenommen, wenn sie „häufig schwere oder irreversible schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit oder die Umwelt“ verursacht. Um zu verstehen, was genau solche Risiken rechtfertigt, lohnt es sich zu untersuchen, welche Chemikalien am häufigsten vorkommen und wofür sie verwendet werden.

Quelle: Staatliches Register der in der Ukraine zugelassenen Pestizide und Agrochemikalien; Internationale Liste hochgefährlicher Pestizide (PAN); Pestizid-Datenbank der Europäischen Union.
Die in der Ukraine am häufigsten verwendeten giftigen Agrochemikalien bilden eine Gruppe, die man als „Millionen-[Kilogramm]-Pestizide“ bezeichnen könnte: Acetochlor, Propisochlor, S-Metolachlor, Prometryn und Glyphosat (einschließlich aller seiner Salze) [2]. Von 2018 bis 2024 wurden Pestizide, die diese Wirkstoffe enthalten, in Mengen von über einer Million Kilogramm pro Jahr ausgebracht. Die ersten vier wurden von der EU als zu gefährlich für die menschliche Gesundheit und die Umwelt eingestuft und verboten, während der fünfte – Glyphosat – noch nicht verboten ist, aber strengen Kontrollen unterliegt. Gleichzeitig machten diese fünf Wirkstoffe in der Ukraine zusammen fast die Hälfte (47 %) aller im Jahr 2021 eingesetzten Pestizide aus. Diese Gruppe von fünf Wirkstoffen stellt nur eine Handvoll Namen von den 280 in der Ukraine zugelassenen Wirkstoffen dar. Insgesamt sind 86 im Inland zugelassene Wirkstoffe in der EU verboten. Von fast 3.000 zugelassenen Pestizidprodukten sind diese Verbindungen in mehr als 800 enthalten.

Quelle: Staatlicher Statistikdienst der Ukraine
Die in der Ukraine am häufigsten verwendeten Pestizide sind nicht nur ordentlich in Tabellen und Diagrammen aufgereihte Zahlen, sondern stellen konkrete Risiken für die Menschen dar. In erster Linie für diejenigen, die auf den Feldern mit ihnen arbeiten, aber auch für den Rest der Bevölkerung, da Agrochemikalien in Wasser und Lebensmittel gelangen.
Acetochlor beispielsweise wird von der ukrainischen Regierung als Gefahr der Klasse II eingestuft [3]. Es wird mit einem erhöhten Krebsrisiko – insbesondere für Darm- und Lungenkrebs – in Verbindung gebracht, beeinträchtigt die Fruchtbarkeit und kann bei längerer Exposition innere Organe schädigen.
Andere häufig verwendete Herbizide – Propisochlor, Prometryn und S-Metolachlor – werden je nach Zusammensetzung als Gefahrenklasse II oder III eingestuft. Forschungsergebnisse zeigen, dass Propisochlor besonders lebertoxisch ist, das Immunsystem bei Menschen und Tieren schwächt und sogar die Darmflora verändern kann.
In der Ukraine wird Glyphosat offiziell als Gefahr der niedrigeren Klasse III oder IV eingestuft. Dennoch stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung der WHO es bereits 2015 als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ ein.
All diese Stoffe haben eines gemeinsam: Sie sind für Wasserorganismen extrem giftig und haben langfristige Auswirkungen auf Ökosysteme.

Quelle: Staatliches Statistikamt der Ukraine
Die Sprache der Pestizidhersteller:innen und -verkäufer:innen ist voller Begriffe, die eine Illusion von Kontrolle vermitteln. Einer der Schlüsselbegriffe ist der Ausdruck „Zielschädling“ – der „Schädling“, gegen den sich die Wirkung des Pestizids richtet. Es scheint ganz einfach zu sein: Es gibt ein „Ziel“ – ein Unkraut, einen Käfer oder ein Nagetier, das die Ernte bedroht – und es gibt eine „Waffe“, die verspricht, die Ernte zu schützen. In Wirklichkeit verläuft die Wirkung eines Pestizids jedoch selten so geradlinig. Der Wirkstoff von Pestiziden kann unbeabsichtigt töten – Vögel, bestäubende Insekten, Säugetiere, die sich zufällig in Reichweite der Chemikalie befanden.
So wurde beispielsweise das seit 2004 in der EU verbotene Herbizid Atrazin von Wissenschaftler:innen im Dnipro-Fluss zusammen mit 160 weiteren landwirtschaftlichen und industriellen Schadstoffen nachgewiesen. Sie stellten fest, dass „der ökologische Zustand des Dnipro-Flussgebiets im Grunde katastrophal ist“. Dies ist leider kein Einzelfall. Atrazin reichert sich in der Umwelt an; dabei gelangt es unter anderem ins Grundwasser und bildet beim Abbau weitere giftige Verbindungen. Es wird häufig in Gewässern gefunden, die weit von den Orten entfernt sind, an denen es eingesetzt wird. Obwohl Atrazin in der EU verboten ist, taucht es immer wieder in den Küstengewässern der Mitgliedstaaten auf. Atrazin ist für den Menschen besonders gefährlich, da es ein wahrscheinliches Karzinogen ist und bei Arbeiter:innen, die auf landwirtschaftlichen Betrieben in direkten Kontakt mit dem Pestizid kommen, endokrine Störungen, eine verminderte männliche Fruchtbarkeit und Krebs verursachen kann.
Eine der eindrucksvollsten Geschichten, die die Vorstellung, Pestizide wirkten nur dort, wo sie auf den Boden ausgebracht werden, vollständig widerlegt, ist jedoch die Tragödie, die sich 2021 im Biosphärenreservat Askania-Nova ereignete. Viktor Havrylenko, der Direktor des Reservats, fand zusammen mit seinen Kolleg:innen Hunderte toter Kraniche auf dem Gebiet des Reservats – Hunderte von Vögeln starben, nachdem sie Wintergetreide gefressen hatten, das auf benachbarten Feldern mit Rodentiziden behandelt worden war. Analysen ergaben, dass sie durch Brodifacoum und Bromadiolon vergiftet worden waren – Wirkstoffe in Pestiziden, die in der Ukraine nach wie vor für den Einsatz gegen Nagetiere zugelassen sind und in die niedrigste Gefahrenklasse eingestuft werden. Damals starben mehr als zweitausend Vögel und Hunderte anderer Tiere, darunter Hasen und Rostgänse, an einer Vergiftung. Havrylenko und seine Kolleg:innen schilderten diese Situation sowie die damit verbundenen politischen Konflikte ausführlich in einem Artikel. Die Tragödie erregte öffentliche Aufmerksamkeit und führte sogar zu Gerichtsverfahren, doch die tatsächlichen Änderungen in der Pestizidregulierung waren geringfügig – sie beschränkten sich beispielsweise auf ein Verbot der Verwendung eines der Pestizide, Brodifacoum, in einem Umkreis von 40 Kilometern um Askania-Nova. Stand Oktober 2025 verfügen die Unternehmen Syngenta, Ukravit Agro, Aquarius & Co., Nertus Trading House, Alpha Smart Argo und Badvasy über gültige Lizenzen für den Verkauf von Produkten, die Brodifacoum und Bromadiolon enthalten. Sie bieten diese Produkte auch weiterhin in ihren Online-Shops an.

Foto: Viktor Havrylenko
Wenn Pestizide auf Feldern eingesetzt werden, wie gelangen sie dann in die Umwelt und in den menschlichen Körper?
Exposition am Arbeitsplatz
Landwirtschaftliche Arbeitskräfte haben den engsten Kontakt mit Pestiziden. Auf den ersten Blick wirken die vom Institut für Arbeitsmedizin der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine veröffentlichten Statistiken zu Berufskrankheiten ermutigend: Die Fallzahlen sind von 51 im Jahr 2005 auf 7 im Jahr 2014 stark zurückgegangen. Expert:innen für Arbeitssicherheit betonen jedoch, dass dies auf eine Lockerung der staatlichen Kontrollen und Sicherheitsanforderungen in den Betrieben zurückzuführen ist. Der Agrarsektor ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall, sondern spiegelt lediglich wider, was der Anwalt Vitalii Dudin im Projekt „Chronicles of Deregulation“ als Abbau der Sozial- und Arbeitsrechte in der Ukraine bezeichnet.
Da es an staatlicher Aufsicht mangelt, hängen sichere Arbeitsbedingungen beim Umgang mit Pestiziden vollständig von der Eigeninitiative der Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen ab. Natürlich gibt es verantwortungsbewusste landwirtschaftliche Erzeuger:innen, die alle Sicherheitsvorschriften einhalten und sich um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter:innen kümmern. Dennoch bleibt die Arbeit mit Pestiziden riskant. Der Agraranalyst Ihor Herasymenko nennt ein Beispiel: Arbeiter:innen, die Glyphosat in kleinere Behälter umfüllten, hatten mit giftigem Schaum auf ihrer Kleidung zu kämpfen. Ein weiteres Problem ist veraltete Ausrüstung: Bei alten Sprühgeräten müssen die Arbeiter:innen die Kabine verlassen, um Ventile einzustellen, während sie Pestizide auf dem Feld ausbringen, wodurch ihr Kontakt mit Chemikalien zunimmt.
Persönliche Schutzausrüstung (PSA) verringert das Risiko, beseitigt es jedoch nicht. Selbst wenn PSA und moderne Maschinen zur Verfügung stehen, stellt der direkte Kontakt mit Pestiziden nach wie vor eine erhebliche Gefahr für die Arbeiter:innen dar. Wenn sich Diskussionen über Arbeitssicherheit zudem darauf beschränken, die Betroffenen lediglich zu unterweisen, kann dies den Eindruck erwecken, dass die Sicherheit am Arbeitsplatz in der Verantwortung des Einzelnen liegt. Das Thema Sicherheit erscheint dann eher als eine Entscheidung darüber, ob PSA getragen wird oder nicht, anstatt als eine Abwägung, ob hochgefährliche Substanzen überhaupt eingesetzt werden sollten. Obwohl die Monatszeitschrift „Arbeitssicherheit“ (auf Ukrainisch: „Охорона Праці“) regelmäßig das Thema Sicherheit bei der Arbeit mit Agrochemikalien und die Verantwortung der Arbeitgeber:innen anspricht, ist dieses Thema in den ukrainischen Medien weitgehend unsichtbar. Die Gewerkschaften in der Ukraine haben keine öffentlichen Erklärungen zu den Auswirkungen von Pestiziden auf Landarbeiter:innen abgegeben.
Pestizide im Wasser
Einer der Hauptwege, über den Pestizide in die Umwelt gelangen, ist das Versickern ins Grundwasser. In der Ukraine nutzen laut dem Institut für Geologie weniger als 25 % der Bevölkerung Grundwasser als Trinkwasserquelle; in Regionen mit intensiver Landwirtschaft kommt dem Grundwasser jedoch besondere Bedeutung zu. So sind beispielsweise im Gebiet Kirowohrad (einer der am intensivsten landwirtschaftlich genutzten Regionen der Ukraine) 75 % der ländlichen Bevölkerung auf Grundwasser aus Bohrbrunnen angewiesen. Da es keine zentralisierte Überwachung gibt, liegt die Verantwortung für die Gewährleistung der Wassersicherheit bei den Nutzer:innen selbst.
Auch Abwässer aus landwirtschaftlichen Flächen stellen eine erhebliche Gefahr dar. Trotz eines Verbots der Bewirtschaftung an Flussufern ist das Pflügen von Uferstreifen nach wie vor weit verbreitet. In einigen Fällen werden Pflanzen nur wenige Meter von Gewässern entfernt angebaut und mit Pestiziden besprüht, wodurch Agrochemikalien in Flüsse und Seen gelangen. Ein Bericht des Ministeriums für Entwicklung stellte im Weichselbecken in den Oblasten Wolhynien und Lemberg überhöhte Pestizidwerte fest, darunter auch Acetochlor.
Pestizide in Lebensmitteln
Pestizide gelangen über die Nahrung in den menschlichen Körper. Es gibt in der Ukraine keine systematischen Daten zu Pestizidrückständen in Lebensmitteln oder Tierfutter, doch lässt sich das Ausmaß des Problems anhand von Studien aus EU-Ländern indirekt einschätzen. Laut einem EU-Bericht von 2023 enthielten mehr als 40 % der getesteten Lebensmittel ein oder mehrere Pestizide. Die höchsten Rückstandswerte wurden in Paprika, Orangen, Zitronen, Clementinen, Äpfeln, Birnen und Erdbeeren sowie in Rosinen, Rotwein und Weizenmehl festgestellt.
Pestizide können auch nach der Verarbeitung in Lebensmitteln verbleiben. So stellen Experten von APK-Inform beispielsweise fest, dass der Chlorpyrifos-Gehalt in Sonnenblumen- und Rapsöl Jahr für Jahr die Norm um fast die Hälfte überschreitet.
Pestizide in der Luft
Agrochemikalien verbreiten sich bei Sprühflügen und dem Ausbringen am Boden in der Luft. Vor der groß angelegten Invasion besprühten einige ukrainische Landwirtschaftsbetriebe Felder mit Spezialflugzeugen (eine in der EU verbotene Praxis), oft direkt neben Wohngebieten (manchmal in einer Entfernung von nur 13 Metern) und ohne Rücksicht auf die Windgeschwindigkeit und -richtung. Dadurch gelangen giftige Chemikalien in benachbarte Gebiete. Zahlreiche Fälle bestätigen dies, wie beispielsweise im Gebiet Kiew, wo Bewohner:innen eines Dorfes über Übelkeit, Fieber, Halsschmerzen und Husten klagten, nachdem nahegelegene Sojabohnenfelder mit einem nicht näher bezeichneten Pestizid besprüht worden waren, oder Fälle von Massensterben bei Bienen nach dem Einsatz von Pestiziden auf benachbarten Feldern.
Die Situation wird dadurch erschwert, dass einige Wirkstoffe, die Landwirt:innen aufrichtig für sicher halten (da das Produkt offiziell zugelassen ist), in Wirklichkeit für Bienen tödlich sind. So tötet beispielsweise das Neonicotinoid Imidacloprid, das in 85 zugelassenen Produkten enthalten ist, jedes Jahr Tausende von Bienen. Selbst wenn Landwirt:innen Imker:innen im Voraus vor dem Sprühen warnen, kann sich der Zeitplan aufgrund der Wetterbedingungen spontan ändern, sodass den Imker:innen zu wenig Zeit bleibt, ihre Bienenstöcke zu schützen und die Bienen zu retten.
Unfälle und Notfälle
Unfälle beim Transport von Pestiziden sind eine weitere Ursache für chemische Kontaminationen in der Umwelt. So führte beispielsweise 2019 ein Unfall im Gebiet Winnyzja dazu, dass eine Tonne eines Insektizids, das Chlorpyrifos und Cypermethrin enthielt, in den Fluss Ros gelangte. Vorfälle im Zusammenhang mit Pestiziden beschränken sich jedoch nicht auf die Orte, an denen sie eingesetzt werden. China, der weltweit führende Hersteller von Pestiziden, sorgt regelmäßig wegen großflächiger Unfälle für Schlagzeilen. So forderte die Katastrophe im Chemiewerk Tianjiayi 78 Todesopfer und mehr als 600 Verletzte.
Seit der groß angelegten Invasion der Ukraine hat sich das Risiko, dass Pestizide in die Umwelt gelangen, erheblich erhöht, da Russland gezielt landwirtschaftliche Betriebe angreift, darunter auch Lagerhäuser mit Agrochemikalien. Laut Ekodozor wurden bis August 2025 in offenen Quellen 3.799 Unfälle infolge russischer Angriffe auf 1.960 Einrichtungen gemeldet, von denen 472 der chemischen, landwirtschaftlichen und Lebensmittelindustrie angehörten. Mit anderen Worten: Wenn Russland landwirtschaftliche Einrichtungen angreift, zerstört es nicht nur Felder, Ernten oder Getreidelager, sondern auch Pestizidlager, wodurch Agrochemikalien auf ukrainischem Territorium praktisch zu einer Art chemischer Waffe werden. Ein Beispiel für solche Schäden ist die Zerstörung des Kachowka-Staudamms durch die russische Armee. Wie der Geograf Ihor Kotovsky feststellt, könnte infolge der Katastrophe DDT, ein extrem giftiges Pestizid (und der Hauptprotagonist des zu Beginn dieses Artikels erwähnten Buches „Silent Spring“), ins Grundwasser, in die Dnipro-Bug-Mündung und ins Schwarze Meer gelangt sein. Warum eine beträchtliche Menge dieser Chemikalie, die in der Ukraine seit 1997 verboten ist, im Gebiet Cherson verblieben ist, ist Gegenstand einer anderen Diskussion.
Welche Kulturen erfordern den intensivsten Einsatz von Pestiziden?
Mehr als zwei Drittel aller in der Ukraine eingesetzten Pestizide sind Herbizide. Ihre chemische Zusammensetzung ist darauf ausgelegt, „Unkraut“ zu bekämpfen – die Anführungszeichen sind hier bewusst gesetzt. Das ukrainische Gesetz „Über den Pflanzenschutz“ definiert Unkraut als jede Vegetation, die aus landwirtschaftlicher Sicht unerwünscht ist. Es handelt sich um eine Pflanze, die „auf Ackerland, Anbauflächen und Plantagen mit Kulturpflanzen wächst, mit diesen um Licht, Wasser und Nährstoffe konkurriert und zudem zur Ausbreitung von Schädlingen und Krankheiten beiträgt“. Es überrascht nicht, dass in einem Land, in dem die Landwirtschaft einen der größten Anteile am BIP ausmacht, das Pflanzenschutzgesetz nicht alle Pflanzen gleichermaßen schützt. Aus rechtlicher Sicht sind landwirtschaftliche Nutzpflanzen weitaus besser geschützt als beispielsweise die Steppenvegetation. Tatsächlich ist „Pflanzenschutzmittel“ das offizielle Synonym für Pestizide. Doch dieser Schutz hat eine Kehrseite: Er hat für viele andere Lebewesen, einschließlich des Menschen, einen hohen Preis.
In der Ukraine sind die Erzeuger:innen exportorientierter Kulturen die Hauptabnehmer:innen von Pestiziden. Im Jahr 2021 entfielen 87 % aller im Land eingesetzten Pestizide auf den Anbau von fünf Kulturen – Sonnenblumen, Mais, Weizen, Sojabohnen und Raps. Im Gegensatz dazu benötigten alle anderen Kulturen zusammen, vor allem Gemüse und Obst für den heimischen Markt, nur 13 % der Pestizide (siehe Infografik 4).

Quelle: Staatliches Statistikamt der Ukraine
In der Berichterstattung über die Ukraine, sowohl in den nationalen als auch in den internationalen Medien, dominiert das Bild der „Kornkammer Europas“ und manchmal sogar der Welt. Ein Artikel der Europäischen Kommission beispielsweise beschreibt Störungen der ukrainischen Agrarexporte als Bedrohung für die weltweite Ernährungssicherheit, während das populärwissenschaftliche Magazin Wired sogar behauptet, der Krieg in der Ukraine könne weltweit eine Hungersnot auslösen. Diese Aussagen sind teilweise richtig: Ukrainisches Getreide war und ist in der Tat für viele Länder in Afrika und im Nahen Osten wichtig. Insbesondere ukrainischer Weizen machte 80 % der Getreideimporte des Libanon aus. Diese Darstellung als „arme Länder“ spricht Emotionen an: Wenn der Krieg weitergeht, so die Erzählung, werden die Menschen hungern. Dies ist jedoch kein vollständiges Bild, da es andere Märkte ausblendet, die für die Wahl der Anbauprodukte durch ukrainische Landwirt:innen entscheidend sind.
Ein Blick auf die Handelsdaten des Observatory of Economic Complexity zeigt, dass der Großteil der Exporte tatsächlich nicht in Länder in Afrika oder im Nahen Osten, sondern in die Europäische Union ging. Im Jahr 2023 wurden 43 % der gesamten Weizenernte, 61 % des Maises und fast 90 % des Rapses in die EU exportiert (siehe Infografik 5).

Quelle: The Observatory of Economic Complexity (OEC)
Ein weiterer Aspekt, der bei der Diskussion über Pestizide zu berücksichtigen ist, ist das schiere Ausmaß der landwirtschaftlichen Produktion. Die Ukraine gehört zu den Ländern mit dem weltweit höchsten Anteil an Ackerland; Ackerland macht 57 % der Landesfläche aus.[4]
Zum Vergleich: In Deutschland sind es 33 %, in Polen 37 % und in Frankreich 34 %. In der Ukraine sind es etwa 33 Millionen Hektar, wobei diese Schätzung die illegale Urbarmachung von Hanglagen oder Schutzgebieten nicht berücksichtigt. Fünf exportorientierte Kulturen – Sonnenblumen, Mais, Weizen, Sojabohnen und Raps – nehmen zwei Drittel der gesamten Ackerfläche ein, was etwa 40 % des ukrainischen Staatsgebiets entspricht (siehe Infografik 6). Das ist mehr als die landwirtschaftliche Nutzfläche von Deutschland und Polen zusammen. Da auf fast allen diesen Feldern Pestizide eingesetzt werden, sind jedes Jahr etwa 40 % des ukrainischen Staatsgebiets mit giftigen Pestiziden bedeckt.

Quelle: Staatlicher Statistikdienst der Ukraine
Auch die Struktur der Produktion dieser Kulturen ist aufschlussreich. Nach Angaben des Staatlichen Statistikdienstes sind die Hauptproduzenten von Sonnenblumen und Mais große Agrarkonzerne wie Kernel, ViOil, Allseeds, MHP Agroton und Ukrprominvest-Agro. Jeder von ihnen bewirtschaftet mehr als 3.000 Hektar Land. Im Jahr 2022 ernteten diese Unternehmen zusammen 27 % der gesamten Maisernte, obwohl sie nur 1,2 % der Gesamtzahl der landwirtschaftlichen Betriebe ausmachen. Die Soziologin Natalia Mamonova bezeichnet diese Situation als „bimodale Struktur der landwirtschaftlichen Produktion“: Große Unternehmen konzentrieren sich in erster Linie auf den Export, während der heimische Markt von kleinen und mittleren Landwirt:innen versorgt wird, die hauptsächlich Gemüse und Obst anbauen.
Wie sieht es auf staatlicher Ebene aus: Wo findet man offizielle Informationen und wer gestaltet die Politik im Bereich der Agrochemikalien in der Ukraine?
Auf gesetzlicher Ebene ist das Gesetz der Ukraine „Über Pestizide und Agrochemikalien“ aus dem Jahr 1995 das wichtigste Dokument in diesem Bereich. Dieser Bereich wird zudem durch die Gesetze „Über das öffentliche Gesundheitswesen“, „Über den Pflanzenschutz“ sowie die staatlichen Hygienevorschriften „Transport, Lagerung und Verwendung von Pestiziden in der Volkswirtschaft“ geregelt.
Die wichtigste Informationsquelle über derzeit in der Ukraine zugelassene Pestizide ist das staatliche Register der in der Ukraine zur Verwendung zugelassenen Pestizide und Agrochemikalien (im Folgenden: das staatliche Register). Das Register ist zwar nicht so benutzerfreundlich wie sein europäisches Pendant – die EU-Pestiziddatenbank –, enthält jedoch eine Fülle wertvoller Informationen für alle, die sich darüber informieren möchten, welche Produkte in der Ukraine zugelassen sind. Stand 2025 sind in der Ukraine fast dreitausend Produkte zugelassen, von denen etwa ein Drittel zu den gefährlichsten Klassen I und II gehört.
Das staatliche Register ist zweifellos ein nützliches Instrument, löst jedoch nicht das Problem des intransparenten Verfahrens zur Erteilung von Zulassungen an sich. Die Registrierung und Verlängerung von Pestizidzulassungen erfolgt hinter verschlossenen Türen zwischen dem antragstellenden Unternehmen und dem Staat: Die Öffentlichkeit hat keinerlei Einflussmöglichkeiten. Theoretisch kann der Staat die Verlängerung einer Zulassung für ein Produkt verweigern, wenn ihm Beweise für dessen Schädlichkeit vorliegen. Es gibt jedoch kein festgelegtes Verfahren, wie die Öffentlichkeit oder Wissenschaftler solche Daten den staatlichen Institutionen speziell in der Phase der Lizenzüberprüfung zur Verfügung stellen könnten. Zudem sind die Unterlagen zum Produkt, die als Grundlage für die Erteilung einer Lizenz dienen, als Geschäftsgeheimnis geschützt. Selbst wenn diese Unterlagen beschafft werden können, ist es verboten, diese Daten ohne die Zustimmung des Lizenzinhabers zu verwenden.
Das staatliche Register ist nicht das einzige Dokument, das zulässige Pestizide regelt. Darüber hinaus gibt es eine vom Gesundheitsministerium genehmigte Liste – die Liste der Staatlichen Chemiekommission der Ukraine –, in der 87 Pestizide aufgeführt sind, deren Verwendung oder Zulassung verboten ist. Sie verbietet den Einsatz gefährlicher Agrochemikalien wie DDT, Aphos, 2,4,5-T und anderer. Diese Liste wurde jedoch bereits 1997 verabschiedet und seitdem nicht mehr aktualisiert. Gelegentlich tauchen Pestizide, die weder im staatlichen Register noch in der Liste der verbotenen Stoffe aufgeführt sind, an anderer Stelle auf. Ein Beispiel ist Dichlorvos – eine Chemikalie, die in keiner der beiden Listen enthalten ist – bei der in einer Studie des Entwicklungsministeriums zur Flussverschmutzung eine Überschreitung der Norm festgestellt wurde.
Das Assoziierungsabkommen mit der EU zwingt die ukrainische Regierung zu Änderungen, um ihre Pestizidvorschriften an europäische Standards anzupassen. Im September 2025 schloss die Ukraine eine Verhandlungsphase mit der EU über die Agrarpolitik ab. Obwohl die Einzelheiten der Verhandlungen noch nicht öffentlich bekannt gegeben wurden, sind bereits einige Änderungen zu beobachten – beispielsweise die Übernahme der REACH- und CLP-Verordnungen durch die Ukraine, die darauf abzielen, den Zugang zu Informationen über die Gefahren von Pestiziden zu verbessern. Dennoch betreffen diese Initiativen vor allem die Kennzeichnungsvorschriften und weniger das Bewusstsein der Öffentlichkeit oder der Arbeitnehmer*innen für die Risiken.
Im Rahmen der Angleichung der ukrainischen und der EU-Rechtsvorschriften wird auch das Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel überprüft. Derzeit werden in der EU sowohl der Hauptwirkstoff eines Pflanzenschutzmittels als auch die Produktformulierung (die einen geringen Anteil anderer Stoffe enthalten kann) zugelassen. Der Status eines Wirkstoffs kann in der EU-Pestiziddatenbank überprüft werden. Die Ukraine verfügt hingegen noch nicht über eine eigene Liste von Wirkstoffen, und das staatliche Pestizidregister führt Aufzeichnungen auf der Grundlage von Produktformeln. Das bedeutet, dass es auf dem ukrainischen Markt Dutzende von Produkten mit identischen Formeln verschiedener Hersteller gibt, und wenn für eines davon die Zulassung nicht verlängert wird (beispielsweise aufgrund neuer Erkenntnisse über Umweltschäden), bleiben die anderen auf dem Markt.
Der Einfluss der regulatorischen Anforderungen der Europäischen Union geht Hand in Hand mit dem Einfluss der Agrarunternehmen auf die Agrargesetzgebung. So befasste sich das Parlament im Jahr 2019 beispielsweise mit dem Gesetzentwurf Nr. 2289 über Änderungen an Artikel 4 des ukrainischen Gesetzes „Über Pestizide und Agrochemikalien“ hinsichtlich der Einfuhr von Pestiziden in das Zollgebiet der Ukraine. Die Verfasser des Entwurfs waren sechs Abgeordnete, darunter Oleh Tarasov – ein Geschäftsmann und Sohn von Serhii Tarasov, einem vom Sicherheitsdienst der Ukraine gesuchten Agro-Oligarchen und Eigentümer von I&U; Ivan Chaikivskii, ein Agrarunternehmer; Mykola Kucher, ehemaliger Direktor von Zernoprodukt MKP CJSC, und seine Tochter Larysa Bilozir. In der Begründung versprachen die Abgeordneten, dass die von ihnen vorgeschlagenen Änderungen den Druck der landwirtschaftlichen Produktion auf die Umwelt verringern, die Kosten für Landwirt*innen senken und den Endpreis für Verbraucher*innen senken würden. Der zentrale Vorschlag des Gesetzentwurfs bestand jedoch darin, die Anforderung der offiziellen Registrierung importierter Pestizide im Herstellungsland abzuschaffen, was bedeutet, dass ein aus China in die Ukraine importiertes Pestizid nicht offiziell in China registriert sein muss.
Der wissenschaftliche Fachausschuss des Parlaments kam zu dem Schluss, dass eine solche Änderung zu unkontrollierten Tests von Chemikalien führen könnte, die in anderen Ländern nicht registriert sind, und möglicherweise schädliche Folgen nach sich ziehen würde. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass der Vorschlag im Widerspruch zu den Artikeln 16 und 50 der Verfassung der Ukraine steht, die „die ökologische Sicherheit der Ukraine […] und das Recht der Bevölkerung auf eine für Leben und Gesundheit sichere Umwelt“ garantieren. Einige Abgeordnete, darunter Olha Vasylevska-Smahliuk, äußerten in den Medien Bedenken hinsichtlich des uneingeschränkten Imports verdächtiger Chemikalien in das Land.
Trotz dieser Bedenken stimmte das Parlament dafür (224 Stimmen, fast einstimmig von der Partei „Diener des Volkes“), und kam damit den Interessen der Agrarindustrie entgegen. Bis 2025 ist wenig über die Folgen der Umsetzung dieses Gesetzes bekannt, da die Regierung keine Daten veröffentlicht hat.
Im Juli 2025 kündigte das Ministerium für Agrarpolitik die Ausarbeitung eines nationalen Aktionsplans an, der darauf abzielt, die negativen Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln zu verringern. Das Ministerium erklärte, der Plan werde in Zusammenarbeit mit Vertretern der französischen Botschaft, der französischen staatlichen Agentur Expertise France Group AFD sowie weiteren Vertreter*innen von Staat, Wissenschaft und Wirtschaft ausgearbeitet. Bislang wurden weder Einzelheiten des Plans bekannt gegeben, noch wurde die Einbeziehung zivilgesellschaftlicher Organisationen erwähnt.
Im selben Monat erließ das Ministerkabinett der Ukraine den Beschluss Nr. 903, mit dem drei Ministerien – das Wirtschaftsministerium, das Ministerium für Ökologie und das Ministerium für Agrarpolitik – zum Ministerium für Wirtschaft, Umwelt und Landwirtschaft der Ukraine zusammengelegt wurden, das informell als „Ressourcenministerium“ bekannt ist und offiziell mit „Wirtschaftsministerium“ abgekürzt wird. In den letzten fünf Jahren gab es mehrere Versuche, ein solches „Megaministerium“ zu bilden. Diesmal wird die Fusion als Bemühung dargestellt, eine zentrale Anlaufstelle im Rahmen des Instruments „Ukraine Facility“ zu schaffen. Der offensichtliche Konflikt zwischen der derzeitigen Funktion des Umweltministeriums bei der Erteilung von Lizenzen für Agrochemikalien und dem Ministerium für Agrarpolitik bleibt ohne offizielle Kommentare oder Erklärungen.
Agrochemie: Produktion und Lieferketten
Die Ukraine importiert vor allem Pestizide. Seit vielen Jahren ist die Europäische Union der Hauptlieferant, insbesondere Frankreich und Deutschland. Im Jahr 2021 entfielen 60 % (1,02 Milliarden US-Dollar) aller Pestizidimporte in die Ukraine auf die EU. Ein weiterer wichtiger Lieferant ist China.

Quelle: The Observatory of Economic Complexity (OEC)
Es lohnt sich jedoch, die Herkunft der fünf giftigsten und zugleich am häufigsten verwendeten Pestizide – Acetochlor, Propisochlor, S-Metolachlor, Prometryn und Glyphosat – genauer zu untersuchen. Einige dieser Verbindungen, die in der EU verboten sind, werden von europäischen Unternehmen hergestellt. Das EU-Verbot gilt für deren Verwendung innerhalb der EU-Mitgliedstaaten, nicht jedoch für deren Herstellung, weshalb die Pestizide in Drittländer, darunter auch die Ukraine, exportiert werden. Gleichzeitig werden die meisten hochgiftigen Substanzen aus China importiert. Fast alle Wirkstoffe auf dem ukrainischen Markt stammen aus chinesischen Fabriken (siehe Infografik 8). Stand September 2025 sind in der Ukraine mehr als 200 Produkte registriert, die diese fünf wichtigsten Wirkstoffe enthalten.

Quelle: Staatliches Register der in der Ukraine zugelassenen Pestizide und Agrochemikalien
Nur wenige Unternehmen kontrollieren die gesamte Kette von der Herstellung des Wirkstoffs über den Verkauf des Endprodukts bis hin zu dessen Zulassung in der Ukraine. So produziert und liefert beispielsweise das israelische Unternehmen Adama Agan Produkte auf Acetochlor-Basis in die Ukraine und nutzt dabei eigene Produktionsanlagen.
Ein verbreitetes Modell funktioniert anders: Ein ukrainisches Unternehmen mit Lizenz kauft das Produkt von einem ausländischen Hersteller, der wiederum den Wirkstoff von einem weiteren Unternehmen bezieht. Dies ist der Fall bei einem der größten Akteure auf dem Markt, Nertus Trading House. Das Unternehmen arbeitet mit dem ungarischen Unternehmen Peters & Burg Ltd zusammen und vertreibt aktiv Produkte, die Propisochlor enthalten. Die Unternehmen, die die fünf am häufigsten verwendeten Pestizide verkaufen, sind in Infografik 9 aufgeführt. Der eigentliche Ursprungsort ist jedoch fast immer eine chinesische Produktionsstätte.

Quelle: Staatliches Register der in der Ukraine zugelassenen Pestizide und Agrochemikalien
Illegaler Markt
Was in den offiziellen Statistiken nicht erfasst ist, ist der illegale Handel mit Pestiziden: verbotene, gefälschte, geschmuggelte und andere Produkte zweifelhafter Herkunft. Ermittlungen der Nationalpolizei, des Staatlichen Zolldienstes, der Generalstaatsanwaltschaft und des Europäischen Amtes für Betrugsbekämpfung (OLAF) haben ein groß angelegtes illegales System zur Herstellung und zum Verkauf von Pestiziden aufgedeckt, das nicht nur in der Ukraine, sondern auch in mehreren EU-Ländern operiert und Hunderte Tonnen illegaler Produkte im Wert von über 2,3 Millionen US-Dollar umfasst. Im Jahr 2018 schätzte das UNEP, dass illegale Pestizide 25 % des Gesamtmarktes in der Ukraine ausmachten. Neue Fälle, darunter auch solche, die 2025 vom Amt für Wirtschaftssicherheit aufgedeckt wurden, bestätigen, dass das Problem nach wie vor systemisch ist und der Krieg die Situation nur noch verschlimmert hat.
Widerstand gegen Umweltgifte: Imker*innen, Rechtsexpert*innen und die Rolle der Medien
Ukrainische Imker:innen gehören zu den aktivsten Gegnern von Pestiziden. Vereint in der Bewegung „Ukraine gegen Pestizide“ schlagen sie Alarm und berichten vom Tod Tausender Bienenvölker, nachdem Felder mit Pestiziden besprüht wurden. Im Juli 2025 berichtete die Nachrichtenagentur South Today über den Tod von Millionen von Bienen sowie der gesamten Population wildlebender Bestäuber und Insekten in einem Umkreis von 20 km um den Ort, an dem in der Oblast Odessa Pestizide eingesetzt wurden.
Gerade unter den Imker:innen in der Ukraine finden sich Beispiele für den systematischen Einsatz bestehender gesetzlicher Instrumente, um Druck auf die Regierung auszuüben, damit diese den Einsatz von Pestiziden reduziert. So hat beispielsweise das Ministerkabinett der Ukraine im April 2019 einen Resolutionsentwurf mit dem Titel „Über das Verbot der Einfuhr bestimmter gefährlicher Pestizide in das Zollgebiet der Ukraine und ihrer Verwendung in der Ukraine“ registriert. Der ukrainische Imkerverband schlug vor, die Einfuhr und Verwendung aller Agrochemikalien zu verbieten, die Atrazin, Acetochlor, Glyphosat, Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam enthalten. Wäre das Verbot umgesetzt worden, hätte es mehr als 300 Produkte betroffen, die in der Ukraine von Bayer, BASF, Syngenta, Badvasy, Aquarius & Co, Nertus, Monsanto, Rangoli und anderen verkauft werden. Der Vorsitzende des Ukrainischen Agrarrats lehnte das Verbot umgehend ab und argumentierte, es würde zu Ernteeinbußen und einem erheblichen Anstieg des Wasserverbrauchs führen. Das Ministerkabinett befasste sich nicht mit dem Resolutionsentwurf, und eine öffentliche Petition zur Unterstützung des Verbots sammelte nicht genügend Unterschriften.
Ein ähnliches Szenario spielte sich ab, als die Imker:innen die Einrichtung eines öffentlichen Registers für alle Fälle von Bienenvergiftungen in der Ukraine forderten, das Einblick in den Stand der Ermittlungen gewähren sollte, sowie im Zusammenhang mit einem Gesetzentwurf zum Schutz der Imkerei, der hohe Geldstrafen und strafrechtliche Haftung für die Vergiftung von Insekten vorgesehen hätte.
Es sind jedoch nicht nur die Imker:innen, die eine strengere Regulierung von Pestiziden in der Ukraine fordern. Die Umwelt-NGO „Ökologie, Recht, Mensch“ (auf Ukrainisch: „Екологія, Право, Людина“ (ЕПЛ)) betont seit Jahrzehnten, dass die Regierung den Einsatz von Pestiziden nicht kontrolliert. Aktivist:innen haben wiederholt an die Gesetzgebung appelliert, alle in der EU nicht zugelassenen Pestizide zu verbieten oder zumindest Atrazin, Glyphosat und Acetochlor. Ihre Forderungen blieben unerfüllt.
Lokale Behörden geben zwar gelegentlich Erklärungen zu den Gefahren von Pestiziden ab, doch gibt es keine regelmäßige Überwachung oder öffentliche Berichterstattung über deren Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt. Unterdessen wird dieses Thema häufig in den Medien behandelt: Journalisten von UP (Ukrainska Pravda) berichten über die schädlichen Auswirkungen von Pestiziden auf Schwangere, insbesondere in ländlichen Gebieten, NV (The New Voice of Ukraine) thematisiert, wie Chlorpyrifos zu Verzögerungen in der Gehirnentwicklung führt, und Med Oboz berichtet über durch Pestizide verursachte Krebsfälle. In Ermangelung offizieller Statistiken spielen nationale und regionale Medien eine Schlüsselrolle bei der Berichterstattung über Fälle von Vergiftungen bei Menschen, Bienensterben und andere Vorfälle im Zusammenhang mit Pestiziden in der Ukraine.
Der Kampf für eine sicherere Umwelt wird dadurch erschwert, dass die Organisationslogiken von Landwirtschaft, Ökologie, Wirtschaft und Gesundheitswesen oft nicht aufeinander abgestimmt sind oder sogar in direktem Konflikt zueinander stehen. Und doch versuchen selbst unter solchen Bedingungen Expert:innen aus den Bereichen Umwelt und Arbeitssicherheit sowie einige Vertreter:innen der landwirtschaftlichen Produktion, die sich geweigert haben, synthetische Pestizide einzusetzen, die Situation zu ändern.
Das giftige Erbe überwinden: Wie lässt sich die landwirtschaftliche Produktion neu gestalten?
In der Ukraine, wie auch in anderen Ländern, werden sich Landwirt:innen zunehmend des Ausmaßes des Pestizidproblems bewusst und suchen nach alternativen Wegen, Nahrungsmittel anzubauen. Die internationale Organisation La Via Campesina beispielsweise unterstützt solche Veränderungen seit langem und setzt sich für das ein, was sie als „agroökologische Landwirtschaft“ bezeichnet – eine Praxis und Philosophie der Landwirtschaft, die von einer scheinbar einfachen, aber grundlegenden Frage geleitet wird: Wie kann man Nahrungsmittel auf eine Weise anbauen, die sowohl umweltverträglich als auch sozial gerecht ist? Obwohl es in der Ukraine noch keine Vertretung dieser Organisation gibt, gibt es Dutzende von Betrieben, die beim Anbau ihrer Produkte das gesamte Ökosystem im Blick haben: den Boden und seine Bewohner, Insekten, Vögel und andere. Darunter sind biodynamische, ökologische und sogar konventionelle Landwirte, die sich bewusst dafür entschieden haben, eine größere Vielfalt an Pflanzen anzubauen.
Es wäre jedoch irreführend, den Einsatz von Pestiziden auf eine rein individuelle Entscheidung eines/einer Landwirt:in oder eines Unternehmens zu reduzieren. Die ukrainische Landwirtschaft wird weitgehend von der Nachfrage ausländischer Exportmärkte bestimmt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die historische Kontinuität dieser Hierarchie zu verstehen. Oft wird argumentiert, die Ukraine sei schon immer ein Agrarland gewesen, was angeblich ihre Rolle als Lieferantin landwirtschaftlicher Rohstoffe rechtfertige. Historiker:innen wie Wolodymyr Kulikow erinnern uns jedoch daran, dass diese Kontinuität nicht von selbst aufgrund natürlicher Faktoren entstanden ist. Vielmehr ist sie das Ergebnis einer spezifischen Form wirtschaftlicher Beziehungen. Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zusammenbruch des Russischen Reiches machte ukrainisches Getreide einen bedeutenden Teil von dessen Exporten aus. Unter sowjetischer Herrschaft verstärkte die Ausbeutung ukrainischer Böden für den Bedarf der gesamten Union die Exportorientierung der ukrainischen Wirtschaft nur noch weiter. Nach der Erlangung der Unabhängigkeit konzentrierte sich die Ukraine weiterhin auf Agrarexporte und ist trotz des Krieges nach wie vor einer der weltweit größten Exporteure von Agrarprodukten. Diese Kontinuität der Exportabhängigkeit bestimmt nicht nur die Struktur der ukrainischen Wirtschaft, sondern auch, was auf den ukrainischen Feldern angebaut wird, den Umfang des Pestizideinsatzes und letztlich das Ausmaß der Toxizität.
Man darf sich keine Illusionen über einfache Lösungen machen, denn ein sofortiges Verbot hochgiftiger Pestizide ist weder politisch machbar noch ein realistisches Szenario. Der Knoten des Pestizideinsatzes lässt sich nicht leicht entwirren: Zieht man an einem Ende an den Sonnenblumen, tauchen am anderen Ende der EU-Markt, eine Fabrik in China, Datensätze und die Büros der Gesetzgeber:innen auf. Selbst wenn die EU aufhört, die Ukraine mit Pestiziden zu beliefern, die innerhalb ihrer eigenen Grenzen verboten sind, haben wir es immer noch mit China zu tun, woher die meisten der giftigsten Chemikalien stammen. Selbst wenn Landwirt:innen auf weniger giftige Produkte umsteigen, arbeiten sie weiterhin in einer globalisierten kapitalistischen Agrarindustrie, die mehr, schneller und billiger verlangt. Derzeit ist der Einsatz von Pestiziden ein wesentlicher Bestandteil des Produktionsprozesses für Landwirt:innen, die ihre Erzeugnisse auf internationalen Märkten verkaufen. Heute mag es schwer vorstellbar sein, auf gefährliche Pestizide vollständig zu verzichten, und doch muss eine solche Möglichkeit zumindest am Horizont der politischen Vorstellungskraft bestehen. Schließlich geht es bei diesem Thema nicht nur darum, unsere eigene Vergangenheit zu überdenken und historische Abhängigkeiten zu überwinden, sondern auch darum, wessen Interessen das akzeptable Ausmaß an Schäden durch Agrochemikalien bestimmen, und letztlich ist es eine Frage der Demokratisierung der Mechanismen zur Kontrolle gefährlicher Chemikalien.
Die Schattenseiten des agrarischen Optimismus verschwinden nicht einfach dadurch, dass man so tut, als gäbe es sie nicht. Die ukrainischen Felder sind nicht nur ein endloser gelber Horizont aus Weizen oder Sonnenblumen, sondern auch ein Schlachtfeld, auf dem entschieden wird, welche Pflanzen und welche Organismen wir wirklich schützen wollen. Sicherlich können wir stolz auf das ukrainische Getreide auf dem Weltmarkt sein, doch sollten wir unsere Augen nicht vor der dunklen Seite dieses Exports verschließen – giftig, kaum sichtbar und hartnäckig, die sich im Boden, im Wasser, in der Luft und in unseren Körpern festsetzt.
Referenzen
Iryna Zamuruieva hat diesen Artikel unter dem Titel „The Poisoned Breadbasket: Pesticides, Politics, and the Price of Agricultural Success“ am 1. Januar 2026 in der Ukrainischen Zeitschrift Commons publiziert, https://commons.com.ua/en/otruyena-zhitnicya-pesticidi-politika-i-cina-agrarnogo-uspihu/
Bildquelle: Foto von Ajithkumar M auf Unsplash
[1] Trotz des Verbots dürfen Unternehmen bestimmte Pestizide weiterhin einsetzen, wenn sie eine Sondergenehmigung erhalten. Mit anderen Worten: Ein Verbot bedeutet nicht, dass diese Mittel vollständig vom Markt genommen werden, sondern schränkt lediglich ihren Einsatz erheblich ein.
[2] [Als Salze bezeichnet man eine große Gruppe chemischer Verbindungen, die aus elektrisch positiv geladenen Kationen und negativ geladenen Anionen aufgebaut sind. Red.].
[3] Gemäß den staatlichen Gesundheitsvorschriften und Hygienestandards (DSP 8.8.1.2.002-98): I – extrem gefährlich; II – gefährlich; III – mäßig gefährlich; IV – geringfügig gefährlich.
[4] Stand: 2022, ohne vorübergehend besetzte Gebiete.