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Das neue Manifest der Vierten Internationale Für eine ökosozialistische Revolution – mit dem kapitalistischen Wachstum brechen ist ein Dokument, das einen neuen Abschnitt in der Geschichte der 1938 von Leo Trotzki und seinen Genoss:innen gegründeten Bewegung markiert.
Seit dem Manifest der Gleichen (1796) von Babeuf und dem Kommunistischen Manifest (1848) sind im Laufe der Geschichte der Arbeiter:innenbewegung viele Dokumente dieser Art entstanden. Einige, wie das von Marx und Engels aus dem Jahr 1848, haben Generationen von Leser:innen geprägt. Andere sind schnell in Vergessenheit geraten… Trotz ihrer Unterschiede weisen sie bestimmte Gemeinsamkeiten auf:
- der Wunsch, allen einen neuen Vorschlag bekannt zu machen;
- eine Zusammenfassung der wichtigsten Analysen sowie des Programms und der Strategie einer politischen Bewegung;
- eine für möglichst viele Menschen verständliche Sprache;
- die Verzahnung von Situationsanalysen und der Bekräftigung einiger Grundprinzipien.
Der Gründungstext der Vierten Internationale Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der 4. Internationale,[1] bekannt als Übergangsprogramm (1938), kann als Manifest betrachtet werden, auch wenn dieser Begriff nicht in seinem Titel vorkommt. Die Vierte Internationale hat mehrere andere Dokumente als Manifeste bezeichnet: So wurde beispielsweise 1948 das Manifest des Zweiten Kongresses der Vierten Internationale veröffentlicht: Gegen Wall Street und den Kreml. Für das Programm des Kommunistischen Manifests. Für die sozialistische Weltrevolution, das zweifellos einen Wendepunkt gegenüber den Vorstellungen Leo Trotzkis von 1938 darstellte[2]. Das Gleiche gilt für Sozialismus oder Barbarei. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Manifest der Vierten Internationale von 1993, das zur Kenntnis nahm, dass der sogenannte „reale Sozialismus” verschwunden war.
Ein Manifest unserer Zeit
Das neue Manifest für die ökosozialistische Revolution versucht, Wege aufzuzeigen, um die Herausforderungen unserer Zeit zu verstehen und ihnen zu begegnen. Es hat selbstverständlich viele Gemeinsamkeiten mit den Manifesten von 1938, 1948 und 1993: Wie diese bietet es eine marxistische Analyse der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lage, ein „Übergangsprogramm” (nach der von Trotzki definierten Methode), eine revolutionäre Strategie und eine sozialistische Perspektive. Dennoch weist es Besonderheiten auf, die es von den vorherigen Texten unterscheiden.
Während das Übergangsprogramm von 1938 von Leo Trotzki und das Manifest von 1993 weitgehend von Ernest Mandel verfasst wurde, ist das neue Manifest der Internationale das Ergebnis einer mehr als einjährigen gemeinsamen Arbeit, an der Genoss:innen aus dem Globalen Norden und Süden unter der Koordination von Daniel Tanuro beteiligt waren.
Das Manifest von 1938 stellte fest, dass „die Produktivkräfte der Menschheit aufgehört haben zu wachsen. Neue Erfindungen und technische Fortschritte führen nicht mehr zu einer Zunahme des materiellen Reichtums“. Dies war laut dem Dokument eine „wirtschaftliche Voraussetzung“ für die proletarische Revolution.[3] Was auch immer man von der Gültigkeit dieser Einschätzung im Jahr 1938 halten mag, in der Nachkriegszeit konnte man nicht mehr leugnen, dass die Produktivkräfte weiterwuchsen und dass es im Rahmen des Kapitalismus zu einer „Zunahme des materiellen Reichtums“ kam – der allerdings von einer Minderheit von Ausbeuter:innen an sich gerissen wurde.[4]
Im Jahr 2025 ist jedoch für das neue Manifest genau dieser „Zuwachs an materiellem Reichtum”, dieses grenzenlose und unbegrenzte kapitalistische Wachstum, das zentrale Problem, das bekämpft werden muss: Wir müssen „mit dem kapitalistischen Wachstum brechen.” Es ist auch ein Bruch mit einer bestimmten Vorstellung von Fortschritt, materiellem Reichtum und der „Entwicklung der Produktivkräfte“. Diese Veränderung ist Ausdruck einer offensichtlichen Tatsache: Die ökologische Krise stellt im Jahr 2025 eine existenzielle Bedrohung für die Menschheit dar, was 1938 noch nicht der Fall war.
Der Stellenwert der Ökologie
Die Vierte Internationale wurde sich allmählich der ökologischen Herausforderung bewusst. In den Manifesten von 1938 und 1946 fehlte dieses Thema noch, aber 1993 wurde es aufgegriffen, wenn auch nur in begrenztem Umfang: Es handelt sich um eines von 22 Kapiteln des Dokuments, in dem vor allem die Umweltverschmutzung und die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen thematisiert werden. Die Wende kam 2003 auf dem 15. Kongress mit der Resolution Ökologie und Sozialismus, der ersten in der Geschichte der Internationale, die die ökologische Krise zum zentralen Thema hatte. Der Begriff Ökosozialismus taucht hier zum ersten Mal auf, um eine der Strömungen der ökologischen Linken zu beschreiben, mit der man sich identifiziert.
Im Bruch mit der produktivistischen Ideologie des Fortschritts – in ihrer kapitalistischen und/oder bürokratischen Form (sogenannter „Realsozialismus“) – und im Gegensatz zur unendlichen Ausweitung einer umweltzerstörenden Produktions- und Konsumweise stellt der Ökosozialismus in der Arbeiter:innenbewegung und in der Ökologie jene Tendenz dar, die am sensibelsten für die Interessen der Arbeiter:innen und der Völker des Südens ist, die erkannt hat, dass eine „nachhaltige Entwicklung“ im Rahmen der kapitalistischen Marktwirtschaft unmöglich ist. [5]
Das Dokument von 2003 enthält auch eine kritische Bilanz des späten Verständnisses und der verspäteten Auseinandersetzung der Vierten Internationale mit der ökologischen Frage. Ein Abschnitt mit dem Titel „Die Vierte Internationale und die ökologische Krise” ist dieser „selbstkritischen” Bilanz gewidmet.
Wie bei den meisten Parteien der Arbeiter:innenbewegung wurde diese Problematik in den ersten Jahren des Bestehens unserer Internationale nicht angesprochen. Es wäre sinnlos, sie beispielsweise im Übergangsprogramm zu suchen, dem grundlegenden Programmdokument des Gründungskongresses von 1938. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg haben die revolutionären Marxist:innen die Zerstörung der Umwelt und die Verschmutzung von Luft und Wasser keineswegs ignoriert. Aber diese Phänomene wurden nur als eine der schädlichen Folgen eines ausbeuterischen und unmenschlichen Systems betrachtet und nicht als ein globales Phänomen, das die Grundlagen allen Lebens zu zerstören droht.
Die meisten Sektionen begannen sich erst dann mit ökologischen Problemen zu befassen, als diese aufgrund der Aktionen anderer Kräfte in die Schlagzeilen gerieten. Infolgedessen verlief die Debatte innerhalb der Internationale relativ schleppend. Während andere Strömungen und Einzelpersonen seit Jahrzehnten über die Frage der Ökologie und des Sozialismus diskutieren, haben sich die revolutionären Marxist:innen eher bedeckt gehalten.
Ein weiterer wichtiger Schritt nach vorne wurde auf dem 17. Kongress 2018 gemacht, als der Ökosozialismus als Leitlinie der Internationale verabschiedet wurde – er ist im Titel der Resolution enthalten: „Die kapitalistische Zerstörung der Umwelt und die ökosozialistische Alternative”. Das Dokument wurde dem „Andenken an Berta Cáceres, die indigene Aktivistin und Feministin aus Honduras, die am 3. März 2016 von Handlangern der multinationalen Konzerne ermordet wurde, und zum Gedenken an alle, die im Kampf für Umweltgerechtigkeit ihr Leben gelassen haben” gewidmet. [6]
Die Frage der Wachstumsrücknahme (Degrowth)
Diese Resolution stellte bereits die Notwendigkeit einer Wachstumsrücknahme fest – in einem Abschnitt mit dem vorsichtigen Titel „Laufende Debatten, Klarstellungen, offene Fragen” – und wies gleichzeitig darauf hin, dass es sich dabei nicht um ein Programm oder ein Gesellschaftsprojekt handele, da Degrowth allein nichts über die Produktions- und Eigentumsverhältnisse aussagte.[7]
Im Manifest von 2025 ist Degrowth keine „offene Frage” mehr, sondern eine unumgängliche Notwendigkeit. Dies wird bereits im Titel des Dokuments bekräftigt, der an die Notwendigkeit erinnert, „mit dem kapitalistischen Wachstum zu brechen”. Ein gerechtes, ökosozialistisches Degrowth berücksichtigt jedoch die ungleiche und kombinierte wirtschaftliche Entwicklung: „Der globale Netto-Endenergieverbrauch muss radikal gesenkt werden – es muss also weltweit weniger produziert und weniger transportiert werden –, während sich der Energieverbrauch in den ärmeren Ländern erhöhen wird, um die sozialen Bedürfnisse zu befriedigen.”[8]
Allerdings können auch arme Länder zum globalen ökosozialistischen Wirtschaftsrückgang beitragen, indem sie den protzigen Konsum der parasitären Elite unterbinden und gegen umweltzerstörerische Megaprojekte und die Zerstörung von Biomen durch Agrarindustrie und Bergbau vorgehen.[9]
Das Manifest von 2025 stützt sich auf die Errungenschaften der ökologischen Resolutionen der beiden vorangegangenen Jahrzehnte, fügt jedoch entscheidende Aspekte hinzu:
- Das ausgeprägte Bewusstsein für die Gefahr: Ökosozialismus ist notwendig, um „die Menschheit vor einer ökologischen Katastrophe zu bewahren, die in der Menschheitsgeschichte ohne Beispiel ist”.
- Die Notwendigkeit, „die Analysen des revolutionären Marxismus zu aktualisieren”.
- Die Anerkennung der Notwendigkeit einer umfassenden Neuformulierung unseres Programms und unserer Strategie, einer echten „Neubegründung des sozialistischen Projekts”.
- Von nun an sind die Überwindung des „Risses im Stoffwechsel“ (Marx) zwischen den menschlichen Gesellschaften und der Natur sowie die Achtung des ökologischen Gleichgewichts „nicht nur bestimmte Kapitel unseres Programms und unserer Strategie, sondern ihr Leitfaden“.
- Eine gründlichere Reflexion über unser Projekt einer alternativen Zivilisation, „die Welt, für die wir kämpfen“.
Das Manifest für die ökosozialistische Revolution ist das systematischste und ausführlichste Dokument der Vierten Internationale im 21. Jahrhundert. Es versteht sich jedoch nicht als „letztes Wort”, sondern als Beitrag zur Debatte, offen für Diskussion und Kritik.
Referenzen
[1] Leo Trotzki (1938): Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der 4. Internationale. (Das Übergangsprogramm) https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1938/uebergang/index.htm
[2] Beispielsweise die Diagnose einer „“Orientierungslosigkeit“ und einer „Sackgasse“ der internationalen Bourgeoisie und einer „Agonie“ des Kapitalismus.
[3] Programme de transition (1938), Paris, Éditions de la taupe rouge, p. 20.
[4] Nur aus einer ökonomistischen, bürgerlichen und imperialistischen Perspektive kann man die Jahre 1945 bis 1975 als die „glorreichen dreißig Jahre” betrachten. Glanzvoll für wen? Sicherlich nicht für die Mehrheit der Menschheit, die brutalen Kolonialkriegen in Asien (Indochina) und Afrika (Algerien, portugiesische Kolonien), blutigen Militärdiktaturen in Lateinamerika und faschistischen Regimes in mehreren europäischen Ländern (Portugal, Spanien, Griechenland) ausgesetzt war.
[5] Quatrème Internationale 2003 : « Écologie et socialisme », section « Le mouvement ouvrier et l’écologie ». https://fourth.international/fr/congres-mondiaux/540/171.
[6] Vierte Internationale (2019): Die kapitalistische Zerstörung der Umwelt und die ökosozialistische Alternative“, Resolution des 17. Weltkongresses der Vierten Internationale. Köln: Internationale Sozialistische Organisation (IS0), Sozialistische Alternative (SOAL). Auf Französisch in Inprecor n° 649-650, mars 2018, p. 3. https://inprecor.fr/la-destruction-capitaliste-de-lenvironnement-et-lalternative-ecosocialiste-0
[7] Ebenda, p.34. [Anm. CZ : dieser Satz findet sich nicht in der Resolution].
[8] Vierte Internationale (2025): Manifest für eine ökosozialistische Revolution – mit dem kapitalistischen Wachstum brechen. emanzipation – Zeitschrift für ökosozialistische Strategie 9 (1), S. 37–84 sowie Vierte Internationale: 18. Weltkongress – 2025 https://fourth.international/de/congres-mondiaux/874/699. Auf Französisch: Manifeste pour une révolution écosocialiste, rompre avec la croissance capitaliste, Paris, La Bèche, 2025, p. 18.
[9] In emanzipation 9.(1), S. 75; Französisch: Manifeste pour une révolution écosocialiste, rompre avec la croissance capitaliste, Paris, La Bèche, 2025, p. 18., S. 54– 55.
Der Artikel Ruptures : Le nouveau Manifeste de la IVe Internationale von Michael Löwy, verfasst am 26. September, erschien am 30. November 2025 in der Zeitschrift inprecor (738). https://inprecor.fr/ruptures-le-nouveau-manifeste-de-la-ive-internationale
Übersetzung und Anmerkungen: Christian Zeller.