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“System Change not Climate Change!”, riefen vor wenigen Jahren Millionen von Menschen auf der ganzen Welt. Die Dringlichkeit eines Systemwechsels wurde offensichtlich. Das Erdsystem verändert sich abrupt, der Planet wird heißer. Millionen von Menschen verlieren bereits ihre Lebensbedingungen und ziehen woanders hin. Forscher:innen kamen zu dem Ergebnis, dass bereits in einigen Jahrzehnten für rund ein Drittel der Menschheit am jeweiligen Wohnort keine lebensfähigen Bedingungen mehr herrschen werden (Xu, et al. 2020; Lenton, et al. 2023). Doch weder die Klimabewegung noch die wissenschaftlichen Befunde konnten die Regierungen zu einer Politik bewegen, die tatsächlich die fossilen Grundlagen unserer Wirtschaft radikal zurückbaut und stattdessen ein System erneuerbarer Energie aufbaut.
Die Treibhausgasemissionen müssen rasch massiv sinken. Das Gegenteil geschieht: sie steigen wieder verstärkt an. Die Öl- und Gaskonzerne haben ihre Investitionen in die Exploration und Förderung wieder gesteigert. Zugleich haben viele Unternehmen ihre Investitionen in erneuerbare Energien zurückgefahren. Die fossilen Energien machen weltweit weiterhin 80% des Primärenergieverbrauchs aus. Auch 2024 waren die Investitionen in fossile Energien höher als jene in die Erneuerbaren (IEA 2025).
Das ist nicht verwunderlich. Denn die Profitraten in den fossilen Energien übersteigen jene im erneuerbaren Bereich deutlich (Christophers 2024). Die sich bereits 2022 abzeichnende fossile Gegenoffensive hat Fahrt angenommen (Zeller 2023). Die letzten Klimakonferenzen dienten primär dazu, dass große Konzerne und ihre Regierungen ihre Interessensfelder und Märkte abstecken und aushandeln konnten (Zeller 2025b).
Zugleich gewinnen nationalkonservative und faschistische Kräfte an Einfluss. In mehreren Ländern sind sie mittlerweile in der Regierung oder rechnen sich gute Chancen aus, bald in Regierungen einzutreten oder diese zu übernehmen. Das Putin-Regime, die Trump-Präsidentschaft und die Netanjahu-Regierungsclique spielen sich gegenseitig die Bälle zu und bilden die Speerspitze dieser internationalen Tendenz.
Die sogenannte multipolare Weltordnung ist kein Fortschritt. Die meisten aufstrebenden Länder sind autoritär regiert. Deren Regierungen bauen die fossile Infrastruktur energisch aus, ganz besonders die „linke“ Lula-Regierung in Brasilien. Auch die chinesische Führung erweitert parallel zum massiven Zubau der erneuerbaren Energien weiterhin die fossile Infrastruktur. Wir erleben einen Zubau erneuerbarer Energien auf die fossile Basis der kapitalistischen Wirtschaft. Es gibt keine wirkliche Energietransition. Die mit der rasch wachsenden Verbreitung Künstlicher Intelligenz verbundene Errichtung von Rechenzentren wird den Stromverbrauch massiv in die Höhe treiben (Colback 2025) und damit einen Ausstieg aus den fossilen Energieträgern noch unwahrscheinlicher machen.
Eine grüne Modernisierung, geschweige eine sozialökologische Transformation, finden nicht statt. Der Grund dafür liegt aber tiefer als nur in verpassten Chancen und Fehlern grünlinker Kräfte oder der Klimabewegung. Das Beharrungsvermögen des fossilen Kapitals ist auch nicht das Ergebnis des Aufstiegs nationalkonservativer und faschistischer Kräfte. Vielmehr ist die kapitalistische Produktionsweise komplett mit den fossilen Energieträgern verwoben. Sie ist inkompatibel mit einem Energiesystem, das ausschließlich auf erneuerbaren Energien beruht. Ohne die Vorteile der fossilen Energien – einfache Speicherung, Transportfähigkeit, hohe Energiedichte und hohe Energieernte – verlöre die kapitalistische Akkumulationsmaschinerie einen zentralen Treibstoff. Große Finanzunternehmen haben ihre vollmundigen Ankündigungen über ihre „grünen“ Anlagestrategien längst aufgegeben. Die sogenannte Net-Zero Banking Alliance großer Finanzinstitute hat sich aufgelöst (Mundy 2025). Green Finance fristet ein Schattendasein. Das anlagesuchende Kapital, auch jenes der Pensionsfonds, fließt weiterhin in den fossilen Sektor.
Zudem wird oft vergessen, dass der Infrastrukturaufbau für erneuerbare Energien weitgehend auf fossilen Energien beruht. Die mit diesem Energiebedarf verbundenen CO2-Emissionen übersteigen bereits das noch vorhandene Budget, um das sogenannte 1,5° C-Ziel einzuhalten und machen auch das 2° C-Ziel unmöglich. Der Akkumulationszwang lässt sich auf der Grundlage erneuerbarer Energien nicht einlösen. Darum kann es keinen nicht-fossilen Kapitalismus geben.
Die jüngere Entwicklung zeigt, dass der unter sich oftmals an Antonio Gramsci orientierenden Politikwissenschafter:innen und im linken Spektrum stark vertretene Diskurs über einen Wettstreit zwischen einem fossil-reaktionären und einem grün-modernistischen Hegemonieprojekt ein Trugschluss ist. Die politischen Stellungnahmen und Strategiepapiere zu untersuchen, ist wichtig, um politische Tendenzen und Projekte zu erkennen, hilft jedoch nicht die materiellen und ökonomischen Dynamiken und Zwänge der gegenwärtigen Phase des Kapitalismus zu verstehen.
Dieser Diskurs über das grün-modernistische Hegemonieprojekt hat zu zwei verhängnisvollen strategischen Irrtümern von beträchtlichen Teilen der Klimabewegung und der Linken beigetragen. Erstens haben sie die fossile Beständigkeit des Kapitalismus unterschätzt und damit die Macht des fossilen Kapitals – den Hauptgegner – aus den Augen verloren. Zweitens haben sie die grüne Modernisierung für wahrscheinlich erachtet und positionierten sich primär als linke sozialökologische Korrekturkraft zu diesem Modernisierungsprojekt, dem letztlich aber die materiellen Grundlagen fehlen. Diese Orientierung äußert sich auch im wiederholten Wunsch nach „progressiven“ Mehrheiten zur Regierungsübernahme.
Die sozialökologische Transformation ist also nicht wegen des Aufstiegs der Nationalkonservativen und Faschist:innen gescheitert, sondern deren Aufstieg ist Ausdruck der Erkenntnis führender Interessensvertreter:innen des Kapitals, dass die kapitalistische Produktionsweise notwendigerweise auf fossilen Energieträgern basieren muss. Solange es nicht ansatzweise gelingt, die Macht des fossilen Kapitals und des mit ihm engverknüpften Finanzkapitals zu untergraben, bleibt jeder Diskurs über eine “sozialökologische Transformation” hohl.
Als Antwort auf die ausweglos erscheinende Situation argumentieren etliche Aktivist:innen aus der ehemaligen Klimabewegung, die globale Klimakatastrophe lasse sich nicht mehr aufhalten. Stattdessen gelte es, sich solidarisch auf den Kollaps vorzubereiten (Müller 2024). Die Vertreter:innen der „solidarischen Kollapspolitik“ erkennen die Brisanz der Lage. Ihre politischen Strategien münden allerdings in eine Sackgasse, in der es kaum noch möglich sein wird, das breite gesellschaftliche Kräfteverhältnis zu verändern (Zeller 2025a).
Die blockierte Situation erfordert eine Debatte über das fossile Beharrungsvermögen und radikale gesellschaftliche Alternativen. Die Dringlichkeit eines ökosozialistischen Umbruchs ist angesichts der Unmöglichkeit der erforderlichen Energie- und Industrietransformation unter kapitalistischen Bedingungen umso offensichtlicher. Es gilt, einen programmatischen, strategischen und organisatorischen Klärungsprozess voranzutreiben. Wie kann angesichts der umfassenden Veränderungen des Erdsystems und der sich zuspitzenden gesellschaftlichen Situation eine humane und ökologisch verträgliche Lebens- und Produktionsweise, eine ökosozialistische Perspektive im Weltmaßstab aussehen? Es gibt nicht den geringsten Anhaltspunkt, dass sich eine solche Perspektive schrittweise durch Reformen realisieren lässt. Somit bleibt nur noch die Hypothese einer ökosozialistischen Revolution übrig.
Wir geben diesem Heft den Titel Ökosozialismus – Subjekte und Strategien und knüpfen damit an unser Anliegen an, das wir bereits im Heft 1.1 der ersten Serie von emanzipation mit dem Titel Kritik des Wachstums oder Kritik der Akkumulation?, dem Heft 6.1 der neuen Serie mit dem Titel Revolution und dem Heft 7.2 mit dem Titel Ökosozialistische Übergänge zum Ausdruck brachten. Wir wollen zur Diskussion sowohl über die programmatische Ausrichtung einer ökosozialistischen revolutionären Bewegung – also beispielsweise die gesellschaftlich und geographisch ungleich durchzusetzende Wachstumsrücknahme und die konkrete Form der gesellschaftlichen Aneignung von Produktion und Reproduktion – als auch über die Subjekte einer solchen Bewegung und deren strategische Orientierung anregen. Hier drängt sich immer stärker die Frage auf, inwiefern auf der Ebene des Nationalstaats überhaupt entscheidende Umbrüche konzipiert und durchgesetzt werden können. Aufgrund der wirtschaftlichen Verflechtungen, verbundenen politischen Dynamiken und gesellschaftlich verwobenen Lebensrealitäten ist es nötig, alle Maßstabsebenen vom Lokalen bis zum Globalen konzeptionell miteinander zu verbinden. Dabei drängt sich vielfach die kontinentale Ebene – in unserem Falle die europäische Dimension – als entscheidender strategischer Raum auf. Nur noch großräumig kann die Macht des (fossilen) Kapitals konkret in Frage gestellt und eine materiell konkret wirksame global solidarische Perspektive praktiziert werden (Zeller 2024).
Wir nehmen in diesem Heft von emanzipation das kürzlich publizierte „Manifest für eine ökosozialistische Revolution – Mit dem kapitalistischen Wachstum brechen“ der Vierten Internationale zum Anlass zur programmatischen und strategischen Diskussion anzuregen. Dieses Manifest ist das erste programmatische Dokument einer revolutionär-sozialistischen Organisation, das eine globale ökosozialistische Orientierung mit der Notwendigkeit einer Wachstumsrücknahme, also einer „Degrowth“-Perspektive verbindet und dabei die global ungleiche und kombinierte Entwicklung sowohl des Kapitalismus als auch der Kämpfe für einen antikapitalistischen Bruch programmatisch im Blick hat. Dieses Manifest verdient trotz etlicher Lücken breite Beachtung und kritische Diskussionen, die zu dessen Weiterentwicklung anregen.
Wir versammeln im Heft einige kurze Beiträge, die auf unterschiedliche Weise in das Manifest einführen. Michael Löwy stellt das Manifest in den programmatischen Entwicklungsprozess der Vierten Internationale und ihrer schrittweisen Transformation zu einer ökosozialistischen Kraft. Paul Murphy argumentiert, dass wir uns in einer Situation befinden, die ein klares und entschlossenes organisiertes Handeln erfordert. Darum erinnert er uns an Lenins Kurswechsel zu Beginn des Jahres 1917 und seine Orientierung auf den revolutionären Aufstand. Maral Jefroudi hebt den feministischen Charakter des Manifests hervor, stellt es in die Kontinuität des marxistischen Feminismus und betont, dass eine ökosozialistische Perspektive primär darin bestehen muss, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung aufzuheben und mehr freie Zeit zu erobern.
Das Manifest für eine ökosozialistische Revolution hat einen globalen Anspruch und passt die programmatischen Vorstellungen den Erfordernissen unterschiedlicher Gesellschaften an. Weil die frühindustrialisierten Staaten die Hauptverantwortung für die Erderhitzung und die ökologische Zerstörung tragen, bedeutet Wachstumsrücknahme in diesen Ländern einen buchstäblichen Rückbau wichtiger Industrien. In den armen und peripheren Ländern und den sich industrialisierenden Ländern ist zwar die Art der Industrialisierung ebenfalls hochproblematisch, aber selbstverständlich sind die Bemühungen zu unterstützen, der Armut zu entkommen.
Daniel Tanuro präsentiert Überlegungen wie die programmatische Ausrichtung des Manifests in den Philippinen konkretisiert werden kann. Angesichts der unmittelbaren Bedrohung des Lebens und notwendigen Umsiedelungen von Millionen von Menschen plädiert er dafür, Kämpfe für eine solidarische Infrastruktur, für Agrarökologie und eine demokratische Planung ins Zentrum zu rücken. Christian Zeller kritisiert die fehlenden strategischen Hypothesen im Manifest, insbesondere in Bezug auf die imperialistischen Staaten in Europa und die erforderliche Entmachtung des (fossilen) Kapitals. Er unterbreitet Vorschläge, die auf eine europäische Organisierungsperspektive zielen.
Nicht unmittelbar auf das Manifest bezogen, aber wichtig für die ökosozialistische Debatte, spricht sich Jess Spear gegen die Fixierung auf eine eng begriffene und männlich geprägte Arbeiter:innenklasse als Subjekt der Veränderung aus. Sie zeigt anhand von Bewegungen und Erfahrungen in Irland, dass Frauen außerhalb des Arbeitsplatzes wichtige Impulse für soziale Bewegungen setzen und die Avantgarde von Bewegungen bilden können. Vanessa Dourado beschreibt den gesellschaftlichen Kontext für das zweite lateinamerikanische ökosozialistische Treffen, dass Mitte November 2025, parallel zu Weltklimakonferenz COP30, in Belém stattfand. Der Widerstand gegen den Extraktivismus und die Zerstörung der Lebensbedingungen ist eine zentrale Achse ökosozialistischen Widerstands.
Seit 2014 hat sich das Network of Ecosocialist Encounters zu sechs internationalen Konferenzen getroffen, letztmals 2024 in Buenos Aires. Die siebte Konferenz wird vom 15. bis 17. Mai 2026 in Brüssel stattfinden und ökosozialistische Organisationen und Kollektive sowie Aktivist:innen in Gewerkschaften, feministischen dekolonialen und migrantischen Bewegungen sowie kritische Forscher:innen aus mehreren Kontinenten zusammenbringen. Wir laden dazu ein, sich an dieser Konferenz zu beteiligen und sich aktiv einzubringen.
Referenzen
Christophers, Brett (2024): The Price is Wrong: Why Capitalism Won’t Save the Planet: Verso Books.
Colback, Lucy (2025): Rethinking the energy transition. Financial Times, 26 September 2025. https://www.ft.com/content/66bb8907-0081-45d4-9797-7416b8468f6e
IEA (2025): World Energy Outlook 2025, November 2025, International Energy Agency: Paris, 518 S.
Lenton, Timothy M., et al. (2023): Quantifying the human cost of global warming. Nature Sustainability 2023/05/22. https://doi.org/10.1038/s41893-023-01132-6.
Müller, Tadzio (2024): Zwischen friedlicher Sabotage und Kollaps. Wie ich lernte, die Zukunft wieder zu lieben. Wien: Mandelbaum, 316 S.
Mundy, Simon (2025): Climate finance feels the chill as net zero alliances unravel. Financial Times, 10 November 2025. https://www.ft.com/content/25524d56-263d-4a6d-a0b7-92e4feac2ead
Xu, Chi, et al. (2020): Future of the human climate niche. Proceedings of the National Academy of Sciences 117 (21), S. 11350-11355. https://www.pnas.org/content/pnas/117/21/11350.full.pdf
Zeller, Christian (2023): Fossile Gegenoffensive – Grüner Kapitalismus ist nicht in Sicht. emanzipation – Zeitschrift für ökosozialistische Strategie 7 (2), S. 221-252. https://emanzipation.org/2023/08/fossile-gegenoffensive-gruener-kapitalismus-ist-nicht-in-sicht/
Zeller, Christian (2024): Eine kontinentale Gegenmacht gegen das fossile Kapital aufbauen. emanzipation – Zeitschrift für ökosozialistische Strategie 8 (2). https://emanzipation.org/wp-content/uploads/2024/10/Zeller_2024_Kontinentale_
Gegenmacht_gegen_fossiles_Kapital_aufbauen_emanzipation_8-2.pdf
Zeller, Christian (2025a): Ein Baustein, aber kein Plan. analyse&kritik (717) 19. August 2025, S. 20. https://www.akweb.de/bewegung/klimabewegung-wir-brauchen-nicht-solidarische-kollapspolitik-sondern-eine-oekosozialistische-strategie/.
Zeller, Christian (2025b): Das Scheitern des grünen Kapitalismus. Analyse und Kritik (10), 720. https://www.akweb.de/politik/cop30-klimakonferenz-belem-das-scheitern-des-gruenen-kapitalismus/