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Am 19. Dezember kursierten in den sozialen Medien Fotos von einer Demonstration auf dem Umayyaden-Platz in Damaskus, bei der ein säkularer, ziviler und demokratischer Staat gefordert wurde. Die Fotos fielen sofort auf, weil im Gegensatz zu anderen Massenkundgebungen der letzten Tage in Syrien nur sehr wenige Revolutionsfahnen in der Menge zu sehen waren. Im Laufe des Tages stellte sich heraus, dass viele der Teilnehmer:innen an der Demonstration in Wirklichkeit Anhänger:innen des Regimes waren, die zuvor ihre Unterstützung für Assads Milizen, Fassbomben und chemische Angriffe bekundet hatten. Revolutionäre Syrer:innen waren verständlicherweise empört, dass solche Menschen die Rechte ausübten, die sie anderen lange verweigert hatten.
Dennoch habe ich aus diesem Protest auch etwas Hoffnung geschöpft. Die Demonstration wurde von der neuen Übergangsregierung genehmigt, niemand wurde verhaftet, niemand wurde erschossen. Ein bewaffneter Kämpfer der von der HTS geführten Military Operations Administration sprach auf der Demonstration. Inmitten der Rufe der Menge nach „Säkularismus, Säkularismus“ – ein Ziel, das er eindeutig nicht teilte – brachte er wortgewandt zum Ausdruck, dass wir uns geschlossen gegen den Konfessionalismus stellen müssen.
In den sozialen Medien und in syrischen Chatgruppen entbrannten leidenschaftliche Debatten zwischen den Anhänger:innen des Säkularismus und den Befürworter:innen eines Staates auf der Basis eines islamischen Systems. Mich überkam ein ungutes Gefühl, als die Revolutionär:innen untereinander stritten. Es ist viel einfacher, sich einig zu sein, wenn man gegen etwas ist, als wenn man artikulieren muss, wofür man eintritt. Doch dann wurde mir klar, dass dies genau das Syrien war, für das die Revolutionär:innen gekämpft hatten: ein Land, in dem man gemeinsam im öffentlichen Raum debattieren, unterschiedliche Meinungen austauschen und sich gegenseitig respektvoll zuhören konnte. Die harte Arbeit der politischen Ko-Konstruktion hat gerade erst begonnen.
Die Debatten gingen jedoch weitgehend am Thema vorbei. Die Trennungslinie in Syrien verlief nie zwischen Religion und Säkularismus, sondern zwischen Autoritarismus und Demokratie.
Syrien hat eine große sunnitische Mehrheit, die etwa 70 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Es ist verständlich, dass religiöse Muslim:innen ihre Gesellschaft und ihre Politik in Übereinstimmung mit ihrer eigenen Kultur, ihren Werten und Traditionen gestalten wollen. Im Westen wird der Islamismus als ein Monolith der Reaktion gesehen – verbunden mit erzwungener Geschlechtertrennung und strengen Strafen für Übertretungen –, aber für die meisten Muslim:innen bedeutet er eine gerechte Regierung und einen korruptionsfreien sozialen Raum. Der Islamismus kann viele Gesichter haben: Er kann Befreiungstheologie, bürgerliche Demokratie, Diktatur oder apokalyptischer Nihilismus sein. Es sollte nicht davon ausgegangen werden, dass die Demokratie im Nahen Osten der liberalen westlichen Demokratie ähnelt, die nach der uneingeschränkten Unterstützung vieler westlicher Staaten für den israelischen Völkermord im Gazastreifen den letzten Rest an Glaubwürdigkeit verloren hat.
Da das frühere Regime der Bevölkerung seine eigene Vision des „Säkularismus“ aufzwang – als Mittel der sozialen Kontrolle bis hin zum Völkermord –, können viele Syrer:innen nicht anders, als diesem Konzept mit Abneigung zu begegnen. Das Regime spielte mit konfessionellen Spaltungen und brachte die verschiedenen Bevölkerungsgruppen gegeneinander auf – Spaltungen, an deren Überwindung die revolutionären Syrer:innen hart gearbeitet haben. Auf Twitter postete eine junge Frau ein Foto von sich, auf dem sie ihr hellblaues Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden hat und eine lederne Bomberjacke mit der Flagge des freien Syriens trägt. „Ich bin eine junge, unverschleierte, freie syrische Frau“, schrieb sie, „und ich würde lieber von konservativen, gottesfürchtigen Muslimen regiert werden als von Assads völkermordenden Milizen.“ Ein anderer kommentierte in einer Chatgruppe: „Im Ernst, ob Syrien nun muslimisch oder säkular ist, ich will einfach nur ein Land mit Strom, Lebensmitteln, vernünftigen Preisen, ohne Korruption, Einheit, Sicherheit; ein Land, auf das ich wirklich stolz sein kann und das ich Heimat nennen kann.“
Heute befindet sich ein großer Teil der säkularen, demokratischen Opposition entweder außerhalb des Landes oder wurde in Assads Gulags abgeschlachtet, und die organisierte Opposition im Exil hat nur eine begrenzte Legitimität in der Bevölkerung vor Ort. Die Kluft hat auch eine klare Klassendimension: Die sunnitische Mehrheit gehörte zu denjenigen, die sowohl unter der Herrschaft von Hafez als auch von Baschar al-Assad am meisten zu leiden hatten, während Minderheitengruppen in Machtpositionen aufstiegen. Die syrische Revolution begann an der Peripherie, auch in sozial und religiös konservativeren Gemeinschaften. Diejenigen, die zu den Waffen griffen und ihr Leben opferten, spielten eine Schlüsselrolle bei der Befreiung Syriens von einem Tyrannen, und sie wollen zu Recht an der künftigen Ausrichtung des Landes teilhaben. Die Frage ist, inwieweit sie auch andere daran teilhaben lassen, den Übergang zu einer zivilen Regierung unterstützen und die Macht nicht zwischen verschiedenen Warlords aufteilen. Jeder, der den Anspruch erhebt, die Syrer:innen zu vertreten, muss dies an der Wahlurne unter Beweis stellen.
Der Westen hat unterdessen seine Islamophobie zum Ausdruck gebracht. In einem BBC-Interview mit Ahmed al-Scharaa (al-Dschaulani) war eine der ersten Fragen von Jeremy Bowen, ob das neue Syrien „Toleranz für Menschen, die Alkohol trinken“ beinhaltet. In der Zwischenzeit werden im ganzen Land immer noch Massengräber ausgehoben, syrische Mütter versuchen immer noch verzweifelt, Nachrichten über ihre inhaftierten Angehörigen zu erhalten, und Israel besetzt weitere Gebiete an den südlichen Grenzen Syriens. Ebenso begannen weiße Feministinnen, sich über die Kleidung der Frauen zu sorgen – einige von ihnen hatten nie ein Wort über die organisierten Vergewaltigungskampagnen des Regimes gegen Dissident:innen oder die Frauen verloren, deren Körper in den Gefängnissen missbraucht und abgeschlachtet wurden. Assads Unterstützer:innen im Westen äußerten ihre Besorgnis über Minderheiten – dieselben Leute, die schwiegen, als Assad systematisch diejenigen ausrottete, die sich seiner Herrschaft widersetzten.
Hier wird eindeutig mit zweierlei Maß gemessen. Die repräsentative Demokratie (wenn es das ist, was die Syrer:innen verwirklichen) vertritt die Bestrebungen der Mehrheit und schließt dissidente Minderheiten aus. Die Christdemokrat:innen in Deutschland repräsentieren nicht die beträchtliche muslimische Bevölkerung des Landes, und dennoch schlägt niemand vor, dass sie in der Politik des Landes keine Rolle spielen sollten. Andererseits kann die repräsentative Demokratie auch zu Autoritarismus führen. Die Syrer:innen sollten sich davor hüten, die gleichen Fehler wie Trumps Amerika zu wiederholen, wo autoritäre, konservative, religiöse Gruppierungen an Stärke gewinnen und ihre Macht konsolidieren, die Rechte der Frauen verletzen, die Rechte von Minderheiten bedrohen, den demokratischen Raum aushöhlen und weniger Raum für die Organisation einer Alternative lassen.
Um es klar zu sagen: Ich persönlich bin der Meinung, dass eine säkulare Gesellschaft das vielfältige soziale Gefüge Syriens am besten repräsentieren kann. Säkularismus bedeutet die Trennung von Staat und Religion. Er versucht nicht, die Menschen an der Religionsausübung zu hindern, sondern respektiert ihren Wunsch, ihre Religion zu praktizieren oder nicht, wie sie es für richtig halten. Er zwingt der Gesellschaft nicht seine Vorstellungen auf und gewährt einer religiösen Gruppe keine Privilegien gegenüber einer anderen. Minderheitengruppen wollen nicht paternalistisch mit einigen wenigen Rechten ausgestattet werden, sondern sie wollen eine gleichberechtigte Chance, am politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben ihres Landes teilzunehmen.
Die Säkularist:innen in Syrien sind keine homogene Gruppe. Zu ihnen gehören sowohl Anhänger:innen des Regimes als auch Mitglieder der Opposition, und diese säkulare Opposition ist darüber hinaus in zahlreiche politische Richtungen unterteilt: Linke, Liberale, Konservative und Menschen mit unterschiedlichen religiösen Überzeugungen, darunter viele sunnitische Muslim:innen. Umgekehrt haben viele sunnitische Muslim:innen in Syrien und auf der ganzen Welt das Assad-Regime unterstützt.
Doch um glaubwürdig zu sein, muss der Diskurs des Säkularismus von den Assadist:innen zurückerobert und nicht von konterrevolutionären Kräften vereinnahmt werden. Die Säkularist:innen müssen die Lehren aus Ägypten ziehen, wo die Ägypter:innen – in Opposition zu jeder noch so unvollkommenen Form der islamistischen Demokratie – einen „säkularen“ Faschismus wieder einführten, der heute schlimmer ist als unter Mubarak. Auch die Islamist:innen müssen sich fragen, ob der islamische Staat, den sie verteidigen, wirklich die Werte der Revolution garantieren, die repressiven Strukturen des Staates abbauen und nicht eine Wiederholung des Autoritarismus unter einem anderen Namen sein könnte; ein Staat, der wirklich alle unterschiedlichen Gemeinschaften Syriens repräsentieren könnte und nicht zu Gefühlen der Ausgrenzung und zu weiterer politischer Instabilität führen würde. Fundamentalistische Auffassungen des Islams können vor allem sunnitische Muslim:innen bedrohen: Wer sich nicht an die von den Machthabern vertretenen Interpretationen hält, läuft Gefahr, der Apostasie bezichtigt zu werden. Jeder Schritt in Richtung größerer Freiheiten sollte gefördert werden, jeder Schritt zurück sollte heftig bekämpft werden.
Manche verkünden herablassend, die Syrer:innen seien nicht reif für die Demokratie. Doch in den letzten 13 Jahren hat sich in Syrien ein reiches demokratisches Erbe herausgebildet. Die Lokalen Koordinationskomitees, die die Proteste gegen das Regime organisierten, waren horizontal organisierte Gremien, denen Frauen und Männer aus allen unterschiedlichen Gemeinschaften Syriens angehörten. In den befreiten Gebieten organisierten sich die Gemeinschaften selbst und richteten lokale Räte ein, um die Dienstleistungen für die Bevölkerung zu verwalten, und hielten in vielen Fällen demokratische Wahlen ab, um ihre Vertreter:innen zu wählen. Es handelte sich um ein demokratisches System, das Menschen vieler verschiedener Glaubensrichtungen und auch Menschen ohne Glauben umfassen konnte: eine Basisdemokratie, die den Gemeinschaften die Autonomie gab, sich im Einklang mit ihren eigenen lokalen Werten und Traditionen zu organisieren. Diese Autonomie der Gemeinschaften ist nicht gleichbedeutend mit einer territorialen Aufteilung, sondern kann vielmehr eine organische Einheit schaffen – vereint, aber nicht homogen. Darüber hinaus verteidigten die revolutionären Syrer:innen diese hart erkämpften Errungenschaften gegen autoritäre Machthaber und waren schnell bereit, gegen jeden zu protestieren, der die Freiheiten des Volkes einschränkte, einschließlich derjenigen, die heute Machtpositionen innehaben.
Die Syrer:innen stehen vor vielen Herausforderungen. Es wird lange dauern, bis sich das Land von der politischen und wirtschaftlichen Zerstörung erholt hat. Es muss Gerechtigkeit und Rechenschaftspflicht herrschen, und es muss eine Zeit der Versöhnung geben. Es muss Zeit für den Wiederaufbau einer lebendigen Zivilgesellschaft und politischen Kultur geben. Syrien ist heute mit vielen konterrevolutionären Bedrohungen konfrontiert. Die Syrer:innen brauchen nicht auf große Ideologien zu schauen, um ihre Zukunft zu gestalten. Sie sollten sich auf ihre jüngsten Erfahrungen besinnen und die Revolution fortsetzen, bei der es immer um mehr ging als um den Sturz eines Tyrannen. Das autoritäre Erbe, das das Assad-Regime hinterlassen hat, muss überwunden und der demokratische Raum muss um jeden Preis verteidigt werden.
Referenzen
Ursprünglich veröffentlicht auf Al-Jumhuriya. Für emanzipation aus dem Englischen übersetzt von Harald Etzbach.
Bildquelle: basierend auf dem Original.