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Hoffnungen, Träume und Desillusionierung – Lesben in der friedlichen Revolution
„Da sie an der Welt nicht zweifeln konnte, blieb ihr nur der Zweifel an sich”, schrieb Christa Wolf[1] in ihrer Erzählung „Nachdenken über Christa T.“. Diese Formulierung ließe sich auch präzise auf die Situation der lesbischen Frauen in der DDR übertragen, denn die Außenwelt des DDR-Realsozialismus machte ihnen eindeutig klar, dass nicht die Umstände, in denen sie lebten, das Problem waren – sondern sie selbst.
Über die Situation lesbischer Paare in der DDR wird nach wie vor wenig berichtet. Doch natürlich gab es auch in der DDR offen geoutete Lesben, die ihre Liebe frei auslebten. Gleichzeitig war der Schritt des Coming-out mit vielerlei Problemen begleitet, weswegen die meisten lesbischen Frauen nur untereinander offen lebten und sich am Arbeitsplatz oder an anderen Orten, die von der Staatsideologie und ihren Instrumenten beherrscht waren, bedeckt hielten.
Problematisch war nicht nur der Staat, sondern auch die Akzeptanz in der eigenen Familie: „Wenn ich sage, dass ich lesbisch bin, würden sich alle von mir abwenden”[2], erklärt eine junge DDR-Bürgerin in einem Interview. Eine andere Frau erlebte genau das: „Ich hab’s gesagt und 80% haben mich fallenlassen. Na und, auf die kann ich verzichten, die restlichen 20% stehen zu mir, auf die kann ich mich verlassen.”
1951 beschloss der Sächsische Landtag, den Paragrafen 175, der homosexuelle Männer verfolgte, aufzuheben, aber umgesetzt wurde dieser Beschluss nicht. In der DDR bestand der Paragraf 175 bis 1968. Beide deutsche Staaten überarbeiten ihn mehrmals und halten zunächst an dem Paragrafen fest. Homosexuelle wurden auch in der DDR verfolgt, aber in deutlich geringerem Maße als in der frühen BRD. Die DDR-Propaganda verortete alles, was als nicht normal galt, als etwas, was aus dem Westen kommen musste – Suchterkrankungen, Kriminalität, Spionage und auch die Homosexualität wurden mit westlicher Dekadenz gleichgesetzt.
Obwohl es einige wenige Lokale in Ost-Berlin gab, die als Treffpunkte für schwule und lesbische DDR-Bürger:innen galten, gab es in der ganzen DDR so gut wie keine öffentlichen Begegnungsorte. Rechtlich änderte sich die Lage 1968 mit dem neuen DDR-Strafgesetzbuch, in dem der Paragraf 175 durch den Paragrafen 151 ersetzt wurde. Damit war Homosexualität zwischen Erwachsenen nicht mehr strafbar. Die DDR wurde von der kulturellen und gesellschaftspolitischen Welle von Veränderungen, die in Westeuropa ab 1968 einsetzte, nur unzureichend erfasst. Das Stigma blieb, wobei auch erst in den 80er Jahren erste Medienberichte erschienen, die diese Gesetzesänderung öffentlich thematisierten.
Anfang der 70er-Jahre will eine Gruppe von Ost-Berliner Schwulen und Lesben ihre Situation nicht länger hinnehmen. Zu den Initiator:innen gehört der damals 23-jährige Peter Rausch: “Wir sahen damals den Film von Rosa von Praunheim ‘Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt’ und wir waren elektrisiert”, sagt er. Die Gruppe will ein Verein werden, doch das wird ihnen von den Behörden verboten. Zu groß ist die Angst der Staatsführung, dass sich die Bewegung politisch organisiert.
Rosa von Praunheim, der mit seiner Familie 1953 aus der DDR flüchtete, setzte sich den Anspruch, Homosexuelle im Sinne einer Emanzipationsbewegung zu politisieren. Dabei wirkten seine Filme als Aufruf, dem in der BRD viele folgten und daraufhin begannen, politische Räume und Bewegungen für sich einzunehmen. Auch in der DDR folgten viele diesem Aufruf, obgleich die Filme nur heimlich über das Westfernsehen zu empfangen waren.
1973 konnte man in Ost-Berlin ein Transparent lesen, auf dem stand: „Wir Homosexuelle der Hauptstadt begrüßen die Teilnehmer der X. Weltfestspiele und sind für den Sozialismus“. Hochgehalten wurde es an den Weltfestspielen der Jugend. Im folgenden Jahr gab es erstmals einen Vortrag zum Thema Homosexualität in der Berliner Stadtbibliothek. Auch in der DDR-Literatur konnte man von lesbischer Liebe lesen, etwa in Irmtraud Morgners „Leben und Abenteuer der Troubadora Beatriz”, welches 1974 im Aufbau-Verlag erschien.
Lesbische Liebe war in der DDR kein offen besprochenes Thema, dennoch entstanden bereits zu DDR-Zeiten innerhalb der Räume der evangelischen Studentengemeinden und der Opposition Räume, in denen Homosexualität Thema werden konnte. Mit dem dem politischen Wandel im Rahmen der friedlichen Revolution und der Stimmung in der DDR-Oppositionsbewegung verbanden sich Hoffnungen, Lesbische Liebe könne endlich frei und ohne Diskriminierung gelebt werden. So lud die Kirchgemeinde Halle an der Saale am 25. Juni 1986 zum Veranstaltungstag „Werde die, die du bist”. Einer der Punkte, über die diskutiert werden sollte, war „Ich suche Identität und Annahme” und die Frage: Wie gehen Frauen miteinander um?
Den Lesben des späteren Sonntags-Clubs in Berlin ist es zu verdanken[3], dass an der Humboldt Universität 1984 eine interdisziplinäre Wissenschaftler:innengruppe entstand, die sich mit Homosexualität beschäftigte.
Auf das Betreiben von Ursula Sillge entstand im Februar 1986 der Sonntags-Club, der sich allerdings erst ab 1987 so nannte. Der Sonntags-Club war der erste Club für homosexuelle Frauen und Männer in der DDR. Die Unterzeile auf dem Programm lautete „nicht nur für homosexuelle Bürger”. Damit sollte Offenheit gegenüber Heterosexuellen signalisiert werden, die auch regelmäßig zu den Vorträgen kamen. Es ist der einzige Homosexuellen-Club in der (Ex-) DDR, der nicht von schwulen Männern dominiert wurde. Darin vereinen sich 15 Untergruppen. Es stellte sich die Frage: Wer mit wem? Als die Lesbenbewegung nach Verbündeten Ausschau hielt, stand sie vor der Frage, ob sie mit der Frauenbewegung oder mit den Schwulen zusammenarbeiten will.
Der Demokratischer Frauenbund Deutschlands (DFD) war dabei weniger attraktiv, da keine Impulse für gesellschaftlichen Diskurs und für die Lesbenbewegung ausgingen. Frauenfragen wurden nicht öffentlich thematisiert und Probleme von Lesben erst recht nicht. „Normative Zuweisung von männlichem und weiblichem Verhalten kann nur durch öffentlichen Diskurs gegen Geschlechterrollen geändert werden”, gibt Ursula Sillge an.
Seit Anfang der 80er Jahre[4] begann die Stasi, systematisch die Lesben- und Schwulenszene in der DDR zu überwachen, die Bewegung sollte zersetzt werden und sogenannte „rosalila Listen” wurden erstellt. Die Überschneidung zwischen oppositionellen Räumen und der „unnormal” ausgelebten Sexualität erschien der SED als zu bedrohlich.
1988/89 wurden schließlich auch innerhalb der Strukturen der FDJ und in Klubhäusern die ersten schwul-lesbischen Gruppen gegründet. Das war „RosaLinde” in Leipzig und in Dresden „Gerede”. Damit sollte schwul-lesbisches Engagement außerhalb der Kirche initiiert werden, eine Öffentlichkeit geschaffen werden und die Mitglieder zur Teilnahme an weiteren Vereinen und Gruppen motiviert werden. Der Versuch, die dortigen Mitglieder für die Strukturen der SED zu instrumentalisieren, schlug fehl, als Antwort darauf gründete sich die Gruppe „Courage”.
1988 begann die Konzeption für die „frau anders”, die erste autonome Lesbenzeitschrift aus Jena, 1989 kam sie in den Verkauf. Viele weitere Zeitschriften und Medienberichte sollten folgen. Darin konnte man neben Reportagen zu gesellschaftspolitischen Tagesthemen und Fragen auch Erfahrungsberichte und Zuschriften lesen, die den Frauen das Gefühl gaben, nicht mehr nur eine von ganz wenigen zu sein. Darin liest man zum Beispiel: „Eure Zeitung hat mich angenehm berührt, gleichzeitig erschreckt wegen der Offenheit. Euch Liebe Grüße, Dorothea”[5].
Revolution und Zuversicht
Im Mai 1990[6] hatte Leipzig erstmals eine Beauftragte für Minderheitenpolitik: Eva Hoffmann, 32 Jahre, Mitglied der Fraueninitiative Leipzig, ehrenamtlich tätig. Sie spricht von denen, die „Rechtlich und sozial benachteiligt, psychisch alleingelassen, in diesem Sinne Betroffene”, sind, damit waren beispielsweise die zehn Prozent aller Frauen und Männer in Leipzig, die homosexuell oder transsexuell sind, gemeint.
Diese Minderheiten, die Leipzig viel zu lange übersehen hatte, sollten nicht länger „fünftes Rad am Wagen” sein. Dabei müsse man daran arbeiten, den Leuten die Selbstzweifel zu nehmen, dass ihre Minderheit so klein gar nicht ist, wie sie es immer schien, so die Erklärung in den Presseberichten.
In der Zeitschrift Ypsilon erschien im April 1990 eine Geschichte, die zum Nachdenken anregen sollte. Sie wird eingeleitet mit der noch nicht so fernen Erinnerung: „Die Liebe zwischen Frauen war in der DDR-Gesellschaft unerwünscht. Sie wurde unterdrückt, totgeschwiegen, wie in der Öffentlichkeit, so in den Liebenden. Das Leid, für die Gefühle einen Ausdruck zu finden, zeigt die nachfolgende Geschichte.”
Eingeleitet wird die kurze Erzählung mit der Bemerkung, dass die Tote sich ihre Lieder selbst gewünscht hatte. Darunter der Vers „Ach, dass ich dich so spät erkannt, du hochgelobtes Gut und wahre Ruh, es ist mir leid, ich bin betrübt, dass ich so spät geliebt.”
Es ist die Geschichte einer 46-jährigen Köchin im Lehrlingswohnheim namens Hertha, die sich in ein „junges Mädchen” namens Ute verliebt hatte. Ute sollte nicht zur Beerdigung kommen, keiner wusste warum. Hertha hatte nie geheiratet und war immer zufrieden, bis die neuen Lehrlinge kamen, darunter Ute. Einmal tanzten sie, Hertha quälte sich danach mit Selbstvorwürfen. Der Arzt konnte nichts finden, Hertha wurde lebensmüde. Nicht explizit erwähnt wird dabei, wie Hertha ums Leben kommt, auch Suizidalität und psychische Erkrankungen waren zu DDR-Zeiten ein Tabu, und auch weit darüber hinaus. Vermutlich wollte man den Schock-Effekt nicht allzu groß für die Leserin machen, trotzdem wird zwischen den Zeilen deutlich, dass die Hauptfigur sich das Leben nahm, oder „an gebrochenem Herzen starb”, weil sie es nicht akzeptieren konnte, lesbisch zu sein.
Herthas Schicksal in der Wohnheimwelt, der Institutionen der DDR, steht stellvertretend für die Lage vieler DDR-Bürgerinnen. Umso größer waren die Hoffnungen, dass sich mit dem Mauerfall alles ändern würde.
Nach dem neuen Anfang – 1990 und danach
Der Christopher Street Day ist vor allem ein Feiertag[7], und der wurde 1990 auch in gebührlichem Rahmen begangen. Nachdem die ganze Woche über Veranstaltungen liefen und sich ein Teil der 15.000 Parade und Teilnehmer:innen bereits auf dem Ku’damm tanzend geschafft hatte, luden abends Tempodrom und Haus der Jungen Talente zur schwul-lesbischen Nacht ein.
Aber nach der anfänglichen Feierstimmung setzte auch viel Ernüchterung ein. Die großen Hoffnungen, mit dem Wegfall des repressiven DDR-Staatsapparates würde sich auch die Gesellschaft stärker um die Akzeptanz ihrer Minderheiten bemühen, schlugen fehl. Viele fühlten sich übersehen, oder „auf halbem Weg stehen gelassen”.
Die Sozialwissenschaftlerin Christina Thürmer-Rohr hielt 1991 eine große Ernüchterung über die Geschehnisse nach dem Fall der Berliner Mauer fest[8]: „Der Geschichtsverlust scheint in jeder Epoche, mit jedem Jahrhundertereignis neu einzusetzen. Die sog. Revolutionen im Osten sind wieder Revolutionen der Söhne, und dass das so ist, findet auch auf wesentlicher Seite kaum jemand bemerkenswert. Allzu selbstverständlich ist es, dass der Mann Geschichte macht (…).”
Sie fährt weiter fort: „Allein die Tatsache der verschwundenen Frauen müsste es verbieten, die Ereignisse nach dem 9. November als Revolution zu bezeichnen.”
Frauen waren natürlich an den Geschehnissen beteiligt, die friedliche Revolution war keine Männerrevolution allein. Dennoch haben sich viele der Hoffnungen und Träume, die mit der „Wende” verbunden waren, nicht erfüllt. Emanzipation und die Forderung nach Gleichberechtigung und Toleranz der Homosexuellen gegenüber der Gesellschaft des nun einigen Deutschlands galten als Forderungen, die nicht die höchste Priorität hatten, im allgemeinen Gedränge und Chaos der Zeit untergingen. Und als sich der Sturm wieder gesenkt hatte, war vieles noch wie vorher.
1997 freuen sich die ostdeutschen Lesben „Leslie Feinberg (New York) kommt!!!” (sic)[9]. Ein Jahr vorher wirkte die US-amerikanische Schriftstellerin, die als eine der bekanntesten Personen der US-Queerbewegung gilt, in Rosa von Praunheims Film „Vor Transsexuellen wird gewarnt” mit. Ihr Besuch in der ehemaligen DDR war eine kleine Sensation, auch wenn nur wenige die englischsprachigen Originale gelesen hatten – schließlich lernte man als Schulkind in der DDR eher Russisch als Englisch.
In ihrem Vortrag ging es um Probleme der Sprache, Feinbergs Texte erscheinen im Deutschen anders als im Englischen, distanzierter. Viele waren mit den Übersetzungen unzufrieden. Aber die Wortfindung und Übersetzung ist ein Thema, dass auch in den Räumen der Lesben immer eine Rolle spielt: „Und zumindest in queer – dem Querliegen gegen vorgegebene Normen – sieht sie das Wort, um die scheinbar starren Definitionen von Mann und Frau aufzubrechen.” Mit der Suche um die eigene Sprache wandte sich die Bewegung einem Thema zu, welches eine gewisse Sicherheit in sich selbst beinhaltet – die Sprache, die „uns”, die Gemeinschaft der lesbischen Frauen in der nun ehemaligen DDR mitmeint, muss gefunden werden, aber sie ist ein Weg, das “mit-gemeint-sein” auszudrücken und sich im allgemeinen Diskurs wiederzufinden.
Das Aufbrechen von Konventionen und Geschlechterrollen ist eines der großen Probleme, die in den 90er Jahren noch ungelöst scheinen. Die Hoffnung schlug in die Erkenntnis um, dass die Probleme tiefer liegen, als man annahm, und dass besonders die Frauenfragen sofort wieder von anderen Themen verdrängt werden. Die Kämpfe über sichere Räume, Sprache, Deutungshoheit und gesellschaftliche Partizipation waren 1989 noch nicht ausgefochten – genauso wenig, wie sie heute beendet sind.
Der Blick auf die Lesbenbewegung der DDR zeigt eine Geschichte von Selbstorganisation gegen die Versuche staatlicher Lenkung und Einflussnahme. Rechtliche Emanzipation war nie ein Geschenk von staatlicher Seite, sondern das Ergebnis langer und andauernder Kämpfe. Queere Rechte dürfen nicht an den Staat delegiert werden oder von wechselnden politischen Mehrheiten abhängig sein – sie brauchen eine starke Zivilgesellschaft, die für diese offen und bewusst einsteht.
Referenzen
Bildquelle: Foto von Alexey Demidov auf Unsplash
[1] Die Leipziger Andere Zeitung, 22.03.1990
[2] Die Leipziger Andere Zeitung, 19.09.1990: „denn ich will, dass es das alles gibt”
[3] Ursula Silge, Ypsilon, 04/91
[4] taz, 12.10.1993: „Zwölf IMs auf eine Lesbe”, Jean-Jacques Soukup, Halle
[5] frau anders, Jena, 05.08.1990
[6] Leipziger Volkszeitung, 16.05.1990
[7] 12.07.1990, DAZ-Ganz, Volker Nomi: „Rosa Zeiten”
[8] Hamburger Frauenzeitung, 01/91
[9]Daniela Weber: “Wenn der Sprache die richtigen Worte fehlen”, 02.09.1997, Zeitungsausschnitt aus Archiv, ohne genauere Angabe
