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Adam Hanieh analysiert den „Statistical Review of World Energy 2026“ des Energy Institute, einen Jahresbericht über den weltweiten Energiehandel, die Energieerzeugung und den Energieverbrauch.
Anfang Juli wurde der „Statistical Review of World Energy 2026“ des Energy Institute veröffentlicht – der führende, öffentlich zugängliche Datensatz zu globaler Energieerzeugung, -verbrauch, -handel und -emissionen. Der Review, der erstmals 1950 erschien und über den größten Teil seiner Geschichte hinweg von BP erstellt wurde, bevor die Verantwortung vor einigen Jahren an das Energy Institute überging, bietet seit langem einen der klarsten jährlichen Überblicke darüber, wie das weltweite Energiesystem tatsächlich aussieht. Die Ausgabe 2026 entstand in Zusammenarbeit mit Ember, einem Thinktank für Klima und Energie, Kearney, einer globalen Unternehmensberatung, und KPMG, einer der „Big Four“ unter den Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung könnte nicht passender sein: Sie erfolgt vor dem Hintergrund des andauernden Krieges der USA und Israels gegen den Iran, steigender Energiepreise, Versorgungsengpässe und erneuter Forderungen von Regierungen und Unternehmen, verstärkt auf „Energiesicherheit“ zu setzen.
In diesem Jahr ist das zentrale Thema des Review die Frage der Energiewende. Wie es im Vorwort heißt, ist der Review „ein globales öffentliches Gut: ein unabhängiger, faktenbasierter Anker, der Entscheidungen fundiert und eine gerechte, sichere und kohlenstoffarme Energiewende unterstützt.“ Auf den ersten Blick scheint der Review reichlich Anlass für eine optimistische Einschätzung dieses Wandels im globalen Energiesystem zu geben. Wie Ember es formuliert, waren die letzten 75 Jahre „eine Geschichte des durch fossile Brennstoffe angetriebenen Wachstums“, doch heute „zeigen die Daten, dass das Versorgungswachstum zunehmend aus erneuerbaren Energien und Strom stammt“. Im Jahr 2025 zeigten erneuerbare Energien zum ersten Mal in der Geschichte außerhalb einer Rezession das größte Wachstum am Gesamtenergieangebot (Total Energy Supply, TES). Solarenergie machte rund 71 Prozent dieses Anstiegs aus, während die Solarstromerzeugung innerhalb eines einzigen Jahres um 30 Prozent wuchs.
Die Daten zur Stromerzeugung scheinen eine sich beschleunigende Umstellung auf erneuerbare Energien noch deutlicher zu bestätigen, angeführt vor allem von China, das im Bericht als der weltweit größte „Elektrostaat“ bezeichnet wird. Die weltweite Stromerzeugung stieg 2025 um 3 Prozent auf 32.202 TWh, wobei die erneuerbaren Energien stärker wuchsen als der Gesamtanstieg des weltweiten Strombedarfs. Allein Solarenergie trug 650 TWh bei, erreichte 8,7 Prozent der weltweiten Stromerzeugung, überholte damit Windenergie und kam fast an Kernenergie heran. Selbst in den USA, wo die Trump-Regierung verstärkt auf Öl und Gas setzt und gleichzeitig eine bizarre Feindseligkeit gegenüber „Windrädern“ an den Tag legt, scheinen die Daten der reaktionären Fantasie einer Renaissance fossiler Brennstoffe zu widersprechen. Die Solarkapazität in den USA stieg ab 2024 um fast 20 Prozent und die Windkraftkapazität um 4 Prozent. Erneuerbare Energien machen mittlerweile rund ein Fünftel der Stromerzeugung in den USA aus.
Techno-fetischistische Illusionen
Doch diese optimistischen Interpretationen eines immer schneller voranschreitenden Wandels hin zu einer klimafreundlichen Zukunft halten einer genaueren Betrachtung nicht stand. In Wirklichkeit, wie die Daten zeigen, ersetzt die Welt fossile Brennstoffe nicht durch erneuerbare Energien – vielmehr werden erneuerbare Energien auf eine bestehende Basis aus fossilen Brennstoffen aufgesetzt. Laut dem Review überstieg die weltweite Gesamtenergieversorgung im Jahr 2025 600 EJ und stieg damit gegenüber dem Vorjahr um 1,7 Prozent. Fossile Brennstoffe machen nach wie vor 86 Prozent dieser Versorgung aus, was in etwa dem Stand von 2024 entspricht, wobei die absoluten Mengen an Öl, Gas und Kohle im Jahr 2025 anstiegen. Tatsächlich wurden im Jahr 2025 die höchsten Produktions- und Verbrauchswerte für fossile Brennstoffe in der Geschichte verzeichnet, ebenso wie bereits in den Jahren 2024 und 2023 zuvor. Nur in Zeiten großer wirtschaftlicher Umbrüche, wie dem Abschwung Anfang der 1980er Jahre oder der Covid-19-Pandemie, ist der weltweite Verbrauch fossiler Brennstoffe vorübergehend zurückgegangen. Die völlig vorhersehbare Folge dieses Anstiegs der Produktion fossiler Brennstoffe war ein Anstieg der CO₂-Emissionen, wobei die weltweiten CO₂-Emissionen des Energiesektors im Jahr 2025 um 1,1 Prozent zunahmen.
Das grundlegende Problem besteht darin, dass ein Großteil der Diskussion über die sogenannte „Energiewende“ das Problem als technische Herausforderung betrachtet, bei der es darum geht, eine Art von Energieträger durch einen anderen zu ersetzen. Dabei werden die tiefer liegenden sozialen und wirtschaftlichen Logiken des Kapitalismus außer Acht gelassen, in denen das Streben nach Akkumulation mit einer anhaltenden Ausweitung des Energiedurchsatzes verbunden ist. Es wird mehr Energie in Produktion, Zirkulation und Konsum eingebunden, selbst wenn der Energieverbrauch pro Produktionseinheit sinkt. Effizienzgewinne führen nicht automatisch zu einer Verringerung des Gesamtenergieverbrauchs. Stattdessen ermöglichen sie ein noch höheres absolutes Produktions- und Konsumniveau.
Dies ist der Techno-Fetischismus, der dem Narrativ der „grünen Wende“ zugrunde liegt. Indem der Fokus auf die sich verändernden relativen Anteile der Energieversorgung gelegt wird, wird die zentrale Frage der absoluten Produktion ausgeklammert. Es ist durchaus denkbar, dass der Anteil fossiler Brennstoffe am Energiemix sinkt, während die absolute Menge an verbrauchter Kohle, Öl und Gas weiter steigt. Genau das geschieht derzeit. Doch dem Klima ist es gleichgültig, ob fossile Brennstoffe einen etwas geringeren Prozentsatz eines größeren Energiesystems ausmachen, während die Gesamtmenge an gewonnenem und freigesetztem Kohlenstoff zunimmt. Eine Welt, in der erneuerbare Energien rasch zunehmen, während gleichzeitig der Verbrauch fossiler Brennstoffe steigt, ist keine Welt in der Energietransition.
Elektrifizierung ist keine Dekarbonisierung
China wird von vielen als das große Gegenbeispiel zu diesen Trends angeführt. Der Review selbst verweist auf den außerordentlich raschen Ausbau von Solar-, Wind- und Batterietechnik sowie Elektrofahrzeugen in diesem Land im letzten Jahrzehnt, was zweifellos von historischer Bedeutung ist. Im Jahr 2025 stieg die Solarstromerzeugung in China im Vergleich zu 2024 um 40 Prozent und die Windenergieerzeugung um 13 Prozent. Bis zum Jahresende entfiel etwas mehr als die Hälfte der weltweit installierten Solarkapazität auf China, nämlich 1.202 GW von insgesamt 2.392 GW weltweit. Infolge dieses enormen Ausbaus der Kapazitäten im Bereich der erneuerbaren Energien ging die Stromerzeugung aus Kohle leicht zurück, während Elektrofahrzeuge dazu beitrugen, das Nachfragewachstum bei Benzin und Diesel einzudämmen.
Doch China kann sich der grundlegenden Dynamik des Energieverbrauchs im Kapitalismus nicht entziehen. Die Daten des Review zeigen keinen absoluten Rückgang des gesamten Verbrauchs fossiler Brennstoffe in China – ganz im Gegenteil. Der chinesische Ölverbrauch stieg im Jahr 2025 um 2,8 Prozent. Öl war nach Solarenergie die zweitgrößte Quelle für das Wachstum der chinesischen Energieversorgung. Chinas Kohle-, Gas- und Ölförderung stieg insgesamt an, und der schnell wachsende Chemiesektor hat sich zu einem wichtigen Treiber sowohl der Kohle- als auch der Ölnachfrage entwickelt. Kurz gesagt: China baut die Infrastruktur für die Elektrifizierung aus und erweitert gleichzeitig weiterhin die materiellen Grundlagen der fossil befeuerten Industrieproduktion – der sogenannte „Elektrostaat“ bleibt nach wie vor stark auf fossile Brennstoffe angewiesen.
Die Bedeutung dieser Elektrifizierungstrends wird durch den weltweiten Ausbau von Rechenzentren verdeutlicht. Erfreulicherweise enthält der diesjährige Review erstmals einen Sonderteil zu dieser Infrastruktur. Weltweit hat sich der Strombedarf von Rechenzentren zwischen 2020 und 2025 fast verdoppelt, und sie verbrauchen mittlerweile fast so viel Strom wie der gesamte jährliche Zuwachs der weltweiten Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien im Jahr 2025. Heute verbrauchen Rechenzentren mehr Strom als in allen außer fünf Ländern insgesamt erzeugt wird, wobei die USA und China 40 Prozent bzw. 26 Prozent des weltweiten Strombedarfs von Rechenzentren für sich verbuchen.
Dies bestätigt den additiven und nicht den substitutiven Charakter des Energieverbrauchs im Kapitalismus. Neue Kapazitäten aus erneuerbaren Energien fließen in neue Formen der Akkumulation rund um KI, Cloud-Computing, Logistik, Überwachung und Plattformökonomien ein. Wichtig ist, dass diese Infrastrukturen nicht nur Strom verbrauchen. Sie benötigen zudem riesige Mengen an Wasser zur Kühlung, Stahl und Beton für den Bau, Kupfer und Seltene Erden für die Übertragung und die Hardware sowie riesige, sich über den gesamten Globus erstreckende Lieferketten für Materialien. Mit anderen Worten: Die Elektrifizierung ist lediglich ein weiterer Vektor für die allgemeine Ausweitung der kapitalistischen Produktion.
Veränderte geografische Verteilung der weltweiten Energieversorgung
Der Review veranschaulicht zudem, wie sich die geografische Verteilung des globalen Energiebedarfs und der Energieerzeugung verändert. Einst dominierten die OECD-Länder den weltweiten Energieverbrauch, doch heute steht die Region Asien-Pazifik im Zentrum. Der Review stellt fest, dass auf die OECD-Länder im Jahr 1965 noch 70 Prozent der gesamten Energieversorgung entfielen, heute jedoch nur noch etwa ein Drittel (auch wenn die Energieversorgung pro Kopf in den OECD-Ländern im Vergleich zu den Nicht-OECD-Ländern weiterhin höher ist). Zwischen 2016 und 2025 entfielen 71 Prozent des Anstiegs der gesamten Energieversorgung im asiatisch-pazifischen Raum auf China, während Indien 17 Prozent ausmachte.
Diese Verschiebungen spiegeln zum Teil umfassendere Veränderungen im globalen Kapitalismus wider. Der Aufstieg Chinas zu einem zentralen Knotenpunkt der globalen Fertigung sowie die Ausweitung der exportorientierten Produktion in Ost- und Südasien haben die Landkarte der weltweiten Energienachfrage neu gezeichnet. Energieintensive Industrien, die Produktion von Grundrohstoffen und große Teile der globalen Lieferketten konzentrieren sich zunehmend auf diese Regionen, auch wenn ein Großteil des Endverbrauchs von Gütern weiterhin in Nordamerika und Europa stattfindet. Das Ergebnis ist ein Weltmarkt, auf dem der scheinbare Rückgang des Energieverbrauchs in einigen OECD-Ländern untrennbar mit der Verlagerung der industriellen Produktion – und damit des Energiebedarfs – in andere Regionen verbunden ist.
Diese sich wandelnden geografischen Verteilungen des Energieverbrauchs erschweren die Messung der CO₂-Emissionen auf nationaler Ebene. Ein Land kann den Energieverbrauch innerhalb seiner eigenen Grenzen senken – wie es Großbritannien laut dem Review zwischen 2015 und 2025 um mehr als 20 Prozent getan hat –, während es weiterhin Güter konsumiert, deren Produktion an andere Orte verlagert wurde. Dies kann die Messwerte der territorialen Emissionen senken, insbesondere wenn die heimische Produktion zurückgeht oder weniger CO₂-intensiv wird. Doch auch hier gilt: Was für das Klima zählt, ist die absolute weltweite Produktion und der Verbrauch fossiler Brennstoffe. Wenn Emissionen durch globale Lieferketten verlagert statt beseitigt werden, wird der scheinbare nationale Fortschritt zu kaum mehr als einem Buchhaltungstrick.
Das Energy Institute leistet einen unschätzbaren Dienst, indem es diese Statistiken jedes Jahr öffentlich zugänglich macht. Doch eine echte Bewertung der weltweiten Klimakrise muss mit der Art von Übergangs-Euphorie brechen, die wir im diesjährigen Review sehen, und stattdessen auf einer Kritik am real existierenden Kapitalismus basieren. Das zentrale Problem ist nicht das Tempo, mit dem erneuerbare Energien ausgebaut werden, sondern das soziale und wirtschaftliche System, das die Entwicklung des globalen Energieverbrauchs bestimmt. Ein echter Wandel kann nur durch die rasche und dauerhafte Reduzierung des absoluten Verbrauchs von Kohle, Öl und Gas erfolgen, nicht durch das Hinzufügen neuer Energiequellen zu diesen fossilen Brennstoffen. Ohne dies werden vollmundige Reden von einem „grünen Wandel“ zu kaum mehr als einer ideologischen Tarnung für eine Welt, die sich immer schneller auf eine Klimakatastrophe zubewegt.
Referenzen
Dieser Artikel erschien ursprünglich am 17. Juli 2026 auf dem Blog von Verso mit dem Titel Renewables, ‘Electrostates’, and other Myths of the Green Transition
Übersetzung ins Deutsche: Christian Zeller
Bildquelle: erstellt mit Canva
