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Der Stalinismus war mehr als nur die sowjetrussische Zeit unter Stalin. Als spezifisches System politischen Denkens und Handelns ging er nicht nur weit darüber hinaus, sondern ist auch weiterhin virulent – sagt der deutsche Historiker Christoph Jünke.
In der Geschichte des 20. Jahrhunderts nimmt der Stalinismus einen herausragenden Platz ein. Aufgekommen als Begriff für die sowjetrussische Zeit unter Josef Stalin bezeichnet „Stalinismus“ zunächst und vor allem eine spezifisch historische Erscheinung – ein spezifisch gesellschaftspolitisches Herrschaftssystem mit seiner Gesellschaftsform des erklärten antikapitalistischen Übergangs zum Sozialismus; mit seiner Verstaatlichungspolitik und der zentral-administrativen, bürokratischen Planwirtschaft; mit seiner nachholenden Industrialisierung und Kollektivierung; mit seinem Einparteiensystem und dem „demokratischen Zentralismus“; mit seinen spezifischen Formen der Heuchelei, der Repression und des Terrors; mit seinem „Marxismus-Leninismus“ als vermeintlich wissenschaftlichem Sozialismusverständnis; mit seiner Theorie vom Sozialismus in einem Lande, seinem Lagerdenken und der daraus abgeleiteten führenden Rolle der Sowjetunion als vermeintlichem „Vaterland der Werktätigen“ und Grenzwächter eines vermeintlich proletarischen Internationalismus.
History matters
Dieses sozialgeschichtliche System des stalinistischen „Sozialismus“ hat seinen Gründer allerdings um mehrere Jahrzehnte überlebt und wurde als eine bestimmte Art des politischen Denkens und Handelns, als gesellschaftspolitische Ideologie, auch in anderen geografischen und historischen Kontexten angewendet. Zahllose Länder und Regionen auf mehreren Kontinenten, und damit Milliarden von Menschen und deren Gesellschaftsformen, wurden von dieser politischen Theorie und Praxis, von diesem spezifischen Sozialismus- und Kommunismus-Verständnis, tiefgreifend geprägt und zum Teil grundlegend verändert. Noch immer sind die politischen und ideologischen Folgen dieser weltpolitischen Spaltungsgeschichte spürbar (beispielsweise im noch jüngst geteilten Deutschland) und noch heute berufen sich politische Regime und Bewegungen auf die „realsozialistische“ Tradition.
Mit seinem spezifischen Sozialismus- und Kommunismus-Verständnis hat der über die Person Stalins und das sowjetische System weit hinausgehende sozial- und ideengeschichtliche Stalinismus aber auch die nichtkommunistische und nichtsozialistische Welt und ihre politische Ideengeschichte nachhaltig beeinflusst. So hat sich die internationale, noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mehrheitlich sozialistisch verstehende Sozialdemokratie wesentlich in Abgrenzung zu kommunistischen Bewegungen und Regimen mit der kapitalistischen Marktwirtschaft und ihrer bürgerlichen Demokratie prinzipiell ausgesöhnt. Auch die politische Theorie und Praxis links- wie rechtskommunistischer Bewegungen, diverser linkssozialistischer, neoanarchistischer oder neu-linker Strömungen oder der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kraftvoll aufkommende Neo-Marxismus sind ohne die kritische Distanz zur stalinistischen Theorie und Praxis kaum zu verstehen. Und nicht nur der klassische konservative und liberale Antikommunismus/Antisozialismus nutzte die kommunistisch-stalinistische Erfahrung als modernen Jungbrunnen („Alle Wege des Marxismus/Sozialismus führen nach Moskau“). Auch der ideengeschichtlich auf die 1930er und 1940er Jahre zurückgehende, im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts sozialgeschichtlich hegemonial gewordene Neoliberalismus oder das postmoderne Denken lassen sich ohne deren negativen Bezug auf die Erfahrung des stalinistischen Kommunismus kaum verstehen. „History matters“ heißt es auf Englisch: Geschichte wirkt – nachhaltiger als die meisten in ihrem gesellschaftlichen Alltag denken.
Sozialistische Stalinismuskritik
„Wir brechen unwiderruflich mit dem Stalinismus als System“: Dieser am Ende des 20. Jahrhunderts, inmitten des weltgeschichtlichen Zusammenbruchs des einstmals nominalsozialistischen Blocksystems, programmatisch formulierte Imperativ der zur Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) gewandelten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) war als Versuch, sich aus der berüchtigten Lage des Kaninchens vor der Schlange zu befreien und entsprechend handlungsfähig zu werden, nur der letzte Ausfluss einer langen Tradition linker, strömungsübergreifender Stalinismuskritik. Eine solche, reformsozialistische oder auch revolutionär-sozialistisch gesinnte Stalinismuskritik konnte damals auf ein zwar disparates, aber nichts desto trotz beeindruckendes Erbe zurückschauen. In dreifacher Frontstellung hatten sich nämlich marxistisch gesinnte Sozialist:nnen seit seinen Anfängen gegen den „Stalinismus als System“ gewandt: gegen jene kommunistischen und linken Apologet:innen, die den Stalinismus auf bloße Exzesse und Personenkult reduzierten, um einen „sozialistischen“ Kern desselben zu retten; gegen die Sozialdemokraten und Ultralinken, die das marxistisch-sozialistische Kind mit dem stalinistischen Bade ausschütteten; und gegen jene „bürgerliche“ Stalinismuskritik, die den Stalinismus – gleichsam spiegelbildlich zu den Stalinisten selbst – als bloße Gewaltdiktatur betrachtete, weil auch sie ihn als den zwangsläufigen Ausfluss der marxistischen Theorie und einer sozialistischen Planwirtschaft zu fassen versuchte.
Auch wenn diese antistalinistischen Neomarxist:innen den diktatorischen Gewaltcharakter dieser Regime nicht bestritten – wie sollten sie auch, wo sie doch zumeist deren erste Opfer geworden waren –, so schauten sie in der Regel tiefer und verstanden, dass Repression und Terror nur eines von mehreren tragenden Mitteln war, die Herausbildung und Festigung einer neuen sozialgeschichtlichen Herrschaftsmacht zu begründen. Der stalinistische Repressionsbedarf resultierte nämlich aus dem Formierungsbedarf einer neuen Form der Klassenherrschaft – der neuen „sozialistischen“ Bürokratie. Stalinismus war diesen antistalinistischen Sozialist:innen entsprechend der Ausfluss eines „bürokratisch deformierten“ oder „bürokratisch entarteten“, das heißt autoritär-despotischen Sozialismusmodells, Ausfluss der strukturellen Verbürokratisierung einer historisch neuartigen Übergangsgesellschaft zwischen oder jenseits von Kapitalismus und Sozialismus. Uneins war man sich, ob sich diese neuartigen Herrschaftsformationen nur von unten, in offener Opposition, oder auch von innen und oben zu tatsächlich emanzipativen Gesellschaftsformen verändern lassen. Doch weitgehend einig war man sich, dass das stalinistische Marxismus-Verständnis, der sogenannte „Marxismus-Leninismus“, weniger mit Marx und Lenin als vor allem mit Josef Stalin zu tun hatte, und dass er dem Zweck diente, die Machtprivilegien dieser neuen sozialistischen Bürokratie zu verteidigen.
Marxistische Stalinismuskritik wurde so zur Ideologiekritik, der Marxismus-Leninismus (ML) als dogmatische Legitimationsideologie einer politbürokratischen Herrschaftsformierung gefasst, die als Herrschaftsideologie weniger der Ausfluss marxistischer Theorie als solcher sei (die fasste man in ihrer klassischen Form als Theorie der Emanzipation, als Befreiungs- und Freiheitstheorie), als vielmehr der Ausfluss eines bürokratisch engen und geistlosen Praktizismus – keine Theorie der Emanzipation also, sondern eine Theorie des Konformismus, keine Theorie der Revolution, sondern eine Theorie der Produktion (so beispielsweise Oskar Negt Ende der 1960er Jahre[1]).
Der stalinistische Marxismus sei, wie es Leo Kofler zu Beginn der 1950er Jahre ausdrückte, „der sichtbarste und gleichzeitig extremste Exponent des unmarxistischen Marxismus in unserer Zeit“. Und er machte dabei drei zentrale Charakteristika einer typisch stalinistischen Entstellung der klassischen marxistischen Theorie aus: die Übertragung des alten, frühbürgerlich-mechanistischen Verständnisses von Naturwissenschaft (mit ihrem Determinismus, Ökonomismus und Arbeitsfetisch) auf die spezifisch menschliche Gesellschaftstheorie; die darin sich ausdrückende Entwertung eines spezifisch marxistischen Dialektik-Verständnisses, also den Verlust einer dynamischen, prozesshaften und praxisphilosophischen Ganzheitsbetrachtung des Menschen als einem tätig-leidenden Wesen, als einem Subjekt-Objekt der Geschichte; schließlich einen spezifischen Antihumanismus: das strukturelle „Vergessen“ des bei Marx, Engels und anderen sozialistischen Klassikern immanenten Humanismus, das heißt die im ursprünglichen Marxismus so betonte Perspektive einer gleichermaßen individuellen wie kollektiven Emanzipation aus unmenschlichen Unterdrückungs-, Ausbeutungs- und Entfremdungsverhältnissen. Im Vorherrschen eines solchen nichtdialektischen und vulgärmaterialistischen Antihumanismus erkannte Kofler – um hier nur einen von vielen anderen zu nennen – gleichsam die theoretische Grammatik des stalinistischen Vulgärmarxismus und Pseudosozialismus.[2]
Die neuen Apologet:innen
Doch so beeindruckend vielfältig und tiefschürfend sich das politisch-intellektuelle Erbe dieses explizit sozialistisch-marxistischen Antistalinismus auch darstellt (es sollte nicht unwesentlich zur Renaissance und Erneuerung einer „Neuen Linken“ und ihres Neomarxismus um „1968“ herum beitragen), so disparat und gesellschaftspolitisch marginal sollte es letztlich bleiben. Als die realsozialistische Welt im Epochenbruch von 1989 implodierte, war die Neue Linke bereits Geschichte – der einstmals erhoffte Erbantritt des sozialistischen Antistalinismus fand so nicht mehr statt. Der linke Zusammenbruch der neunziger Jahre war entsprechend umfassend, die übriggebliebenen Linksintellektuellen waren zumindest froh, dass sie wenigstens vom spätstalinistischen Albdruck befreit wurden. Dass nur kurz darauf, in den ostdeutschen Weißenseer Blättern und am linken Rande der PDS, bereits wieder wohlwollend über den Realsozialismus und seinen Marxismus-Leninismus philosophiert wurde, galt damals als noch weitgehend anachronistisch und wurde entsprechend müde belächelt: Ignoriert wurde die Warnung eines engagierten ostdeutschen Linksintellektuellen, dass der Stalinismus „im Beschönigen und Lobpreisen Stalinscher Taten und in der Unterdrückung antistalinistischer Kritik“ fortlebe.[3]
Ein solches Ignorieren war allerdings im darauffolgenden Jahrzehnt kaum noch möglich. Mit zwei italienischen Linksintellektuellen kam das philostalinistische Beschönigen und Lobpreisen Stalinscher Taten und die innerlinke Denunziation antistalinistischer Kritik nicht mehr nur aus dem vermeintlich „ewiggestrigen“ Osten, sondern nun auch wieder aus dem Westen. Als der renommierte Beck-Verlag in der Mitte der 2000er Jahre ein Buchmanuskript des italienischen Althistorikers Luciano Canfora wegen „Stalinismus“ ablehnte, war die Empörung deutscher Linker groß. Das linke Feuilleton und führende Linksintellektuelle wie Georg Fülberth oder Uwe-Jens Heuer feierten das daraufhin in einem kleinen linken Verlag erschienene Werk, während sich bedeutende Linkspolitiker wie Lothar Bisky zustimmend äußerten oder gar, wie Oskar Lafontaine, ein lobpreisendes Nachwort zum Buch beitrugen.[4] Und doch hatte der Beck-Verlag mit seinem Diktum nicht Unrecht.
In seinem zum innerlinken Bestseller mutierten Buch zeigt Canfora zwar in altmarxistischer Tradition auf, dass dem welthistorischen Siegeszug der Demokratie allzeit auch eine gehörige Portion Oligarchie beigemischt war und ist, die vorherrschende bürgerliche Demokratie entsprechend immer auch und nicht zuletzt eine Form oligarchischer Herrschaft sei. Die vom klassischen Marxismus jedoch nicht minder betonte andere Seite der demokratischen Medaille, die Tatsache, dass „Demokratie“ allzeit nicht nur eine „Verschwörung der Eliten“ gewesen ist, sondern auch eine „Verschwörung der Gleichen“, ein machtvolles Mittel der Emanzipation und des gegen die herrschenden Eliten gerichteten Aufbegehrens von unten, diesen strukturellen Doppelcharakter der Demokratie findet man bei Canfora nicht. Demokratie und Freiheit waren und sind ihm ein bloßer Manipulationszusammenhang, das falsche Bewusstsein (Ideologie) bürgerlich-kapitalistischer Herrschaftsformen: „absolute und letzten Endes hohle Worthülsen“ (O-Ton) und für Linke von nur geringem Wert. Entsprechend offen übersetzte er die alte sozialistische Idee einer sozialen Demokratie in die erziehungsdiktatorische Absage an politisch-demokratische Formen und Rechte und leitete damit über zu einer umfassenden Rechtfertigung der kommunistisch-stalinistischen Politik im 20. Jahrhundert. Buchstäblich jede politisch-historische Wendung stalinistischer Politik (von den 1920ern bis zu den 1950ern) findet bei ihm ihre politische und geschichtsphilosophische Rechtfertigung, und keine stalinistische Mythe oder Lüge ist ihm dumm genug, sie nicht zu reproduzieren.
Gleiches gilt von dem italienischen Philosophieprofessor Domenico Losurdo, der schon vor Canfora eine prominente Intellektuellenrolle auch und vor allem auf der deutschen Linken spielte, weil er sich früh gegen den linksliberalen humanitären Interventionismus der 1990er Jahre positioniert hatte und dabei vor allem betonte, dass die linke Tradition eines antistaatlichen Antinationalismus schon immer „unmarxistisch“, das heißt politisch-theoretisch falsch gewesen sei. Mit Vorliebe verglich Losurdo seitdem „bürgerliche“ und „sozialistische“ Revolutionsprozesse in Geschichte und Gegenwart und betätigte sich dabei als zynischer Erbsenzähler, wer denn wohl mehr Menschen auf dem Gewissen habe: Stalin oder nicht doch eher Churchill, Roosevelt und Bill Clinton. Die Methode des historischen Vergleichs reduzierte sich bei ihm zur zynischen Entschuldigungsstrategie, denn wenn vermeintlich eh alles gleich sei, könne man mit gutem Gewissen auch gleich für Stalin und den Stalinismus Partei ergreifen, der (so wörtlich) „mit allen seinen Schrecken“ ein Kapitel jenes Emanzipationsprozesses gewesen sei, der das faschistische Dritte Reich besiegt habe.[5] Ja, so sein freimütiges Eingeständnis, es habe auch im stalinistischen Kommunismus Diktatur und Terror gegeben, doch sei all dies die notwendige Konsequenz jenes Ausnahmezustandes eines Weltbürgerkrieges zweier vermeintlich antagonistischer Lager gewesen – Motto: Was getan wurde, musste getan werden!
Losurdo meinte es tatsächlich ernst und veröffentlichte 2008 auch ein bemerkenswertes Buch über die vermeintliche Stalin-Legende (es sollte 2012, mit einem Vorwort von Luciano Canfora, auch auf Deutsch erscheinen und dort – wie so viele andere seiner Werke – mehrere Auflagen erleben), in dem auch er das gesamte Arsenal stalinistischer Geschichtsmythen und Lügen reproduzierte und jede Form linker Stalinismuskritik einmal mehr zum bürgerlichen Antikommunismus stempelte.[6] Der Sinn war offensichtlich: In dem von ihm als „Dritter Weltkrieg“ gefassten Staatenkampf des peripheren Südens und Ostens gegen den als Hauptgegner ausgemachten neoimperialistischen Westen sollten westliche Linke Verständnis aufbringen dafür, dass auch der heutige, vermeintlich antikoloniale Kampf Chinas, Russlands und all der anderen mit allen notwendigen Mitteln zu führen sei. Entsprechend fand auch der seit 2014 noch begrenzte, seit 2022 dann offen ausgetragene russische Aggressionskrieg gegen die vermeintlich neofaschistische Ukraine in Losurdo einen ganz unverhohlenen Apologet:innen (nachzulesen in seinem letzten vor seinem Tod 2017 verfassten und 2021 auch auf Deutsch erschienenen Buch [7]).
Stalinismus als Kraft der Negation
Da hatte sich allerdings die linke Szene, nicht zuletzt in Deutschland, bereits nachhaltig verändert. Die in den 2000er Jahren noch kraftvolle antikapitalistische Antiglobalisierungsbewegung und die von ihrem Geist getragenen neuen, heterodoxen europäischen Linksparteien waren schon zu Beginn der 2010er Jahre, aufgrund ihrer immanenten Blockaden und infolge des Scheiterns des arabischen Frühlings und der griechischen Syriza-Bewegung, in eine tiefgreifende Organisations- und Sinnkrise geraten. In Deutschland war es die neue Linkspartei, die viele der in sie gesetzten Hoffnungen enttäuschte, weil sie – hin- und hergerissen zwischen einem neuen antikapitalistischen Radikalismus auf der einen und der traditionell auf gesellschaftliche Anerkennung setzenden Anpassungs- und Integrationspolitik auf der anderen Seite – in internen Führungskämpfen und bürokratischer Starre verharrte.
Der Acker einer von den Vordenkern Losurdo und Canfora bestellten, nachhaltigen deutschen ML-Folklore wurde durch weitere Intellektuellenimporte wie die Stalin-Apologeten Harpal Brar (aus Großbritannien), Grover Furr (aus den USA) oder Roland Boer (Australien) erweitert, durch ebenso gelernte wie anerkannte ML-Philosophen wie Hans Heinz Holz politisch-intellektuell abgestützt und durch diverse journalistische Kopflanger:innen (wie Andreas Wehr und Sabine Kebir) in der breiteren linken Presse engagiert angefeuert – während linke Versuche, dem etwas entgegenzusetzen, in diesen Presseorganen und selbst im Umfeld der Linkspartei zunehmend in die Isolation gerieten. Und als sich der linke Aufbruch in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre entsprechend erschöpft hatte, sollte auf seinen Ruinen nicht nur eine postmoderne Identitätspolitik blühen (‚nicht rechts, nicht links, sondern queer und woke‘[8]), sondern auch ein neuer Linksradikalismus, der sich als „Kraft der Negation“ selbst genügte und in der Anknüpfung an die ML-Folklore neuen politisch-identitären Trost fand.[9] Kein Zufall war es deswegen, dass im Jahre 2019, in der Berliner Eulenspiegel-Verlagsgruppe, ein alles andere als humoristisch gedachtes Pamphlet erschien, in welchem der Kölner Jungintellektuelle Marlon Grohn den ebenso historischen wie politisch-theoretischen Stalinismus zum Programm erhebt – so offen und zynisch-menschenverachtend wie sich selbst hartgesottenste Stalinist:innen niemals gegeben haben –: „Am Stalinismus also ist nichts Schlechtes; du kannst ihn verstehen und begrüßen, wenn Du kein Ausbeuter bist. (…) Der Stalinismus ist, wie der Einsichtige heute weiß, eine Sache der Zukunft, keine der Vergangenheit, sondern lebendige Geschichte. (…) Der Stalinismus, mit einem Worte, ist also nichts anderes als ein verteidigungsfähiger absolutistischer Sozialismus, mithin die historische Notwendigkeit auf dem Wege zum Kommunismus. (…) Wir machen den Sozialismus – wenn die Arbeiter da mittun: schön. Wenn nicht, machen wir den Sozialismus trotzdem. (…) Wir dienen dem Volke, indem wir es verachten. (…) Auf dem hart umkämpften Schlachtfeld der Weltgeschichte existiert keine Moral und kein Dürfen: man macht hin [sprich: haut drauf; CJ].“[10]
Eine Kraft der Negation, die als bloßer Philostalinismus begonnen hatte (ein:e linke:r Philostalinist:in betont gerne ihre:seine Distanz zum historischen und/oder politisch offenen Stalinismus, nimmt ihn aber nicht weniger gern gegen vermeintlich bürgerlich-antikommunistische Kritik in Schutz und entwickelt dabei eine gelegentlich positiv bewundernde, in der Regel jedoch geschichtsphilosophische Rechtfertigungsstrategie…) war also bemerkenswert schnell in einen handfesten Neostalinismus hinübergeglitten, das heißt in eine offene Apologie nicht nur des historischen Stalinismus, sondern auch in die Rückkehr marxistisch-leninistischer Theorie und Praxis – in „eine Sache der Zukunft“ (Grohn). Auch wenn beide Phänomene – Philostalinismus & Neostalinismus – begrifflich-analytisch und politisch-praktisch auseinanderzuhalten sind, so sind die Übergänge zwischen den beiden doch nicht selten fließend…
Und auch in diesem Falle folgte dem Intellektuellenspiel der politische Ernst. Denn mit der sich noch vertiefenden Entdemokratisierung und Entpolitisierung bürgerlicher Demokratie- und Öffentlichkeitsformen, mit den anhaltenden ökonomischen Krisentendenzen und den immer schreienderen Formen sozialökonomischer Ungleichheit, mit der anhaltenden Vorfahrt für das profitsuchende Kapital und der fortschreitenden Aushöhlung des Sozialstaats, mit dem Aufkommen schließlich eines autoritären Neo- und Ultrakonservatismus im neurechten Populismus, sollte sich auch jene spezifisch linke „Abscheu vor der Demokratie“ (Jaques Rancière) verbreiten, die stalinoide Kommunist:innen (vor allem älteren Semesters) und philostalinistische Linksradikale (vor allem jüngeren Semesters) traditionell verbindet. Nicht zuletzt die von der US-Administration und ihrem „Krieg gegen den Terror“ (2001ff.) ursprünglich begonnenen und im heutigen Trumpismus ihren Kulminationspunkt erreichenden, immer hemmungsloser geführten Weltneuordnungskriege lassen nicht wenige Linke ihre Augen verschließen vor den spiegelbildlichen Gefahren eines kaum minder antiemanzipativen Putinismus und Islamismus. So befördert die bloße „Kraft der Negation“ einen vulgär verkürzten Antiimperialismus und Antifaschismus und verbreitert die Brücke zum linken Autoritarismus.[11]
Und so wie der historische Stalinismus gleichzeitig Ursache wie Folge linker Niederlagen gewesen ist, erweist sich auch die neue autoritäre Linke als gleichermaßen Folge vorangegangener wie Ursache ihr folgender Niederlagen. Einmal mehr geboren aus historischen Niederlagen und Ohnmachtserfahrungen greifen nicht wenige Linke erneut zum gesellschaftspolitischen Substitutionismus und bedienen sich eines autoritären und erziehungsdiktatorischen Kurzschlusses ihrer politischen Theorie und Praxis. Sie propagieren diverse Spielarten eines Marxismus-Leninismus, gründen „Rote Gruppen“ und tragen ihren vulgärmarxistischen Pseudosozialismus und ihre Abscheu vor (radikal-)demokratischen Werten und Bedürfnissen in größere Kreise. Doch so wie man in den 1930ern nicht die faschistischen Lager erfolgreich bekämpfen konnte, solange man die stalinistischen Lager im Rücken hatte, so kann man auch heute nicht sozialistisch neu beginnen, wenn man sich nicht auch dem anhaltenden Schatten des Stalinismus glaubhaft stellt.
Wenn wir also den Begriff des Stalinismus nicht bloß als einen Begriff für die sowjetrussische Zeit unter Stalin fassen, sondern – mit dem sozialistischen Humanisten Edward P. Thompson von 1978 – als einen Begriff für eine bestimmte politische Theorie und Praxis, das heißt „als ein System von institutionellen Formen, Praktiken, abstrakten Theorien und Herrschaftsverhalten verstehen, dann ist die ‚nachstalinistische Generation‘ noch nicht geboren worden“.[12]
Referenzen
Bildquelle: Gravitation der Vergangenheit, erstellt mit Canva
[1] Oskar Negt: „Marxismus als Legitimationswissenschaft (1969)“, in Christoph Jünke (Hrsg.): Marxistische Stalinismus-Kritik im 20. Jahrhundert. Eine Anthologie, Köln: ISP-Verlag 2017, S.429-462.
[2] Leo Kofler: „Das Wesen und die Rolle der stalinistischen Bürokratie (1952)“, in ebenda, S.143-201.
[3] Manfred Behrend: „Überlegungen zum Stalinismuskomplex“, in: Arbeitskreis kritischer Marxismus (Hrsg.): Beiträge zur Stalinismus-Diskussion, Berlin: trafo-Verlag 1997, S.18
[4] Luciano Canfora: Eine kurze Geschichte der Demokratie.Von Athen bis zur Europäischen Union, Köln: PapyRossa-Verlag 2006 (mehrere Auflagen, zuletzt 2023). Für eine ausführliche Kritik vgl. Christoph Jünke: „Luciano Canforas Demokratieverständnis“, in: Sozialistische Hefte für Theorie und Praxis (Köln), Heft 12, Dezember 2006; Nachdruck in ders.: Der lange Schatten des Stalinismus. Sozialismus und Demokratie gestern und heute, Köln: ISP-Verlag 2007, S.151-180.
[5] Domenico Losurdo: Flucht aus der Geschichte? Die kommunistische Bewegung zwischen Selbstkritik und Selbsthass, Essen: Neue Impulse 2000, S.30. Für eine ausführliche Kritik vgl. Christoph Jünke: „Auf zum letzten Gefecht? Zur Kritik an Domenico Losurdos Neostalinismus“, in: UTOPIE kreativ, Heft 118, August 2000, S.778-785. Nachdruck in ders.: Der lange Schatten des Stalinismus, a.a.O., S.123-132.
[6] Domenico Losurdo: Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. Köln: PapyRossa-Verlag 2012. Für eine ausführliche Kritik vgl. Christoph Jünke: „Zurück zu Stalin!? Domenico Losurdos Feldzug gegen die Entstalinisierung“, in: Emanzipation, Heft 8, Herbst 2014, S.57-73.
[7] Domenico Losurdo: Der westliche Marxismus. Wie er entstand, verschied und auferstehen könnte, Köln: PapyRossa 2021.
[8] Vgl. Christoph Jünke: „Die deutschen Linken und die identitätspolitische Korrektheit“, auf: www.globkult.de/geschichte/zeitgeschichte/2291-die-deutschen-linken-und-die-identitaetspolitische-korrektheit (April 2023). Ausführlicher auch Gerhard Hanloser (Hrsg.): Identität & Politik. Kritisches zu linken Positionierungen, Wien: Mandelbaum-Verlag 2022.
[9] Vgl. Christoph Jünke: „Identitätspolitik und Kraft der Negation zugleich. Über den Stalinismus als historisches und politisches Problem“, in: Bernd Gehrke u.a. (Hrsg.): „…Feindlich-Negative Elemente…“ Repression gegen Linke und emanzipatorische Bewegungen in der DDR, Berlin: Rosa-Luxemburg-Stiftung), 2019, S.54-60.
[10] Marlon Grohn: Kommunismus für Erwachsene. Linkes Bewusstsein und die Wirklichkeit des Sozialismus, Berlin: Das neue Berlin 2019.
[11] Ein eigenes Thema wert wäre eine Betrachtung, dass und wie seit dem Ende der 2010er Jahre die hier behandelten Geister ihr zunehmendes Unwesen auch im traditionell stark antistalinistisch geprägten angelsächsischen Marxismus zu treiben vermögen – Hinweis nicht zuletzt auf den internationalen Charakter der jüngsten Niederlagen der politisch-intellektuellen Linken. Und einmal mehr ist es vor allem die zunehmende Popularität Losurdos (2023 erschien eine englische Übersetzung seines Stalin-Buches, 2024 seine Abrechnung mit dem „westlichen Marxismus“), die hier als „Brandbeschleuniger“ wirkt. Immerhin mehren sich nun auch dort die kritischen Interventionen gegen diesen Philo- und Neostalinismus – vgl. neben den Beiträgen des Intellektuellenzusammenhanges um die Theoriezeitschrift Historical Materialism (https://www.historicalmaterialism.org/) v.a. die Arbeiten von Douglas Greene (Stalinism and the Dialectics of Saturn: Anticommunism, Marxism and the Fate of the Soviet Union, 2023, & In Stalin’s Shadow: Trotsky and the legacy of the Moscow trials, 2025), David Camfield (Red Flags: A Reckoning With Communism for the Future of the Left, 2025) oder Ross Wolfes ausführliche Losurdo-Kritik von 2025 (https://www.newintermag.com/against-losurdo/).
[12] Edward P. Thompson: Das Elend der Theorie. Zur Produktion geschichtlicher Erfahrung (1978), Frankfurt/Main: Campus-Verlag 1980, S.198.
