Share This Article
Ökosozialismus oder Barbarei
„Eine Katastrophe von beispiellosem Ausmaß und eine Hungersnot drohen uns unabwendbar. Davon war schon in allen Zeitungen unzählige Male die Rede. [….] Alle sagen das. Alle erkennen das an. Für alle steht das fest. Und nichts geschieht.“[1]
Das sind nicht die Worte von Greta Thunberg, die den Mächtigen die Wahrheit sagt. Das waren die Worte von Wladimir Lenin. Es war 1917, sechs Monate nach der Februarrevolution, und in Russland drohte nach dem Sturz des Zaren eine Hungersnot. In „Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen kann“ schrieb Lenin: „Dabei genügt ein ganz klein wenig Aufmerksamkeit und Nachdenken, um sich davon zu überzeugen, daß Mittel zur Bekämpfung der Katastrophe und des Hungers vorhanden sind, daß die Kampfmaßnahmen völlig klar und einfach, voll durchführbar, den Volkskräften durchaus angemessen sind und daß diese Maßnahmen nur deshalb, ausschließlich deshalb nicht getroffen werden, weil ihre Verwirklichung die unerhörten Profite eines kleinen Häufleins von Gutsbesitzern und Kapitalisten beeinträchtigen würde.“
Er hätte genauso gut über die Klima- und Biodiversitätskatastrophen schreiben können, mit denen wir heute konfrontiert sind. 2024 war weltweit das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, mit einer Temperatur von 1,6 °C über dem vorindustriellen Niveau. Ein Teil davon ist auf die Auswirkungen von El Niño zurückzuführen, aber der zugrunde liegende Trend, die 1,5 °C-Marke zu überschreiten, auf 2 °C zuzusteuern und dann weit darüber hinauszugehen, ist eindeutig.
Wir dürfen nicht vergessen, dass positive Rückkopplungsschleifen das Potenzial haben, die Situation über die konservativen Prognosen in den Berichten des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) hinaus rapide zu verschlechtern. So prognostizierte der IPCC beispielsweise, dass die AMOC (Atlantic Meridional Overturning Circulation), zu der auch der Golfstrom gehört, erst nach 2100 zum Erliegen kommen könnte. In den letzten Jahren gab es jedoch deutliche Warnsignale, dass sich dieses Strömungssystem bereits jetzt verlangsamt und viel früher zusammenbrechen könnte.
Die gesamte Erde erwärmt sich, mit Ausnahme des Nordatlantiks, wo sich aufgrund des geringeren Wärmetransports durch die AMOC ein „kalter Fleck“ gebildet hat. Die AMOC ist wie eine Zentralheizung für Europa. Wenn sie zusammenbricht, hätte dies verheerende und irreversible Auswirkungen. Das letzte Mal geschah dies vor etwa 12.000 Jahren, und die Temperaturen fielen um 10 Grad!
Das ist nur der Klimawandel. Fünf weitere der neun globalen planetarischen Grenzen wurden überschritten: Verlust der biologischen Vielfalt, Veränderung der Süßwasserressourcen, Veränderung des Landsystems, biogeochemische Flüsse und neuartige Entitäten. Diese sind größtenteils auf die Intensivierung und das unaufhörliche Wachstum von Rohstoffabbau, Umweltverschmutzung und industrieller Landwirtschaft zurückzuführen.[2]
Massive Algenblüten ersticken das Leben im Lough Neagh, dem größten Süßwassersee Irlands. Die Algenblüten sind eine direkte Folge des Eindringens von Stickstoff und Phosphor aus intensiver Landwirtschaft und Abwässern in das Wasser. Das hat verheerende Auswirkungen auf die Tierwelt und beeinträchtigt das Trinkwasser der Menschen. Das Gleiche geschieht am Lough Hyne in Cork. Fast die Hälfte aller irischen Flüsse und Seen erfüllen nicht die Standards für einen guten ökologischen Zustand.
Die Auswirkungen zeigen sich auch darin, dass 98 % der Europäer:innen verschmutzte Luft atmen, was jährlich 400.000 Todesfälle verursacht. Die erschreckendsten Zahlen beziehen sich auf den sehr raschen Verlust der biologischen Vielfalt – die Wildtierpopulationen sind in den letzten 50 Jahren um 70 % zurückgegangen. Dieser Verlust an Tierpopulationen und das Aussterben von Arten untergraben die Widerstandsfähigkeit unserer Ökosysteme und bedrohen die Nahrungsmittelproduktion.
Kapitalistische Untätigkeit
Die Alarmglocken läuten. Alle Zeitungen berichten über die bevorstehende Katastrophe. Und dennoch wird fast nichts unternommen. Der Haupteindruck, den man von der Haltung der kapitalistischen Klasse gegenüber ökologischen Krisen gewinnt, ist, dass sie praktisch aufgegeben hat. Stattdessen setzt sie alles auf die Karte zukünftiger technologischer Entwicklungen, wodurch sie es vermeidet, den Profistrom zu stören oder über die von der Wissenschaft geforderte radikale Systemänderung nachzudenken.
Klimaskeptiker:innen sind zunehmend in Regierungen vertreten, vor allem mit Trump in den USA, aber auch mit den Healy-Raes [3], die bei uns zu Hause sind. Trump, mit seinen Verbindungen zur Ölindustrie, hat versprochen: „Drill, Baby, Drill“. Er ist sofort aus dem Pariser Abkommen ausgestiegen und hat Umweltschutzmaßnahmen in den USA zurückgenommen. Dies hat andere Staats- und Regierungschef:innen dazu veranlasst, seinem Beispiel zu folgen.
Innerhalb weniger Wochen wurde berichtet, dass „Brüssel unter Druck steht, als Reaktion auf Trump die grüne Agenda zu bremsen”.[4] Der Europäische Runde Tisch der Industrie (das EU-Äquivalent zum IBEC – Irish Business and Employers Confederation – Irischer Unternehmensverband) führt die Bemühungen an, Nachhaltigkeitsvorschriften unter dem Deckmantel des Bürokratieabbaus aufzuheben. Ein wesentlicher Teil der Reaktion der EU auf Trumps Zölle besteht darin, mehr Waffen und mehr Flüssigerdgas aus den USA zu kaufen.
In Irland hat sich die Regierung mit einer unzureichenden rechtlichen Verpflichtung zu einer Reduzierung der Treibhausgasemissionen um 51 % bis 2030 verpflichtet. Die letzte Regierung war auf dem Weg, vielleicht die Hälfte davon zu erreichen. Die neue Regierung ist noch schlechter, da sie jegliche Beschränkungen für Rechenzentren aufgibt, mehr Investitionen in Straßen ankündigt und auf eine Infrastruktur für Fracking-Gas drängt.
Trotz aller großartigen Erklärungen auf den jährlichen Klimakonferenzen (COP) machen die politischen Verpflichtungen nur einen Bruchteil dessen aus, was notwendig ist, um eine Katastrophe zu vermeiden, und die tatsächliche Umsetzung ist noch geringer. Das derzeitige Niveau der Versprechen von Regierungen weltweit würde zu einem Anstieg von deutlich über 2 °C führen, wenn man ihren technologischen Fantasien Glauben schenkt. Was jedoch tatsächlich getan wird, lässt auf einen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um mindestens 3 bis 4 °C schließen. Mit anderen Worten: eine Katastrophe und möglicherweise der Zusammenbruch der Zivilisation.
Die COP28 konnte sich nicht einmal auf einen Ausstieg aus der Kohle, dem schmutzigsten aller fossilen Brennstoffe, einigen.[5] Stattdessen einigte man sich auf eine „schrittweise Reduzierung der unverminderten Kohleverstromung”. Das Wort „unvermindert/unabated”, das an anderer Stelle mit einem positiven Verweis auf „Reduktions- und Entfernungstechnologien” einhergeht, bezieht sich auf Technologien zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung, die nirgendwo auch nur annähernd in dem erforderlichen Umfang existieren (eine Minderung der Emissionen soll also durch das Abscheiden von CO2 aus den Abgasen, die beim Verbrennen der Kohle entstehen, erreicht werden. Nicht die Kohleverstromung, sondern nur die Kohleverstromung ohne CCS wird in Frage gestellt. Anm. Red.). Dies verdeutlicht die Abhängigkeit von zukünftigen technischen Lösungen, um einfach weitermachen zu können wie bisher.
Trotz aller Diskussionen über ansteigende Investitionen in erneuerbare Energien dominieren fossile Brennstoffe weiterhin den globalen Energiemix (84 % im Jahr 2020). Die Gesamtproduktion fossiler Brennstoffe ist um 62 % gestiegen, von 83 TWh im Jahr 1992 auf 136 TWh im Jahr 2021. Dies liegt daran, dass der Energiebedarf weiterhin schneller wächst als erneuerbare Energien hinzukommen.
Katastrophe
Wir erleben derzeit, was Rosa Luxemburg als „Kette unaufhörlicher sozialer Katastrophen“[6] bezeichnet hat. Imperialismus, Krieg, Aufstieg der extremen Rechten, Klima- und Biodiversitätskrise sind miteinander verknüpft. Die Klimakrise beschleunigt die zunehmenden zwischenimperialistischen Spannungen, die wiederum durch den Ausbau imperialistischer Armeen zur Klimakrise beitragen.
Die Leugnung des Klimawandels ist auch ein zentraler Bestandteil der Anziehungskraft der extremen Rechten. An der Macht verschärfen sie die ökologischen Krisen – der ehemalige brasilianische Präsident Bolsonaro [7] beispielsweise förderte die Brandrodung des Amazonas-Regenwaldes und Trump hebt alle Beschränkungen für die Förderung fossiler Brennstoffe auf. Und natürlich wird die Migration von Menschen, die aufgrund der Klimakatastrophe gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen, bereits von der extremen Rechten instrumentalisiert.
Wie können wir also aus diesen Katastrophen ausbrechen?
Wie können wir vermeiden, immer tiefer in die Barbarei zu versinken? Das kapitalistische System kann uns nicht aus dieser Lage befreien. Es ist ein ökologisch zerstörerisches System, das nicht in der Lage ist, diese Krisen zu lösen, da es auf nationalem kapitalistischem Wettbewerb basiert und nicht auf der internationalen Zusammenarbeit, die zur Bewältigung eines globalen Problems wie diesem erforderlich ist. Jedes kapitalistische Unternehmen ist darauf ausgerichtet, seinen privaten Gewinn zu steigern. Die Steigerung der Gewinne (oder auch nur deren Aufrechterhaltung) erfordert exponentielles Wachstum: Wachstum bei den Materialien, bei der Produktion, bei den aus der Erde extrahierten Rohstoffen, bei der Energie, die dafür benötigt wird, und bei all den damit einhergehenden Abfällen, die in die Luft, die Meere, das Land und uns selbst gekippt werden.
Kapitalismus bedeutet daher Barbarei. Nur eine Revolution kann die Zerstörung stoppen und den Weg für eine neue Welt ebnen, die innerhalb der planetarischen Grenzen aufgebaut wird und ein gutes Leben für alle gewährleistet.
Ein „Pessimismus des Intellekts” [8] wäre in diesem Moment durchaus gerechtfertigt – es sei euch verziehen, wenn ihr denkt, dass Barbarei vielleicht wahrscheinlicher ist als Ökosozialismus. Doch gerade aus einer Katastrophe – dem Ersten Weltkrieg – heraus entstand die erfolgreiche Russische Revolution.[9] Das erinnert uns daran, dass wir unser Schicksal nicht passiv hinnehmen müssen. Wir können heute handeln, mit einem „Optimismus des Willens”.
Lenin und der Erste Weltkrieg
Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs kann kaum überschätzt werden. Von 65 Millionen Soldat:innen kamen neun Millionen ums Leben, weitere fünf Millionen wurden als vermisst gemeldet und sieben Millionen erlitten dauerhafte körperliche Beeinträchtigungen. Die Zahl der zivilen Todesopfer war sogar noch höher.
Der Krieg zerstörte auch die mächtige sozialistische Bewegung. Die große Mehrheit der Massenparteien der Arbeiter:innenklasse, die sich als marxistisch bezeichneten, unterstützte die Kriegsziele ihrer eigenen herrschenden Klassen.
Doch drei Jahre später brachte die Revolution in Russland (die im Februar 1917 begann und im Oktober 1917 ihren Höhepunkt erreichte) die Arbeiter:innen an die Macht und leitete das Ende des Krieges ein. In weiten Teilen der Welt, darunter auch in Irland, brachen revolutionäre Bewegungen aus.
Wie konnte das angesichts einer solchen Katastrophe und Barbarei geschehen, und was können wir daraus lernen?
Lenin war entsetzt darüber, dass die sozialistische Bewegung nichts unternahm, um den Krieg zu beenden. Anstatt zu verzweifeln, reagierte er auf diese Katastrophe, indem er sich in die Bibliothek begab. Er verbrachte Wochen damit, die Werke des deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus dem 19. Jahrhundert zu lesen und zu verinnerlichen.[10] Er brach mit dem Objektivismus und mechanischen Materialismus, der die Zweite Internationale prägte – diese ging von einem eher evolutionären Prozess der kapitalistischen Krise aus, der zur sozialistischen Revolution führen würde.
Lenins neues dialektisches Verständnis des Marxismus legte mehr Gewicht auf menschliches Handeln und revolutionäre Sprünge. Dies half ihm, das revolutionäre Potenzial in den Kämpfen gegen den Imperialismus wie dem Osteraufstand [11] zu erkennen und seine Ideen zum Zustand nach der Revolution zu entwickeln, die er in „Staat und Revolution“ ausführlich darlegte.[12] Vor allem begann er zu erkennen, dass das Potenzial der Russischen Revolution über das hinausging, was die bolschewistische Partei zuvor für möglich gehalten hatte.
Strategisch gesehen brach Lenin, verdeutlicht durch die Aprilthesen, mit der bisherigen Doktrin der Bolschewiki, dass die Russische Revolution eine bürgerliche oder kapitalistische Revolution sein würde. Als er im April 1917 am Finnischen Bahnhof ankam, rief er zu einer sozialistischen Revolution auf. Dies ging einher mit einer programmatischen Wende hin zur Forderung „Alle Macht den Sowjets“, den demokratischen Arbeiter:innenräten, die durch die Revolution entstanden waren.
Ähnliche Veränderungen sind für die marxistische Bewegung angesichts der ökologischen Katastrophe notwendig und bereits im Gange. Sie fließen in dieses ökosozialistische Manifest ein. Die zentrale Bedeutung der ökologischen Krise und die Notwendigkeit des Ökosozialismus wirklich anzunehmen, verlangt von der revolutionären Linken philosophische, strategische und programmatische Veränderungen.
Philosophisch gesehen bedeutet dies, dass sich Lenin weiter vom mechanischen Materialismus und Produktivismus entfernte. Damit lehnte er die Vorstellung ab, dass „die Geschichte der Menschheit nicht durch Ideen bestimmt wird, sondern durch eine wirtschaftliche Entwicklung, die unaufhaltsam voranschreitet…“.[13]
Es sind die Menschen, nicht abstrakte „Produktivkräfte“, die Geschichte schreiben. Ja, wie Marx dargelegt hat, schreiben wir sie nicht unter selbst gewählten Umständen, sondern „unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“[14] Unsere möglichen Zukünfte sind zweifellos durch Umstände eingeschränkt, die außerhalb unserer individuellen Wünsche liegen. Aber es ist der Klassenkampf, der die treibende Kraft der Geschichte ist.
Strategisch gesehen müssen wir das Verständnis der ökologischen Krise in den Mittelpunkt unseres Handelns stellen. Wir sind nicht nur Ökosozialist:innen, wenn wir uns für die Umwelt einsetzen, und Sozialist:innen in der übrigen Zeit. Wir sind Ökosozialist:innen, wenn wir Gewerkschafter:innen, Demonstrant:innen gegen die Lebenshaltungskosten und Wohnungsaktivist:innen sind. Innerhalb der Gewerkschaftsbewegung sind wir diejenigen, die sagen, dass die ökologische Krise ein Thema der Arbeiter:innenklasse ist. Innerhalb der Umweltbewegung sind wir diejenigen, die auf die strategische Macht der Arbeiter:innenklasse und die Notwendigkeit eines ökosozialistischen Systemwandels hinweisen.
Programmatisch müssen wir jede wachstumsorientierte Politik als Antwort auf die Krisen ablehnen, mit denen die Mehrheit der Menschen auf dieser Erde konfrontiert ist. Wir müssen das Ziel des materiellen Überflusses ablehnen – das unmöglich ist auf einem endlichen Planeten. Stattdessen müssen wir erkennen, dass es zur Sicherung einer lebenswerten Zukunft für die Menschheit und für einen gerechten Übergang für alle – die Arbeiter:innen, Kleinbäuer:innen und indigenen Völker im globalen Süden ebenso wie in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern – notwendig ist, den Gesamtenergieverbrauch und den Materialdurchsatz zu reduzieren.
Dies ist aus zwei Gründen notwendig: erstens, um den Übergang zu 100 % erneuerbaren Energien zu beschleunigen; zweitens, um die planetarischen Grenzen durch die Auswirkungen der Gewinnung von Seltenen Erden und Mineralien, die überwiegend aus dem Globalen Süden stammen und die lokale Umwelt und Gemeinschaften zerstören, nicht noch weiter zu überschreiten.
Programm
Dieses Manifest für eine ökosozialistische Revolution legt dar, warum diese notwendig ist und wie sie aussehen könnte. Es betont die Möglichkeit eines guten Lebens für alle. Das Manifest, das vom 18. Weltkongress der Vierten Internationale verabschiedet wurde, ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit und Diskussionen innerhalb der Vierten Internationale und der Höhepunkt eines Prozesses der praktischen und theoretischen Auseinandersetzung mit der ökologischen Krise und den damit verbundenen sozialen Bewegungen.
Für uns bei RISE (Revolutionary, Internationalist, Socialist, Environmentalist) ist dies ein entscheidender Punkt der Übereinstimmung mit der Vierten Internationale. Als wir 2019 als Gruppe aus der Sozialistischen Partei austraten, gründeten wir eine klar ökosozialistische Organisation (unser Logo und unser Name, das „E“ in RISE steht für „Umwelt“). Wir engagierten uns aktiv bei Extinction Rebellion [15] zusammen mit Mitgliedern von People Before Profit, denen wir 2021 beitraten. Wir tauschten uns auch mit ökosozialistischen Autor:innen aus und diskutierten die Ideen des Degrowth und des anti-produktivistischen Marxismus.
In gewisser Weise befanden wir uns auf einem parallelen Weg zur Vierten Internationale und konnten unsere Reise durch die Beteiligung an den Debatten der Vierten Internationale, auch in Bezug auf dieses Manifest, beschleunigen. Hoffentlich konnten wir auch einen kleinen Beitrag dazu leisten. Diese Einigung auf einen Rahmen für ökosozialistisches Degrowth war ein entscheidender Grund dafür, dass wir ständige Beobachter:innen in der Vierten Internationale wurden.
Wir beteiligen uns nun aktiv an den Debatten und Strukturen der Vierten Internationale. Wir haben nach wie vor wichtige Meinungsverschiedenheiten mit der Mehrheit der Vierten Internationale, insbesondere in Bezug auf die Charakterisierung des Krieges in der Ukraine. Ausgehend von der Erkenntnis, dass dieser Krieg in erster Linie interimperialistischer Natur ist, und obwohl wir Putins Invasion absolut verurteilen und ablehnen, halten wir es für unerlässlich, dass Sozialist:innen in der westlichen Welt sich dagegen aussprechen, dass „unsere eigenen“ Regierungen Waffen in die Ukraine liefern. Wir glauben, dass dies Teil eines interimperialistischen Konflikts ist, in dem wir sowohl die von den USA geführten NATO-Streitkräfte als auch Russland ablehnen.[16]
Wenn wir uns in diesem Konflikt nicht klar gegen die imperialistische Agenda „unserer eigenen” herrschenden Klassen stellen, untergräbt dies den Kampf für eine ökosozialistische Revolution. Dies liegt nicht nur an den immensen ökologischen Schäden, die durch das neue Wettrüsten verursacht werden, das mit der russischen Bedrohung gerechtfertigt wird. Sondern auch, weil die Arbeiter:innenbewegung politisch entwaffnet wird, wenn wir nicht konsequent aufzeigen, dass die Handlungen der kapitalistischen Regierungen von kapitalistischen Interessen getrieben sind und nicht von den Interessen der arbeitenden Bevölkerung in der Ukraine oder anderswo. [17]
Nichtsdestotrotz sind wir stolz darauf, dieses Manifest der Vierten Internationale zu veröffentlichen. Es ist ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung des notwendigen Programms, um die Katastrophe zu vermeiden, auf die wir zusteuern. Um Walter Benjamin zu paraphrasieren: Es ist ein Werkzeug, das der Arbeiter:innenklasse hilft, die Notbremse zu ziehen.[18]
Aufbau einer Kraft, die die Bremsen ziehen kann
„Aber das Proletariat bedarf dazu eines hohen Grades der politischen Schulung, des Klassenbewußtseins und der Organisation. Alle diese Bedingungen vermag es sich nicht aus Broschüren und Flugblättern, sondern bloß aus der lebendigen politischen Schule, aus dem Kampf und in dem Kampf, in den fortschreitenden Verlauf der Revolution anzueignen.“ Rosa Luxemburg (1906): Massenstreik, Partei und Gewerkschaften [19]
Ohne den Aufbau einer revolutionären Kraft, die dazu beiträgt, eine Massenbewegung der Arbeiter:innenklasse anzuführen, die in der Lage ist, den Kapitalismus zu stürzen, werden die in diesem Manifest dargelegten Ideen niemals zum Leben erweckt oder verwirklicht werden können.
Die einzige Kraft, die dazu in der Lage ist, ist eine bewusste und organisierte Arbeiter:innenklasse zusammen mit den unterdrückten Völkern der Welt. Das sind die Menschen, die die Gesellschaft und unsere Wirtschaft am Laufen halten. Wenn sie mobilisiert werden, haben wir die Macht, Diktaturen zu stürzen, den Imperialismus zu besiegen und den Kapitalismus zu beenden.
Unsere Aufgabe als Ökosozialist:innen ist es, uns aktiv an den täglichen Kämpfen von Menschen der Arbeiter:innenklasse zu beteiligen und sie mit der Notwendigkeit eines ökosozialistischen Wandels zu verbinden. Ein entscheidender Aspekt besteht im Aufbau einer Massenumweltbewegung, die sich dafür einsetzt, den Ausbau der LNG-Infrastruktur und weiterer Rechenzentren zu stoppen. Innerhalb dieser Bewegung sollten wir klar die Fahne der ökosozialistischen Revolution hissen und Aktivist:innen dazu auffordern, sich anzuschließen.
Innerhalb und durch diesen Kampf wollen wir People Before Profit als ökosozialistische Massenpartei aufbauen und die Menschen ermutigen, sich uns anzuschließen. Wir wollen auch RISE als bewusst revolutionäre marxistische und ökosozialistische Kraft entwickeln.
Ohne die Bolschewiki hätte die Revolution in Russland nicht aus der Katastrophe hervorgehen können, und das Wort für Faschismus wäre möglicherweise russisch statt italienisch gewesen. Die gleiche Art von Kraft – bestehend aus prinzipientreuen, opferbereiten, unabhängig denkenden Führungspersönlichkeiten der Arbeiter:innenklasse und sozialer Bewegungen – wird dringend benötigt, um die Schrecken zu vermeiden, denen die Zivilisation gegenübersteht.
Eine Revolution aus der ökologischen Katastrophe heraus zu schmieden, ist die dringende Aufgabe, die vor uns liegt. Wenn wir erfolgreich sind, werden wir Katastrophen, Ruin und anhaltende Klimastörungen erben – all das Chaos, das der Kapitalismus für die Menschheit verursacht hat. Aber indem wir dazu beitragen die Arbeiter:innenklasse und die unterdrückten Völker an die Macht zu bringen und diese dann selbst die Entscheidungen treffen, werden wir über alle notwendigen Fähigkeiten, die Kreativität und den Willen verfügen.
Referenzen
[1] Wladimir. I. Lenin:Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll (September 1917), Werke (Berlin 1974), Band 25, S. 327–377. https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1917/09/katastrophe.html
[2] Paul Murphy bezieht sich auf diese Studie: Richardson, Katherine, et al. (2023): Earth beyond six of nine planetary boundaries. Science Advances 9 (37), S. eadh2458. https://www.science.org/doi/abs/10.1126/sciadv.adh2458.
Die aktuelle Forschung ergibt, dass bereits sieben planetare Grenzen überschritten sind. Kitzmann, Niklas; Caesar, Levke ; Sakschewski, Boris und Rockström, Johan (Hrsg) (2025): Planetary Health Check 2025. A Scientific Assessment of the State of the Planet. Potsdam: Potsdam Institute for Climate Impact Research (PIK), 142 S. (Anm. CZ).
[3] Die Michael and Danny Healy-Raes sind Brüder einer politischen Familiendynastie in Irland. Sie sind einflussreiche unabhängige Abgeordnete aus der Grafschaft Kerry, die einen reaktionären ländlichen Populismus vertreten. Ende 2024/Anfang 2025 wurden sie zu „Königsmachern” in der irischen Regierung und schlossen sich einer Koalition mit Fine Gael, Fianna Fáil und anderen an, wobei Michael als Staatsminister für Landwirtschaft/Forstwirtschaft fungiert. (Anm. CZ).
[4] Financial Times, 26 January 2025.
[5] Auch die COP30 in Belém im November 2025 benannte die fossilen Energieträger nicht als zentrale Ursache für die Erderhitzung. Siehe Christian Zeller: Das Scheitern des grünen Kapitalismus. Trotz dramatischer Warnsignale zementiert die globale Politik die fossile Ordnung. Analyse & Kritik 720, 18. November 2025 https://www.akweb.de/politik/cop30-klimakonferenz-belem-das-scheitern-des-gruenen-kapitalismus/ (Anm. CZ)
[6] Rosa Luxemburg: Die Krise der Sozialdemokratie [Die „Junius“-Broschüre]. Zürich 1916. Gesammelte Werke, Bd. 4 (6. überarbeitete Auflage), Berlin 2000, S. 51-164. https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1916/junius/
[7] Der gegenwärtige „linke“ Präsident Lula will Brasilien zur globalen Ölsupermacht machen und treibt die Erdölförderung in Atlantik und im Norden des Landes massiv voran. (Anm. CZ)
[8] Antonio Gramsci schreibt in den „Gefängnisheften“ (1947): „Die Herausforderung der Moderne besteht darin, ohne Illusionen zu leben, ohne desillusioniert zu werden … Ich bin aufgrund meiner Intelligenz Pessimist, aber aufgrund meines Willens Optimist.“.
[9] Die Inspiration für den folgenden Abschnitt stammt von Paul Le Blanc: Lenin, Responding to Catastrophe, Forging Revolution, Pluto Press, 2023.
[10] Georg Wilhelm Friedrich Hegel war ein deutscher Philosoph des 19. Jahrhunderts, der Karl Marx maßgeblich beeinflusste. Weitere Informationen zu diesem Thema finden sich in Kevin B. Anderson: Lenin, Hegel, and Western Marxism: A Critical Study. The University of Illinois Press, 1995.
[11] Beim Osteraufstand vom 24. bis 29. April 1916 eroberten Teile der Irish Volunteers unter Patrick Pearse und der Irish Citizen Army von James Connolly verschiedene Gebäude in Dublin und proklamierten die unabhängige irische Republik. Der Aufstand schlug fehl, führte aber 1922 zur Unabhängigkeit der Republik Irland. Die britische Kolonialmacht behielt die Kontrolle über die sechs Grafschaften im Nordosten der Insel. (Anm. CZ)
[12] Wladimir Iljitsch Lenin: Staat und Revolution. Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution. Wladimir Iljitsch Lenin, Werke, Band 25, Berlin/DDR, 1972, S.393-507. https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1917/staatrev/index.htm
[13] Karl Kautsky: Das Erfurter Programm, Kapital 5 Der Klassenkampf. Stuttgart, Dietz Verlag, 1892. https://www.marxists.org/deutsch/archiv/kautsky/1892/erfurter/index.htm
[14] Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1852, MEW 8, S. 115. https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1852/brumaire/index.htm
[15] Im Jahr 2019 zog Extinction Rebellion Hunderte neuer Aktivisten an – an den Treffen in Dublin nahmen regelmäßig über 100 Personen teil.
[16] Paul Murphy: ‘Imperialism Today: Understanding the invasion of Ukraine’ Rupture Issue 8, 19. September 2022 https://rupture.ie/articles/imperialism-today
[17] Wir von emanzipation stehen seit Beginn der russischen Vollinvasion in engem Kontakt mit ukrainischen Sozialist:innen, Feminist:innen und Anarchist:innen, die sich am bewaffneten Widerstand gegen die russischen Besatzungstruppen beteiligen und zugleich politischen Widerstand gegen die neoliberale Selenskyj-Regierung leisten. Für sie ist der Krieg ein Besatzungskrieg und ein nationaler Abwehrkrieg, dessen Ausgang allerdings auch durch die imperialistische Rivalität bestimmt wird.
[18] Benjamin, Walter (1940): Über den Begriff der Geschichte. In: G. Raulet (Hrsg.): Werke und Nachlaß / kritische Gesamtausgabe; Bd. 19, 1. Aufl., 2010. Berlin: Suhrkamp.
[19] Rosa Luxemburg: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften. 1906. Gesammelte Werke, Bd. 2, Berlin 1986, S. 93–170, Kapitel 3 https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1906/mapage/kap3.htm
Dieser Beitrag erschien als Preface to Manifesto for Ecosocialist Revolution. RISE hat das Manifest im Frühjahr 2025 als Broschüre publiziert. https://rupture.ie/store/manifesto-for-an-ecosocialist-revolution-pamphlet.
Übersetzung, Quellenverweise und Anmerkungen: Christian Zeller.