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Interview von Stéfanie Prezioso mit Olivier Besancenot
Am 17. Oktober 2026 strömten Hunderttausende Menschen in ganz Frankreich auf die Straßen. Die Mobilisierung, die von der Jugend und den Gymnasien ausging, vereinte auch andere Teile der Gesellschaft rund um das Thema Kaufkraft – jenseits der traditionellen gewerkschaftlichen und politischen Strukturen. Die Macron-Regierung reagierte darauf mit einer Repression von beispiellosem Ausmaß: eine seit Beginn der Schüler:innenbewegung noch nie dagewesene Zahl von Festnahmen, eine teilweise Ausgangssperre, die nun diskutierte Auflösung von Organisationen sowie Todesfälle, deren Umstände noch geklärt werden müssen.
Frankreich ist kein Einzelfall. In Belgien, in Italien, wo die Regierung von Giorgia Meloni beschlossen hat, die Armee nach Mailand zu entsenden, um die Demonstrationen niederzuschlagen, in Albanien, in Spanien oder in Portugal, wo der Aufruf zum Generalstreik in aller Munde ist, erhebt sich die Jugend gegen Regierungen, die den Reichsten dienen und immer autoritärer werden. Vor allem auf den Straßen von Paris stimmten spontane Chöre unter Tränengas die „Marseillaise“ an, aber auch „El pueblo unido jamás será vencido“, die „Internationale“ und „Va, pensiero“, den Chor der hebräischen Sklaven aus Verdis „Nabucco“. All diese Lieder der Emanzipation sind voller Verheißungen aus den Kämpfen der Vergangenheit. An diesem 17. Oktober reichte die Erinnerung 65 Jahre zurück – zum Massaker an Algerier:innen in Paris durch die Polizei unter Präfekt Maurice Papon. Dieser wurde 1998 wegen Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt, aufgrund seiner Rolle bei der Deportation der Jüd:innen aus der Gironde während der Besatzungszeit. Vor diesem historischen Hintergrund hallte eine Parole besonders eindringlich nach: „Wir sind die Kinder derer, die ihr nicht ertränkt habt.“
Im Vorfeld eines branchenübergreifenden Aktionstages am 5. November [1] spricht Olivier Besancenot von der Nouveau Parti Anticapitaliste (NPA-A) über diese Bewegung, ihre historischen Wurzeln – von der Französischen Revolution bis zur Pariser Kommune – und darüber, warum Hoffnung aufflammt. Das Interview wurde am 20. Oktober 2026 geführt.
Stefanie Prezioso: Was ist neu und überraschend an der sozialen Mobilisierung der Jugend in Frankreich und an den Verbindungen, die am 17. Oktober mit anderen Bereichen der Gesellschaft rund um das Thema Kaufkraft hergestellt wurde, was wiederum auf die Krise der sozialen Reproduktion verweist?
Olivier Besancenot: Das Neue und Überraschende an der Mobilisierung vom 17. Oktober und am Zusammenschluss, der sich vollzogen hat, ist, dass dies außerhalb der traditionellen Strukturen geschieht. Wir hatten bereits soziale, sektorale oder thematische Ausbrüche erlebt, die sich offensichtlich dem Einfluss der Organisationen der Arbeiter:innenbewegung – seien es Gewerkschaften, soziale oder politische Organisationen – entzogen, wie zum Beispiel die Gelbwesten. Aber dass sich außerhalb dieser Rahmenbedingungen eine Verbindung zwischen völlig unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft zu entwickeln beginnt, und dies mit der impliziten oder expliziten Unterstützung und Beteiligung bestimmter Gruppierungen – das ist, soweit ich mich erinnern kann, noch nie dagewesen.
Das erklärt zum einen die Überraschung, mit der die politische Macht überrumpelt wurde, verweist aber zum anderen auch auf die Grenzen der Bewegung in Bezug auf ihre demokratische Organisation. Ich denke, das ist Ausdruck der wirklich allgemeinen Krise, in der wir leben – eine Krise, die auch die Organisationen der Arbeiter:innenbewegung erfasst – sowie eines gesellschaftlichen Wandels und einer neuen Art von Proletariat, das durch solche Erfahrungen tatsächlich selber entsteht.
SP: Du beziehst dich oft auf die Französische Revolution und die Pariser Kommune, auf deren soziale und demokratische Bestrebungen, die von den breiten Volksschichten getragen wurden, um über die Phase nachzudenken, in wir heute leben. Inwiefern sind diese historischen Bezüge relevant?
OB: Es stimmt, dass mein Bezugspunkt schon immer die Pariser Kommune von 1871 war, viel mehr noch als die Französische Revolution, die ich anhand der Kämpfe – insbesondere jener der Gelbwesten – erst zu entdecken oder wiederzuentdecken lerne. Diese Bewegung war ein Wendepunkt: Diese Geschichte hat sich auf unterschwellige Weise – oder vielleicht auch nicht ganz so unterschwellig – wieder in die Mobilisierung eingeschlichen. Die großen Demonstrationen im Dezember [2018], die die Rue de Rivoli hinauf bis zur Place de la Concorde zogen, um Macron um jeden Preis im Élysée-Palast zu finden, erinnerten natürlich an die großen Bauernaufstände, die vor allem von Frauen angeführt wurden und bei denen man den König in seinem Schloss aufsuchte, um ihn beispielsweise nach Paris zu bringen. Ganz zu schweigen von der französischen Flagge, die nicht nur Ausdruck der zu Beginn der Bewegung vorhandenen rechtsextremen Strömungen war, oder von der lautstark gesungenen „Marseillaise“, die ich nun mit anderen Ohren zu hören gelernt habe.
Diese „Marseillaise“ hört man zum Beispiel in den Schulen, in den von der Mobilisierung erfassten Gymnasien, insbesondere in den Arbeiter:innenvierteln und in den Vororten. Es gibt also eine verborgene Geschichte. Und wenn man lernt, sie wiederzuentdecken – so wie ich es derzeit tue, insbesondere durch die Lektüre von Jules Michelets Geschichte der Französischen Revolution –, versteht man, dass tatsächlich etwas Außergewöhnliches geschehen ist: Das Volk hat von unten her Jahrhunderte der Herrschaft, der Organisation und der Produktionsweise der Monarchie beendet und beschlossen, all dem ein Ende zu setzen – und zwar mehrfach: zwischen der Erstürmung der Bastille, der Tatsache, dass man im Oktober 1789 den König holte, um ihn nach Paris zu bringen – eine Massenentführung, wie man sie heute nicht mehr sieht; später die Tatsache, ihm den Kopf abzuschlagen; danach die Organisierung aufständischer Tage durch die Kommunalist:innen [Anhänger:innen der revolutionären Pariser Kommune von 1792]. Das hinterlässt zwangsläufig Spuren, die ich meinerseits unterschätzt hatte.
Wir gehören einer sehr ausgeprägten Strömung an, die stark von dem politischen Jahrhundert geprägt ist, das mit der Oktoberrevolution 1917 begann und 1989 endete, und man erkennt, dass darin trotz allem etwas Tiefgreifendes steckt.
SP: Was sagt uns das Ausmaß der Repression heute in Frankreich durch eine angeblich zentristische Regierung, die in punkto Repression keineswegs hinter der rechtsextremen Regierung von Giorgia Meloni steht, über die Annäherung der mehr oder weniger extremen Rechten in Europa und weltweit?
OB: Das Ausmaß der Repression ist in der Tat absolut beispiellos. Was die Zahl der Festnahmen seit Beginn der Schüler:innenbewegung angeht, übertrifft sie sogar noch das, was die Gelbwesten-Bewegung erlebt hatte. Die gegen sie gerichtete Repression hatte ihrerseits jene gegen die Mobilisierungen gegen den „Contrat première embauche“ (CPE)[2] oder jene in den 1990er Jahren bei weitem übertroffen.
Tatsächlich dienten die Arbeiter:innenviertel als Versuchslabor für die Systematisierung eines Repressionsapparats, der nun gegen jede Art sozialer Aufstände eingesetzt wird. Das sagt uns zunächst einmal etwas über die Maßnahmen des Liberalismus, der eine autoritäre Wende erfordert.
Zweitens sagt uns dies etwas über die derzeit stattfindende Faschisierung – so nenne ich sie trotz allem, auch wenn man über die Bezeichnung diskutieren kann, denn sie hat zumindest den Verdienst, auf das Geschehen hinzuweisen: Eine ganze Reihe von Maßnahmen wird bereits von der Macron-Präsidentschaft umgesetzt, noch bevor die extreme Rechte an die Macht kommt. Im Juli beispielsweise wurde den Ordnungskräften gesetzlich die Vermutung der Notwehr eingeräumt, was eine alte Forderung der extremen Rechten ist. Man könnte viele derartige Beispiele anführen.
In diesem Prozess wird auch deutlich, inwieweit die Macronie [Macron-Präsidentschaft] die Kontrolle über ihren eigenen Repressionsapparat verliert. Es kommt also zu einem Kontrollverlust über die Situation, und in diesem Wettlauf entsteht das, was Daniel Bensaïd [3] als „zeitliche Diskrepanz“ bezeichnete: zwischen der sozialen Zeit, die sich radikalisiert, und der politischen Zeit, die noch lange nicht so weit ist.
SP: Die Medien haben viel Aufhebens um die beispiellosen Gewalttätigkeiten am 17. Oktober gemacht, die zweifellos Ausdruck einer eskalierenden Wut sind. Was uns jedoch eher überrascht hat, war, dass sich in ganz Frankreich Hunderttausende Demonstranten versammelt haben, vereint in ihrer Ablehnung sozialer Ungerechtigkeit und demokratischer Ausgrenzung. Wie lautet deine Bilanz dieses Tages?
Um eine Bilanz des 17. Oktober zu ziehen, ist es äußerst wichtig, das Ausmaß dessen zu begreifen, was gerade geschieht. Ich habe an dieser Demonstration teilgenommen und in meinem ganzen Leben noch nie eine ähnliche erlebt, was die Größe, die Entschlossenheit und die bunte Mischung der Menschen angeht. Es war eine Welle, eine Menschenflut. Wenn man abends nach Hause kommt und sieht, wie diese Ereignisse – die übrigens tatsächlich stattgefunden haben – in den Medien und in der Politik verzerrt dargestellt werden, hat man natürlich den Eindruck, nicht am selben Ereignis teilgenommen zu haben. Und genau das wird derzeit in der französischen politischen Debatte ausgeblendet. Die Fassungslosigkeit überwiegt, gepaart mit der politischen Instrumentalisierung dessen, was geschehen ist: verwüstete, teilweise geplünderte Geschäfte.
Aber all das kann nicht auf einen Schlag verschwinden, denn in dem, was sich gerade geäußert hat – und was erneut nur über die sozialen Netzwerke ins Leben gerufen und anschließend unterstützt wurde –, steckt etwas zu Starkes, zu Tiefgreifendes, das wir noch verstehen müssen: eine Bewegung, die nur über die sozialen Netzwerke ins Leben gerufen und anschließend von einer Reihe von Organisationen unterstützt wurde. Das sagt etwas über eine neue Phase aus, die die ganze Situation wieder vollständig öffnet, voller neuer Möglichkeiten ist und die – uns trotz der derzeitigen politischen Unruhe, die anhält und diese Phase einholt – Grund zur Hoffnung geben muss.
SP: Die Hunderttausenden Menschen, die sich mobilisierten, sind heute zweifellos der Meinung, dass die Demonstrationen nicht ausreichen, um eine harte Regierung in die Knie zu zwingen, die nicht zögert, eine teilweise Ausgangssperre zu verhängen. Der Aufruf zum Generalstreik ist in aller Munde, wie in Spanien. Was denkst du darüber?
OB: Die Mobilisierung wird in der Tat zu einem Ausgang führen, den man naturgemäß nicht vorhersagen kann. Nichts ist vorbei, denn diese Bewegung wird nicht aufhören: Sie ist zu tiefgreifend, zu fest verwurzelt. Außerdem hat sie eine internationale Dimension. Wenn man über die Grenzen hinausblickt, sieht man in der Tat, dass sich auf Seiten der Jugend vergleichbare – oder solche, die man gerne vergleichen möchte – Entwicklungen in Belgien, Italien und Albanien abspielen. Hinzu kommt die Bewegung, die sich in Spanien vollzieht. Es gibt auch eine generationsbezogene Entwicklung, die sich derzeit vollzieht und die dazu führt, dass diese Bewegung weder durch die Verhängung einer Ausgangssperre noch durch andere autoritäre Maßnahmen zum Stillstand kommen wird, die – da bin ich mir sicher – bald ergriffen werden, vielleicht sogar die Auflösung einer Reihe von Organisationen; das wissen wir noch nicht.
Die Herausforderung besteht nun nämlich darin, dass die Arbeiter:innenbewegung das Ruder übernimmt, das heißt, dass die lohnabhängige Klasse das Ruder übernimmt. Wenn es nicht an der zahlenmäßigen Stärke mangelt, um den Platz der Produzent:innen in der Gesellschaft in Erinnerung zu rufen, dann wird es leider nicht reichen, und wir werden es nicht schaffen, dass diese legitime Revolte zu einem ausgereiften Klassenbewusstsein führt, das auf Teilerfolgen beruht, oder zumindest zu einer Sichtbarkeit, die uns Grund gibt, an die Stärke der Bewegung zu glauben. Genau darum geht es beim Aufruf zum Generalstreik. Für den 5. November wurde ein branchenübergreifender Aktionstag ausgerufen: Es geht nun darum, dass die Lohnabhängigen dieses Landes nicht nur Zuschauer:innen des Geschehens sind; dass sie nicht durch die Situation gelähmt werden, zumal noch viel Ungewissheit besteht.
Es ist von Todesfällen im Zusammenhang mit den Demonstrationen die Rede, ohne dass es dafür eine vollständige Erklärung gibt; es werden Zeug:innennaussagen, Thesen und Hypothesen geäußert, aber hierin zeigt sich bereits die Tragweite. Wir stehen also erst am Anfang, und wir sind natürlich gespannt darauf, was die Zukunft für uns bereithalten wird, auch wenn wir andererseits extrem – wie soll ich sagen? – von der aktuellen politischen Unruhe bedrückt sind, weil wir sehen, dass sich alle Zutaten dieser Zeit, dieser schrecklichen Zeit, in der wir leben, wieder zusammenfinden.
Referenzen
Das Interview von Stéfanie Prezioso mit Olivier Besancenot erschien am 20. Oktober 2026 in der Online-Zeitschrift marx21.ch.
Übersetzung: Christian Zeller
Bildquelle: basierend auf marx21.ch
[1] Die größte Gewerkschaft CGT hat am 21. Oktober zum Generalstreik am 5. November aufgerufen (Red. emanzipation)
[2] In Frankreich war der „Contrat première embauche“ (CPE) von 2006 eine Form des unbefristeten Arbeitsvertrags für Personen unter 26 Jahren, die in Artikel 8 des sogenannten „Gesetzes zur Chancengleichheit“ vorgesehen war. Doch gegen dieses Gesetz entstand eine sehr breite nationale Protestbewegung, vor allem unter der Jugend, die aber von den Gewerkschaften unterstützt wurde. Die Regierung Villepin unter Präsident Chirac musste das Gesetz zurückziehen. (Red. Emanzipation)
[3] Daniel Bensaïd (1946-2010) war einer der bekanntesten Aktivisten der Mai 68 Bewegung. Er war lange Zeit Leitungsmitglied der LCR (Ligue Communiste Révolutionnaire), undogmatischer marxistischer Philosoph und Autor zahlreicher Bücher, in denen er sowohl gegen einen dogmatischen Marxismus als gegen den Postmodernismus argumentierte.
