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Die russische Vollinvasion in der Ukraine geht ins fünfte Jahr. Das nehme ich zum Anlass, um auf einen Aspekt hinzuweisen, über den wir grundsätzlicher nachdenken müssen. Warum akzeptiert die russische Gesellschaft ihre eigenen unermesslichen Verluste?
Diese Verluste sind größer als die Verluste aller Staaten, die seit dem Zweiten Weltkrieg einen Angriffskrieg im Ausland führten. Allenfalls die irakischen Verluste im Ersten Golfkrieg kommen in eine ähnliche Größenordnung; selbst die äthiopischen Verluste im Krieg mit Eritrea von 1998–2000 lagen deutlich darunter. Was bedeutet das? Wie gehen wir damit um?
Im Angesicht der russischen Panzer und Bombardierungen empfahlen die Regierungen der USA und Großbritanniens dem ukrainischen Präsidenten Zelenskyj am 24. Februar 2022, das Land zu verlassen und eine Exilregierung zu bilden. Der deutsche Bundesnachrichtendienst erwartete die unmittelbare Kapitulation der ukrainischen Regierung [1]. Unzählige Politiker:innen und selbsternannte Fachleute fast durch alle politischen Lager hindurch gaben der Ukraine keine Chancen und prophezeiten (und erhofften?) ihre rasche Niederlage. Widerstand gegen die größte Atommacht sei zwecklos. Es kam anders. Der entscheidende Grund hierfür, waren nicht die Waffenlieferungen, die anfänglich bescheiden waren, sondern der Widerstandswille der ukrainischen Bevölkerung.
Der zunächst chaotische ukrainische Widerstand organisierte sich und zwang die russischen Truppen zum Rückzug. Seither rollt im Osten und Süden des Landes Angriffswelle für Angriffswelle auf die immer stärker ausgebauten Verteidigungsstellungen. Die Verluste für die russischen Invasionstruppen steigen ins Unermessliche. Die Ukrainer:innen weichen leicht zurück, halten stand und haben sich mittlerweile sogar die Fähigkeit angeeignet begrenzte Gegenangriffe durchzuführen. Zur Überraschung aller leisten die Ukrainer:innen trotz Entbehrungen und der Zerstörung ganzer Städte weiterhin Widerstand.
Gemäß einer Studie des CSIS [2] presste die Putin-Diktatur bislang um die 325.000 Soldat:innen durch den Fleischwolf der ukrainischen Verteidiger:innen. Diese Zahl beruht auf eigenen Auswertungen westlicher Geheimdienst- und Militärquellen.Mediazona und BBC verfolgen einen anderen Ansatz: Sie werten öffentlich zugängliche russische Quellen aus und erfassen namentlich bestätigte Todesfälle. Auf dieser Basis konnten sie bis zum 24. Februar 2026 insgesamt 200.186 Gefallene verifizieren [3]. Zusätzlich nehmen sie auf Grundlage von Nachlassregistern für den Stand 29. August 2025 auf eine geschätzte Gesamtzahl von rund 219.000 Toten. Die Dunkelziffer ist riesig. Das heißt die Schätzungen des CSIS von weit über 300.000 gefallenen russischen Soldat:innen sind durchaus realistisch. Die russischen Verluste haben sich in den letzten Monaten verstärkt. Russland verliert derzeit monatlich um die 35.000 Soldat:innen (Verluste umfassen getötete, verwundete und vermisste Soldat:innen) [4]. Die ukrainische Verteidigung hat einen Wall aus Drohnen errichtet, der die Invasoren in einer Todeszone von bis zu dreißig Kilometern systematisch eliminiert.
Auf ukrainischer Seite sollen 140.000 Soldat:innen gefallen sein. Die Invasionstruppen töteten laut Zählungen des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte (OHCHR) bis zum 31. Januar 2026 zudem mindestens 15.172 Zivilpersonen [5]. Diese Zahl umfasst nur die wirklich bestätigten Opfer. Die tatsächliche Opferzahl ist viel höher. Es gibt Schätzungen, dass die russischen Truppen 2022 alleine im Zuge der Zerstörung und Besetzung von Mariupol mindestens 25.000 Zivilpersonen getötet haben [6]. Seit Donald Trump die US-Präsidentschaft übernommen hat, ist die Zahl der zivilen Opfer in der Ukraine massiv angestiegen, weil die ukrainische Flugabwehr aufgrund der fehlenden Lieferungen von Munition und Abwehrsystemen immer löchriger wird. Trump macht das, was die deutsche Friedensbewegung fordert. Die USA liefern seit März 2025 keine Waffen mehr an die Ukraine und verhandeln mit Putin. Resultat: Die ukrainische Bevölkerung kann sich noch weniger schützen, der Krieg geht mit noch größerer Härte weiter. Die russische Führung will die ukrainische Bevölkerung systematisch zermürben und zur Aufgabe des zwingen. Das ist das Ziel des Bomben- und Raketenterrors gegen die ukrainischen Städte und insbesondere die Energieinfrastruktur, ganz besonders während einer langen Kältewelle wie im Januar und Februar mit Minusgraden von um -15° C. Das zaristisch-faschistische Regime [7] im Kreml akzeptiert keine unabhängige und einigermaßen demokratische Ukraine. Das ist der zentrale Grund für Russlands Krieg gegen die ukrainische Bevölkerung.
Die wahrscheinlich über 300.000 toten russischen Soldat:innen und insgesamt rund 1,2 Millionen Verluste (Getötete, Verwundete, Vermisste) seit Beginn der Vollinvasion stellen uns vor eine weitreichende Frage: Seit dem Zweiten Weltkrieg erlitt kein anderer Staat als Aggressor in einem anderen Land auch nur annähernd so große Verluste. Um die Dimensionen zu verdeutlichen, ist ein kurzer Blick zurück sinnvoll. Die ehemalige UdSSR bezahlte die Besatzung Afghanistans 1979 bis 1989 mit 14.000 bis 16.000 toten Soldat:innen. Der Krieg war unpopulär in der UdSSR. Die Opfer wurden politisch nicht mehr tragbar. Die noch herrschende Bürokratie musste den Rückzug antreten und stürzte kurze Zeit später. Für die beiden Kriege gegen die tschetschenische Bevölkerung 1994 bis 1996 und 1999 bis 2009 opferte die russische Führung 12.000 bis 15.000 Soldat:innen. Zur Erinnerung: 669 eigene Soldat:innen fielen, als die UdSSR 1956 den ungarischen Volksaufstand niederschlug.
Gefallene Soldat:innen der UdSSR und von Russland
| Krieg im Ausland | Jahre | Getöte Soldat:innen |
| Ungarn | 1956 | 669 |
| Afghanistan | 1979–1989 | 14.000–16.000 |
| Tschetschenien | 1994–1996 und 1999–2009 | 12.000 – 15.000 |
| Ukraine | 2022–2025 | 200.186 / 320.000 |
Zahlen zusammengestellt nach Quellen in Fußnoten 2 und 3.
Die USA schickten bei ihren Feldzügen in Korea ca. 36.600, in Vietnam rund 58.000, im Golfkrieg 1991 etwa 1.565, in Afghanistan 2.350 und in Irak 4.419 eigene Soldat:innen in den Tod. Die gesellschaftliche Opposition gegen die Feldzüge in Vietnam und Irak wurde so groß, dass die USA ihre Truppen abziehen mussten. Vergessen wir nicht, dass nach ihrer Dienstzeit in Vietnam mehr Veteran:innen Selbstmord begingen als dort gefallen waren. Auch nach den anderen Kriegen brachten sich viele Veteran:innen um, weil sie ihre traumatischen Erlebnisse nicht mehr loswurden.
Gefallene Soldat:innen der USA
| Krieg im Ausland | Jahre | Getötete Soldat:innen |
| Korea | 1950–53 | 36.600 |
| Vietnam | 1961–1975 | 58.000 (1968: 16 600) |
| Golf / Irak | 1991 | 1.565 |
| Afghanistan | 2001–2014 | 2.350 |
| Irak | 2004–2010 | 4.419 |
| Afghanistan | 2001–2014 | 2.350 |
Zahlen zusammengestellt nach Fußnoten [8], [9], [10]
Diese Zahlen werfen eine Frage großer Tragweite zur Entwicklung der russischen Gesellschaft und des Herrschaftssystems in Russland auf. Wie funktioniert eine Gesellschaft, die ohne relevante Opposition akzeptiert, dass die eigene Regierung innert kurzer Zeit mehrere Hunderttausend Bürger:innen in einem Besatzungskrieg außerhalb des eigenen Landes buchstäblich in den Fleischwolf wirft? Nie mehr seit dem Zweiten Weltkrieg nahmen eine Staatsführung und letztlich eine Gesellschaft derartige Opferzahlen in einem Angriffskrieg außerhalb des eigenen Staates in Kauf. Nur die japanischen Verluste in China und die deutschen Verluste in den Gebieten der damaligen UdSSR waren größer. Offensichtlich haben mehrere Jahrzehnte stalinistische Diktatur und Atomisierung der Gesellschaft, ein Jahrzehnt neoliberales Chaos und zwei Jahrzehnte Wegstrecke in eine neozaristische und faschistische Diktatur die russische Gesellschaft zerschlissen. Das Putin-Regime schafft es, viele Soldat:innen in peripheren Regionen und unter unterdrückten Nationalitäten innerhalb des riesigen russischen Reiches mit attraktiven finanziellen Anreizen zu rekrutieren. Angehörige der städtischen, relativ wohlhabenden Mittelklassen wurden kaum mobilisiert. Aufgrund der Kriegskonjunktur und dem Exodus vieler junger Menschen im Jahr 2022 ist der Arbeitsmarkt angespannt und die Löhne sind gestiegen. Hochqualifizierte Fachkräfte konnten ihre gesellschaftliche und materielle Situation in den letzten Jahren verbessern [11]. Das Regime versteht es, die sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen im riesigen Reich zu nutzen. Relevant ist eine starke ideologische Komponente. Die Kontrolle der Ukraine scheint ein zentraler Bestandteil einer spezifischen Form russischer Identität zu sein, die das Regime systematisch schafft [12]. Doch es gibt Anzeichen dafür, dass die Zustimmung potenziell brüchig und heterogen ist [13]. Das Regime hat die Gesellschaft militarisiert. In den für Russland erfolgreichen Phasen des Kriegs stieg die Zustimmung zu diesem. Militärische Schwächen waren eher Anlass für Desillusionierung. Die Repression ist umfassend und reicht bis in die kleinste Ritzen der Gesellschaft. Banale Formen der Meinungsäußerung können bereits lange Haftstrafen und Deportation zur Folge haben. Große Teile der liberalen und linken Opposition haben das Land verlassen und können keine Kristallisationskerne für breitere Unmutsäußerungen bilden. Doch letztlich bleiben diese Erklärungen ungenügend und unbefriedigend.
Ein Herrschaftssystem, das sich einen dermaßen riesigen Verschleiß eigener menschlicher Fähigkeiten erlauben kann, geht naheliegenderweise auch mit unermesslicher Brutalität gegen die gegnerischen Bevölkerungen vor. Das mussten die Menschen in Tschetschenien und Syrien tragisch erleiden und das macht seit vier Jahren die Bevölkerung der Ukraine durch. Die Dynamik des Krieges und die Lethargie der russischen Gesellschaft deuten darauf hin, dass nur im Zuge einer substanziellen militärischen und wirtschaftlichen Schwächung des Herrschaftssystems durch die Ukraine sich ein Fenster und innere Spaltungen im Herrschaftsgefüge auftun, die es einer Massenbewegung ermöglichen würde, das Regime zu stürzen. Allerdings ist anzunehmen, dass dieses seine Macht mit allen verfügbaren Mitteln verteidigen wird. Wenn sich in Russland eine neue Form faschistischer Herrschaft durchgesetzt hat, die das Erbe des Zarismus mit neuen Herrschaftstechniken verbindet, dann heißt das konsequenterweise, dass jede Form der „Entspannungspolitik“, Akzeptanz „legitimer Sicherheitsinteressen“ und von Einflusssphären aus einer emanzipatorischen und sozialistischen Perspektive zurückzuweisen sind.
Referenzen
[1] Gloger, Katja und Mascolo, Georg (2025): Das Versagen. Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik. Berlin: Ullstein, S. 391
[2] Jones, Seth G. und McCabe, Riley (2026): Russia’s Grinding War in Ukraine. Massive Losses and Tiny Gains for a Declining Power; CSIS Briefs, January 27, 2026, Center for Strategic and International Studies: Washington, DC, 16 S. https://csis-website-prod.s3.amazonaws.com/s3fs-public/2026-01/260127_Jones_War_Ukraine.pdf
[3] Mediazona / BBC:Russische Verluste im Krieg gegen die Ukraine. Aktualisierte Bilanz von Mediazona. 24. Februar 2026. https://zona.media/article/2026/02/24/verluste
[4] Jones, Seth G. und McCabe, Riley (2026): a.a.O, S. 3.
[5] Statista: Ukraine-Krieg: Tote und Verletzte in der ukrainischen Zivilbevölkerung laut Zählungen¹ der UN
(Stand: 31. Januar 2026) https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1297855/umfrage/anzahl-der-zivilen-opfer-durch-ukraine-krieg/
[6] Serhiy Kudelia: Seize the City, Undo the State. The Inception of Russia’s War on Ukraine. Oxford University Press, Oxford 2025.
[7] Im Anschluss an die Überlegungen von Ilya Budraitski denke ich, dass der Begriff „zaristisch-faschistisch“ sowohl die Besonderheiten als auch allgemeine Charakteristiken des Herrschaftssystems in Russland einigermaßen angemessen kennzeichnet. Budraitskis, Ilya (2022): Putinismus: Eine neue Form von Faschismus. emanzipation 6 (2), S. 73–93. https://emanzipation.org/2022/11/putinismus-eine-neue-form-von-faschismus/; Budraitskis, Ilya (2023): Dieses Regime lässt sich nicht weiterentwickeln. emanzipation, 17. Mai 2023. https://emanzipation.org/2023/05/dieses-regime-laesst-sich-nicht-weiterentwickeln/; Budraitskis, Ilya und Schmid, Philipp (2025): Die Krise der liberalen Hegemonie führt zum Aufstieg der extremen Rechten. emanzipation 10 (1). https://emanzipation.org/2025/06/die-krise-der-liberalen-hegemonie-fuehrt-zum-aufstieg-der-extremen-rechten/
[8] Statista 2026: Anzahl der im Vietnamkrieg gefallenen US-Soldat:innen in den Jahren 1961 bis 1975 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/264176/umfrage/gefallene-us-soldaten-in-vietnam/
[9] Statista: Anzahl der in Kriegen und bewaffneten Konflikten gefallenen U.S. Soldat:innen seit dem Ersten Weltkrieg (Stand: 10. Juli 2025) https://de.statista.com/statistik/daten/studie/72801/umfrage/kriege-der-usa-nach-anzahl-der-soldaten-und-toten/
[10] Rolf Steininger: Der Vietnamkrieg. Bundeszentrale für politische Bildung. 21.10.2021 https://www.bpb.de/themen/nordamerika/usa/317398/der-vietnamkrieg/
[11] Solomon Petrov und Veronika Travina: Russia refracted. Open Democracy, 21 November 2025 https://www.opendemocracy.net/en/russia-ukraine-war-society-opinion-economic-winners-middle-class-putin/
[12] Andriy Movchan: Die fixe russische Idee. emanzipation, 2. März 2025 https://emanzipation.org/2026/03/die-fixe-russische-idee/
[13] Svetlana Erpyleva: Do Russians Rally Round the Flag? Support for Russia’s Full-Scale Invasion of Ukraine Among Russian Citizens. Demokratizatsiya: The Journal of Post-Soviet Democratization, Volume 32, Number 4, Fall 2024 pp. 309-333 https://muse.jhu.edu/pub/280/article/966145
