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Wie sehen die Menschen in Litauen die wachsende militärische Bedrohung durch Russland? Wie kann die lokale Linke den kulturellen Kolonialismus aus Ost und West überwinden? Die Soziologin Gražina Bielousova und Ilya Budraitskis diskutieren.
Ilya Budraitskis: Die russische und die belarussische Armee planen für September dieses Jahres ein gemeinsames Militärmanöver (West-2025) in Belarus. Obwohl Vertreter:innen der NATO und der Streitkräfte Litauens und Lettlands glauben, dass eine direkte Eskalationsgefahr von Seiten Russlands in diesem Jahr unwahrscheinlich ist, stellen diese Übungen einen neue Stufe dar, um Belarus zu einem wichtigen Sprungbrett für die russische Militärpräsenz an den Grenzen Litauens, Lettlands und Polens zu machen. Wie werden diese militärischen Bedrohungen heute in Litauen empfunden? Und inwieweit werden sie angesichts der sich vertiefenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den USA und der EU und den Zweifeln an der gegenseitigen Unterstützung innerhalb der NATO im Falle eines Angriffs auf kleine Länder wie die baltischen Staaten als Realität anerkannt?
Gražina Bielousova: Ich bin Soziologin und keine Sicherheitsexpertin, daher ist meine Sicht der Dinge die einer Anthropologin und Soziologin, die versucht, die Region von unten zu verstehen, anstatt diese Makroprozesse zu analysieren. Auf die Frage „Wie werden diese militärischen Übungen von der Basis der Gesellschaft empfunden?“ lautet die kurze Antwort: akut. Ich glaube nicht, dass irgendjemand die Bedeutung dessen, was hier geschieht, unterschätzt. Aber eines der wichtigsten Dinge, die wir erkennen müssen, ist, dass wenn wir den breiteren Kontext betrachten, sich Aktionen, die als Aggression seitens Russlands und Belarus wahrgenommen werden können, mindestens wöchentlich wiederholen – von Manövern in der Ostsee über Luftraumverletzungen bis hin zum Stören von GPS-Signalen. Es handelt sich um eine Kette von wiederholten Verstößen, die im öffentlichen Raum, [auch] im [medialen] Raum stattfinden. Ich befürchte unter anderem, dass aufgrund dieser wiederholten Störungen, wenn wir sie so nennen wollen, große Dinge wie geplante Militärübungen manchmal vom Lärm kleinerer Verstöße übertönt werden.
Ich denke, eine der wichtigsten Veränderungen für Litauen, die sich seit dem ersten Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2014 vollzogen hat, ist unsere Behandlung von Belarus. Vorher wurde Belarus als verrückter, unbequemer Nachbar betrachtet, mit dem wir Geschäfte machen können. Das heißt, manchmal wurde es als ein exotisches Reiseziele für eine Art „dunklen Tourismus“ betrachtet, ein schauriges Ziel für Sowjetnostalgie, aber auch als Partner für große Unternehmen, insbesondere für Düngemittel, vor allem Kali, Transport und Export. Ein wichtiger Aspekt ist, dass man ein gewisses Risiko eingeht [wenn man in Belarus Geschäfte macht], aber der Gewinn aus diesem Risiko überwiegt bei weitem die Risiken, vor allem wenn man an das Hafengeschäft denkt. Es gibt eine erstaunliche Menge belarussischer Produkte, die über Klaipėda [litauische Hafenstadt, Anm. d. Red.] exportiert werden.
Das beginnt sich also zu ändern, denke ich, Politiker:innen und die breite Öffentlichkeit nehmen Belarus inzwischen ernster, da es zunehmend als Bedrohung gesehen wird. Die Militärübungen wie die, von der Sie sprechen, weisen auf genau dasselbe hin: Wir können uns nicht länger damit trösten, dass die belarussische Armee veraltet ist oder was auch immer, denn wir wissen, dass nicht nur belarussische Streitkräfte, nicht nur belarussische Waffen, nicht nur belarussische Maschinen in Belarus stationiert sind oder durch Belarus bewegt werden. Und natürlich gibt es Gespräche über die Suwałki-Lücke [eine strategisch wichtige Region an der Grenze zwischen Polen und Litauen, die Russland und Belarus voneinander trennt, zugleich die einzige Landverbindung der baltischen Staaten zu den übrigen NATO-Mitgliedsstaaten darstellt, Anm. d. Red.]. Ich denke, dass die Bedrohung durch Belarus durch die Bedrohung durch Kaliningrad vervielfacht wird, denn es ist genau diese Art von gefährlicher Einschließung, die wir fürchten. Aber das geht über Lettland, Litauen und Polen hinaus, obwohl es in erster Linie Litauen und Polen betrifft.
Die andere Sache, die die Öffentlichkeit erlebt hat, noch vor der vollständigen Invasion in der Ukraine, ist, dass Belarus als eine Art Drehscheibe benutzt werden kann, zum Beispiel während der künstlich geschaffenen Migrant:innenkrise an der litauischen Grenze im Jahr 2021. Und ich sage dies mit vollem Mitgefühl für die Menschen, denen vorgegaukelt wurde, dass es für sie eine Möglichkeit gibt, Zugang zur EU zu erhalten, denn diese Menschen werden von mehreren Seiten zum Opfer gemacht.
Wenn wir die Makroprozesse betrachten, sehen wir, dass Belarus vom russischen Regime benutzt wurde, um die Spannungen zu erhöhen und die Art von Bedingungen zu schaffen, die es ermöglichten, Litauen und Polen mit den bekannten Symbolen von Faschismus, extremem Nationalismus, Rassismus und was auch immer zu überziehen. Ich denke, in dieser Hinsicht sehen wir eine Kontinuität, die aber aggressiver wird. [Was die Beziehungen Litauens zur NATO und zur EU betrifft], so ist das kompliziert. Ich denke, was wir jetzt sehen, ist ein Umgang mit neuen Unsicherheiten. Vor der Wahl von Präsident Trump im Jahr 2024 hieß es, Europa sei keine verlässliche Partnerin in Sachen Verteidigung, vor allem, weil Länder wie Frankreich, Spanien oder Italien zögerten, selbst die geforderte Schwelle von 2 % des BIP für die Verteidigung einzuhalten. Und es gab dieses ausdrückliche Vertrauen in die USA als militärische Partnerin, auf die wir uns verlassen können, falls wir den Artikel 5 der NATO in Anspruch nehmen müssen, und die Förderung dieses Vertrauens. Im Rathaus von Vilnius gibt es sogar eine Gedenktafel, die an den Besuch von Präsident George W. Bush im Jahr 2002 erinnert, mit diesem Zitat: „Wer Litauen zum Feind hat, hat sich auch die USA zum Feind gemacht.“ Dieses Zitat erinnert an das Verständnis der USA als Garant für die Sicherheit in der Region. Nun, das ändert sich jetzt: Das soll nicht heißen, dass Litauen oder Lettland nicht auf die Unterstützung der USA zählen, aber es ist ein viel vorsichtigerer und kalkulierter Ansatz, der sich hin zu einem Aufbau von Bündnissen und Allianzen in Europa verlagert.
So haben wir in den letzten Monaten neben einer deutschen Waffenfabrik auch die Einrichtung einer ständigen Militärbasis für deutsche Truppen in Litauen erlebt. Das ist eine neue Entwicklung, die nicht als irgendwie übertrieben angesehen wird. Sie wird als eine sehr begrüßenswerte und notwendige Entwicklung angesehen, auch wenn [Fragen der] Umwelt und andere Dinge auftreten, wenn es darum geht, wo genau die Militärbasis sein sollte.
Ilya Budraitskis: Angesichts all dieser möglichen militärischen Bedrohungen von russischer oder belarussischer Seite und der steigenden Militärausgaben; die Forderungen der französischen oder deutschen Regierungschefs nach einer Aufstockung der Militärausgaben stoßen bei einem großen Teil ihrer Gesellschaft(en) auf Ablehnung. Auch linke Kräfte in diesen Ländern (wie Die Linke oder Mélenchons La France Insoumise) lehnen die Militarisierung der Wirtschaft und die unvermeidlichen Kürzungen der Sozialausgaben entschieden ab. Braucht es heute eine solidarische Position zwischen der Linken in Ost- und Westeuropa? Ist eine solche gemeinsame Position prinzipiell möglich, und wie würde sie Ihrer Meinung nach aussehen?
Gražina Bielousova: Ich denke, dass wir über grundlegend unterschiedliche Auffassungen davon sprechen, was die Linke im Westen und im Osten ist. Wir müssen hier eine kleine Brücke schlagen. Wenn wir davon ausgehen, dass die Kernüberzeugung linker politischer Parteien das explizit oder implizit zum Ausdruck gebrachte Klassenbewusstsein ist, dann ist das eines der verbindenden Elemente zwischen Ost und West. Dann stellt sich die Frage: „Wie schützen wir [insbesondere] die Interessen der Arbeiter:innenklasse, obwohl die Arbeiter:innenklasse selbst als Kategorie, als Konzept, irgendwie aus der Mode gekommen ist?“ Aber ich denke, da die Erfahrungen der Linken im Osten und im Westen sehr unterschiedlich sind, muss es eine Art Dialog geben, aber es ist kein einfacher Dialog.
Ich denke, dass der Widerstand gegen die Militarisierung der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Haushalte ein durchaus verständliches Anliegen ist. Ich glaube nicht, dass dies das Idealszenario für irgendjemanden ist. Eine Erhöhung des Militärhaushalts bedeutet zwangsläufig soziale Einschnitte oder steigende Steuern. Und steigende Steuern treffen letztlich die Verbraucher:innen, denn die Wirtschaft kann nur selten die Kosten einer Steuererhöhung auffangen. Wenn die Steuern erhöht werden, steigt der Endpreis, den die:der Verbraucher:in zahlt. Diese Bedenken werden von der Linken in Ost und West geteilt.
Und hier kommt der entscheidende Unterschied ins Spiel. Der Hauptunterschied ist folgender: Im Osten (auch wenn wir den Osten als Konzept nicht mögen – wir wären gerne Nordeuropa –, aber lassen Sie uns diese Kategorien vorerst verwenden), in Litauen, in Lettland, in Polen und in Estland, gibt es ein Verständnis, eine gefühlte, existenzielle Bedrohung, dass wir ein Gespräch darüber führen müssen, wo und wie wir diese Erhöhungen der Militärausgaben finanzieren werden. Aber es besteht ein Konsens darüber, dass dies geschehen muss, dass wir nicht so weitermachen können wie bisher, und dass es möglicherweise Verhandlungen geben muss. In Litauen zum Beispiel geht es bei den aktuellen Gesprächen, die allerdings nicht sehr gut geführt werden, um das neu vorgeschlagene Gesetz zur Einführung einer Immobiliensteuer. Dieser Vorschlag wurde durch schlechte Kommunikation seitens der Regierungskoalition verpfuscht, so dass ich nicht sicher bin, wie es weitergehen wird. Aber insgesamt geht es in der Politik vielleicht um die Frage: „Wie viel müssen wir für die Verteidigung ausgeben? Wie würde das aussehen? Was würden wir opfern?“, und nicht, ob dies geschehen muss oder nicht.
Ich denke, dass zum Beispiel in Frankreich oder in Deutschland, in den Niederlanden, in Belgien die Bedrohung durch eine russische Invasion nicht als so unmittelbar empfunden wird, sie wird nicht als so existenziell empfunden, so dass die Bereitschaft, sich auf dieselbe Diskussion einzulassen, weniger groß ist. Die derzeitige westliche Linke hat aus der Geschichte eine antimilitaristische, antiimperialistische Haltung geerbt, denn im Westen bedeutete Militarisierung in der Regel den Export von Blutvergießen in die Entwicklungsländer. Verständlicherweise gibt es Schuldgefühle wegen dieser Kompliz:innenschaft, denn um Beispiele dafür zu finden, müssen wir gar nicht so weit in die Geschichte zurückblicken. Wir müssen nicht einmal so weit zurückblicken wie in den Kongo oder nach Algerien – wir können uns zum Beispiel Afghanistan und den Irak ansehen. Es ist also nur natürlich, dass die westliche Linke zögert, die Militärausgaben zu erhöhen.
Ilya Budraitskis: Man kann also sagen, dass die Diskussion über unterschiedliche Wege zur Aufrüstung zwischen der Linken im Osten und im Westen Europas wirklich notwendig ist.
Gražina Bielousova: Wie können wir solche radikal unterschiedlichen Erfahrungen überhaupt überbrücken? Vor allem, weil die Linke im Westen die Erfahrungen der Linken im Osten nur sehr schlecht anhören und respektieren kann. Es gibt immer noch politische Hierarchien, die unsere Beziehung bestimmen. So sehr die westliche Linke glaubt, antiimperialistisch, antikolonial oder antihegemonial zu sein, wenn es um ihre eigenen Kolonien und die deutlich sichtbare koloniale Geschichte und die offensichtliche Rationalisierung geht, so wenig hat sich das auf ihr Verhältnis zu Osteuropa übertragen.
Das Verhältnis zwischen dem Osten und dem Westen Europas ist sehr hierarchisch. Es gibt Erklärungen, die sogar von linken Feministinnen abgegeben werden, wie z. B. die nach der vollständigen Invasion in der Ukraine, von westlichen und globalen linken Feministinnen über die Ukraine, die die Militarisierung oder was auch immer verurteilen, ohne dass eine einzige Person aus der Ukraine darin vorkommt. Und das ist leider auch die Erfahrung des europäischen Ostens: Es gibt Gespräche über uns, die uns nicht einbeziehen. Wir führen also diese Gespräche zwischen den Linken des europäischen Ostens und Westens in der Hoffnung, dass die europäischen Hierarchien, die ein gegenseitiges Verständnis verhindern, anerkannt werden.
Ilya Budraitskis: Könnten wir also sagen, dass die Unterscheidung zwischen Ost- und Westeuropa immer noch besteht, in dem Sinne, dass Osteuropa nicht das „wahre“ Europa ist, dass es aus der Diskussion, aus dem europäischen Erbe und insbesondere aus der europäischen Linken und den Befreiungsbewegungen herausgelassen wurde? Es muss also eine Brücke zwischen diesen beiden Erfahrungen geschlagen werden.
Gražina Bielousova: Ja, auf jeden Fall, denn wir sind zu weiß, um in die antikolonialen, antiimperialen Gespräche einbezogen zu werden, und gleichzeitig sind wir zu „rückständig“, wir sind nicht europäisch genug, um in die europäischen Diskussionen einbezogen zu werden. Es ist nicht mehr der Begriff, den wir verwenden, aber wir sind diese „zweite Welt“, die nicht benannt und daher nicht theoretisiert und nicht erklärt wird.
Ilya Budraitskis: Das steht in direktem Zusammenhang mit der halbkolonialen Stellung Osteuropas innerhalb der EU.
Gražina Bielousova: 100 %.
Ilja Budraitskis: Im April dieses Jahres wurde im Kaliningrader Gebiet das Buch „Geschichte Litauens“ vorgestellt, das von einem Kollektiv russischer Propagandisten geschrieben wurde und mit einem Vorwort des russischen Außenministers Lawrow beginnt. Die Darstellung unterscheidet sich nicht wesentlich von der ideologischen Rechtfertigung des Einmarsches in die Ukraine (insbesondere derjenigen, die Putin in seinem zentralen Artikel vom Sommer 2021 verwendete). So wird Litauen fast ausdrücklich zu einem „künstlichen Staat“ erklärt, dessen „fiktive“ Unabhängigkeit in verschiedenen historischen Perioden des 20. Jahrhunderts vom „kollektiven Westen“ ausschließlich als Druckmittel gegen Russland unterstützt wurde. Gleichzeitig wird in dem Buch argumentiert, dass die Litauer:innen nur unter der Herrschaft des Russischen Reiches und später als Teil der UdSSR in der Lage waren, ihre Identität und Sprache vor dem dominierenden polnischen Einfluss zu bewahren. Kann man sagen, dass solche Narrative in der litauischen Gesellschaft Unterstützung finden, oder werden sie lediglich als russische Propaganda ohne historische Belege wahrgenommen? Und was können Sie zu diesem Narrativ im Allgemeinen sagen?
Gražina Bielousova: Es handelt sich um eine Erzählung, die wir schon einmal gehört haben, denn in vielerlei Hinsicht wird die litauische Geschichte seit der Stalinzeit so erzählt. Und ich denke, was besonders wichtig ist, ist die Renaissance der Idee eines hegemonialen Polens, das versucht hat, Litauen zu erobern, so dass es eine Bedrohung für die litauische nationale Identität darstellt. Ich denke, dass das kein Zufall ist, denn Polen hat mehrfach seine Zusage bekräftigt, Litauen militärisch zu verteidigen, wenn wir angegriffen werden. Polen war eine der Partnerinnen Litauens, zum Beispiel bei den Verhandlungen über den Beitritt zur EU und zur NATO. Ich denke also, dass der Versuch, die litauisch-polnischen Beziehungen als historisch antagonistisch darzustellen, nicht zufällig ist. Dieses Narrativ wurde auch in der Region Vilnius verwendet, um während der Sowjetjahre ethnischen Hass zu schüren.
Die eigentliche Frage ist, ob dieses Narrativ in Litauen ein Publikum finden kann. Ich denke, dass es in Litauen nur ein kleines Publikum gibt, das bereits implizit oder explizit an die Minderwertigkeit Litauens im Vergleich zu Russland glaubt. Das ist die russische Minderheit, die sich seit dem Zerfall der Sowjetunion entrechtet fühlt. Diese Menschen gehören in der Regel der älteren Generation an, aber es sind auch jene, die selbst oder deren Familien in der litauischen Übergangszeit zu den Verlierer:innen gehörten. Der Übergang von der Sowjetunion zur Marktwirtschaft und der Beitritt zu transnationalen Organisationen war ein Übergang, der mit hohen sozialen Kosten verbunden war. Die erste [potenzielle Zielgruppe] ist also die russische Minderheit; die zweite Gruppe sind die russifizierten Grenzlandbewohner:innen aus dem östlichen Teil des Landes. Diese Menschen haben ein gemischtes litauisch-polnisches Erbe. Vielleicht gibt es auch eine Gruppe, die ethnisch litauisch ist, aber russisch geprägte Ansichten vertritt, aber das ist eine sehr kleine Gruppe von Menschen.
Ich glaube nicht, dass die Öffentlichkeit in Litauen das Zielpublikum des Buches ist. Ich denke, dass die Tatsache, dass es in Kaliningrad veröffentlicht wurde, kein Zufall ist; es wurde nicht in Nowosibirsk veröffentlicht. Es wurde ganz bewusst in Kaliningrad herausgegeben, vorgestellt und diskutiert, weil diese Stadt, dieses Gebiet so nah ist. Es ist eine verborgene Drohung, ein Einschüchterungsversuch. Ich denke, dass sie dieses Narrativ an die breitere russischsprachige Welt verkaufen. Ich denke dabei vor allem an Belarus. Aber das ist eine Hypothese.
Ilya Budraitskis: Ich möchte auch über zwei andere Erzählstränge in diesem Buch sprechen: zum einen über die russische Minderheit, die „russophobe“ Haltung des litauischen Staates, zum anderen über das Erbe des Nationalsozialismus und die Kollaboration mit dem Nationalsozialismus. Ähnliche Erzählstränge wurden als wichtigste historische Begründung für die militärische Intervention in der Ukraine herangezogen. Was können Sie zu diesen beiden Themen in Bezug auf Litauen sagen?
Gražina Bielousova: Ich finde es sehr interessant, dass „Russophobie“ ein sehr gängiges Argument ist, das Russland überall an seinen Grenzen in jenen Ländern verwendet, die das Regime als seine Einflusssphäre betrachtet, von Moldawien bis Estland und vor allem in der Ukraine. Es positioniert sich damit als Verteidigerin der unterdrückten Menschen, insbesondere der russischsprachigen Minderheiten. Das Problem ist nur, dass die russischsprachige Minderheit in Litauen recht klein ist und dass es einen Teil von ihr gibt, der hier historische Wurzeln vor dem Zweiten Weltkrieg hat. Das sind die Altgläubigen, die aus dem Russischen Reich geflohen sind, wo sie verfolgt wurden. Sie sind auch jetzt nicht unbedingt die größten Fans Russlands. Es gibt also dieses Narrativ, und ich denke, wenn es ansprechend ist, dann ist das Publikum hier wahrscheinlich eine Minderheit der Minderheit.
Ich denke also, dass es sich um eine Erzählung handelt, die für die russischsprachige Welt im weiteren Sinne gedacht ist. Es ist die Konstruktion eines bestimmten Narrativs über diesen Raum, denn ich denke, für viele Russ:innen, insbesondere östlich des Uralgebirges, ist Litauen so unbekannt wie Lateinamerika oder das südliche Afrika. Sie haben wirklich kaum eine Vorstellung davon, was Litauen ist. Was die Frage nach dem Faschismus betrifft, so ist es wichtig zu wissen, dass dieses Wort im heutigen Sprachgebrauch in Russland zu einem verallgemeinerten Begriff geworden ist, der mehr oder weniger einfach „antirussisch“ bedeutet. Der Begriff ist so weit verbreitet, dass er zu einem fast leeren Signifikanten geworden ist. Gleichzeitig zielt er auf ungelöste historische Spannungen in Litauen ab. Ich beziehe mich auf unser Zögern, die volle Verantwortung für unsere Mitschuld und Beteiligung am Holocaust zu übernehmen.
Und das ist einer der wunden Punkte im Land, der sich leicht ausnutzen lässt, vor allem, wenn wir über das Phänomen der „reinen Opferrolle“ sprechen. Das litauische Volk war ein Opfer sowohl des faschistischen, als auch des sowjetischen Regimes, aber unsere Beteiligung am Holocaust nimmt uns die Möglichkeit, unsere Opferrolle, die reine Opferrolle der Unschuldigen, zu behaupten. Ich denke, dass wir dieses Phänomen auch auf dem Balkan beobachten können, wo die Beteiligung an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit bestimmten Gruppen die Möglichkeit nimmt, sich als Opfer zu bezeichnen und ihre Wunden zu heilen, die immer noch schmerzen, vor allem in Serbien. Dies ist ein altes Narrativ, aber seine Wiederauferstehung in einer politisch sensiblen Zeit, in der Litauen v. a. versucht, seine Position als vollwertiges europäisches Land zu behaupten, das es verdient, verteidigt zu werden, das es verdient, zu existieren, das es verdient, ein eigener Staat zu sein, ist sehr strategisch.
Ilya Budraitskis: In einem Ihrer Interviews erklären Sie, dass Russland für Litauen (und Osteuropa insgesamt) eine Kolonialmacht bleibt und eine klassische imperiale Expansion verkörpert. Es ist bekannt, dass die große Mehrheit der westlichen Linken im Gegensatz dazu sogar Putins heutiges Russland als eine Kraft darstellt, die dem westlichen Imperialismus widersteht. Außerdem wird oft argumentiert, dass die sowjetische Herrschaft genau das Gegenteil von Kolonialismus war, weil sie nicht auf ungleichem Austausch beruhte und die Modernisierung der nationalen Republiken förderte, auch durch die Entwicklung einer eigenen Version nationaler Kulturen, die in den supranationalen Rahmen eines pluralistischen „Sowjetvolkes“ integriert waren. Was würden Sie dagegen einwenden?
Gražina Bielousova: Um es ganz unverblümt zu sagen: Nur diejenigen, die die osteuropäische Geschichte nicht kennen, können solche Behauptungen über die Sowjetunion aufstellen, aber andererseits ist die Unkenntnis der Geschichte des europäischen Ostens oder des globalen Ostens ziemlich verbreitet. Das Narrativ von Russland oder der Sowjetunion als antikoloniale Macht, die eine säkulare, multiethnische Moderne verkörpert, hat mehrere Ursprünge. Ich gestehe, dass ich den Menschen, die kolonisiert wurden, viel mehr Sympathie entgegenbringe.
Die erste Gruppe sind jene Länder, die vom Westen kolonisiert wurden und denen Russland und/oder die Sowjetunion, je nach Zeitraum, im antikolonialen Kampf Unterstützung gewährten. Wir dürfen das nicht unterschätzen, denn wenn ein Land oder eine Volksgruppe versucht, unterdrückerische Regime zu stürzen, haben sie oft keine andere Wahl, und jede, die ihren Kampf unterstützt, ist eine Verbündete. Vor allem, wenn diese Verbündete eine große geopolitische Macht hat, wie es bei der Sowjetunion der Fall war. Ich denke da zum Beispiel an Länder wie Angola, in denen die brutalste Ausbeutung stattfindet. Ich möchte die Ausbeutung, die andere ehemalige Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent erfahren haben, nicht herunterspielen oder schmälern, aber Angola war im zwanzigsten Jahrhundert einer der brutalsten Fälle. Das Land wurde im antikolonialen Kampf von der Sowjetunion unterstützt. Es ist ganz klar, wo die Sympathien liegen, vor allem wenn man bedenkt, dass die Lebenserwartung in Angola aufgrund der Ausbildung, die angolanische Fachkräfte erhielten, und aufgrund der humanitären Hilfe wie Impfstoffe und Medikamente selbst inmitten des Bürger:innenkriegs drastisch gestiegen ist.
Die andere Gruppe von Menschen, die Russland/der Sowjetunion Sympathie entgegenbringen stammt nicht unbedingt aus Kolonien, sondern wurde im Westen rassifiziert, und ich denke hier insbesondere an schwarze Intellektuelle in den USA. Wir können über DuBois sprechen, der in den frühen 1960er Jahren die Sowjetunion besuchte, und heute wissen wir, dass das, was ihm gezeigt wurde, eine sehr gut inszenierte Version der UdSSR war. Aber für einen Menschen, der sein ganzes Leben lang nicht nur für gleiche Rechte, sondern für die grundlegenden Rechte der Menschen gegen den globalen Rassismus und den Hass auf Schwarze kämpfte, verkörperte das, was er sah, Hoffnung. Und diese Tradition wird mit Cornel West fortgesetzt, einem weiteren sehr einflussreichen schwarzen Intellektuellen, vor dem ich großen Respekt habe. Ich verstehe, woher das kommt. Ich verstehe – und stimme nicht zu. Und das ist der Grund, warum ich nicht zustimme: Weil ich denke, dass es sehr einfach ist, osteuropäische Behauptungen darüber, wie die UdSSR war und ob sie als Kolonialmacht fungierte und all das, abzutun, und es ist einfach, Osteuropäer:innen abzutun, weil wir zu weiß sind. Global gesehen haben wir immer noch Macht, wir sind immer noch in die Machtdynamik eingebettet, die durch das Weißsein vermittelt wird.
Und wenn wir zum Beispiel nach Zentralasien gehen, wird die Geschichte meiner Meinung nach viel kraftvoller und überzeugender erzählt. Es ist die gleiche Geschichte: Osteuropa wurde von der gleichen kolonialen Logik der UdSSR erfasst wie Zentralasien. Allerdings gab es in Zentralasien zusätzliche Dynamiken wie expliziten Rassismus und explizite Unterdrückung der Kultur.
Ilya Budraitskis: Ich möchte nur klarstellen: Okay, das Russische Reich war zweifellos eine Kraft der kolonialen Unterdrückung in seinem westlichen Teil, wie auch in den anderen Teilen. Aber es ist unmöglich zu leugnen, dass sich die UdSSR in vielerlei Hinsicht vom Russischen Reich unterschied. Was sind die Hauptmerkmale des sowjetischen Kolonialismus? Kann man sagen, dass es immer noch Kolonialismus war, aber in einer neuen Form, unter neuen historischen Umständen?
Gražina Bielousova: 100 %. Nun, an dieser Stelle würde ich gerne eine Unterscheidung zwischen Kolonialismus und Kolonisation treffen. Während es Merkmale des Kolonialismus gibt, wie administrative, militärische und wirtschaftliche Kontrolle, mögliche Einbindung in Regime, die nicht unserer eigenen Wahl entsprechen, gibt es auch eine Beherrschung des intellektuellen, kulturellen Raums, die mit der Kolonialisierung einhergeht.
Natürlich kann man von sorgfältig inszenierten und streng kontrollierten Ausdrucksformen nationaler Kulturen zu bestimmten Zeiten sprechen, aber diese Spektakel waren ein Mittel, um Menschen mit nationalem Gedächtnis unter sowjetische Kontrolle zu bringen. Wenn die Narrative aus Osteuropa nicht überzeugend genug sind, dann können wir noch einmal einen Blick auf Zentralasien werfen. Dort wurden beispielsweise Lehrbücher, insbesondere Universitätslehrbücher, absichtlich nicht in den lokalen Sprachen veröffentlicht, mit der Begründung, dass diese Sprachen für den künstlerischen oder wissenschaftlichen Ausdruck nicht geeignet seien. Das war die Vernichtung der lokalen Intellektuellen durch Russifizierung.
Wir dürfen aber auch nicht übersehen, dass die wirtschaftliche Ausbeutung auch in der Sowjetzeit weiterging, auch wenn sie schwieriger festzustellen war. Dennoch wurden lokale Ressourcen genutzt, um ein sowjetisches Projekt zu unterstützen, das sich auf Russland konzentrierte. Die Sowjetunion war ein russifizierter Raum, und das sowjetische Projekt, das sich auf ihn konzentrierte, war ein Projekt, das von der lokalen Wirtschaft und der lokalen Bevölkerung Ressourcen verlangte, um es aufrechtzuerhalten, ganz ähnlich wie imperiale Projekte Ressourcen verlangten.
Und all diese Gespräche über Urbanisierung, Elektrifizierung, Modernisierung… Ich meine, Großbritannien hat die Eisenbahnen in Indien gebaut; es sagt auch von sich, dass es die Kultur nach Indien gebracht hat, und das hat es auch. Aber wenn wir darüber reden, welche Art von Verbindungswegen sie gebaut haben, dann haben sie Eisenbahnen gebaut, die die natürlichen Ressourcen mit den Häfen verbunden haben, nicht die Art von Infrastruktur, die Städte verbindet, die Menschen mit Menschen verbindet, als Antwort auf die lokalen Bedürfnisse. In vielerlei Hinsicht waren die Modernisierungsprojekte, die im sowjetischen Raum durchgeführt wurden, Projekte, die nicht immer der lokalen Bevölkerung zugute kamen. Es waren Projekte, die diese Vorstellung von sowjetischer Modernität ohne Rücksicht auf lokale Kosten ausweiten und aufrechterhalten sollten.
Ich denke dabei vor allem an die Trockenlegung der Sümpfe und Moore in Litauen zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion, die zu einem unglaublichen Verlust an lokaler biologischer Vielfalt und wilden Lebensräumen führte.
Ilya Budraitskis: Sie würden also sagen, dass die UdSSR einen kolonialen Ansatz gegenüber den nationalen Republiken und insbesondere Litauen verfolgte, der jedoch einzigartige Merkmale aufwies?
Gražina Bielousova: Ja. Ganz genau. Sie funktionierte kolonial. Ich denke, die Sowjetisierung ist eine Art der Kolonisierung, die eine eigene Kategorie verdient, wenn das Sinn macht.
Ilya Budraitskis: Im heutigen Litauen wird die Linke, wie in den meisten osteuropäischen Ländern, politisch marginalisiert, vor allem weil sie weiterhin als Teil des sowjetischen Erbes wahrgenommen wird. Andererseits hatte jedes der Länder in der Region vor der sowjetischen Besatzung seine eigenen linken Traditionen, die in vielerlei Hinsicht in Vergessenheit geraten sind. Wie konstruiert die heutige Linke in der Region – und insbesondere in Litauen – ihre historische Kontinuität? Und wie sollte die Linke die Sowjetzeit in diesem Zusammenhang wahrnehmen?
Gražina Bielousova: Ich denke, eines der Dinge, die ich mir für die litauische Linke wünsche, ist es, eine Verbindung zu den linken Traditionen aus der Zeit vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, die hier ihren Ursprung haben, herzustellen und eine gewisse Kontinuitätslinie zu ziehen, die die UdSSR umgeht. Denn wir hatten linke Traditionen, wir hatten Arbeiter:innenorganisationen, wir hatten Arbeiter:innenstreiks, wir hatten Gewerkschaften, wir hatten viele der gleichen Merkmale, die man überall dort findet, wo man linkes politisches Denken findet.
Obwohl Litauen, vor allem vor dem Ersten Weltkrieg, in vielerlei Hinsicht agrarisch geprägt war, hatten wir in den Städten diese linke Tradition, die immer noch darauf wartet, wiedergewonnen zu werden; diese Geschichte wartet immer noch darauf, erzählt zu werden. Und ich denke, dass die litauische Linke hier eine Chance verpasst hat. In gewisser Weise liegt das daran, dass die wichtigsten linken Parteien nicht daran interessiert sind, ihre Legitimität auf diese Weise aufzubauen. Der Mainstream, d. h. die derzeitige sozialdemokratische Partei Litauens, hat in den Regionen viel Unterstützung und genießt diese Unterstützung, ohne ein historisches Erbe oder Legitimität aufbauen zu müssen. Und die neuen politischen Kräfte, die die neue Linke repräsentieren, sind dabei, sich selbst zu konstruieren und herauszufinden, wo sie in die lokale Landschaft passen.
Und ich hoffe und wünsche mir wirklich, dass einige von ihnen dies in die Tat umsetzen werden. Ich denke, dass dies eine Chance ist, die darauf wartet, realisiert zu werden, denn wir haben eine sehr reiche Tradition. Und dies waren nicht nur Arbeiter:innenorganisationen; es gab auch linke Politiker:innen, darunter Kazys Grinius, der letzte litauische Präsident vor dem rechten Militärputsch in den 1920er Jahren. Er war ein Linker. Und ich denke, dass dies die Geschichten sind, die noch darauf warten, erzählt zu werden, sowohl von den Linken selbst als auch von anderen in der allgemeinen Geschichtsschreibung.
Ilya Budraitskis: Inwieweit hat die Reaktion der westlichen Linken auf den Krieg in der Ukraine nach 2022 die Wahrnehmung ihres Ansatzes verändert? Und inwieweit müssen Osteuropa und insbesondere Litauen eine unkritische Akzeptanz ihres intellektuellen und politischen Erbes revidieren?
Gražina Bielousova: Als Wissenschaftlerin, die sich mit dem linken Feminismus in der Region beschäftigt, habe ich von den Frauen, die ich befrage, gelernt, was es bedeutet, sich zu engagieren, und ich würde sagen, dass dies für mich eine intellektuelle Wende bedeutet hat. Ob ich nun versuche, die Reproduktionsarbeit zu theoretisieren oder die Überschneidung von Geschlecht und Klasse, ich habe mich mehr der osteuropäischen intellektuellen Tradition und den linken Feministinnen hier zugewandt. Ich habe mich der polnischen, ukrainischen, litauischen und lettischen intellektuellen Tradition zugewandt. [Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden], in den Artikeln, die ich schreibe, Bibliographien zu erstellen und Lesungen für die Kurse, die ich gebe, zu kuratieren, die diese intellektuelle Tradition mit einbeziehen und ihr eine Stimme und Sichtbarkeit verleihen, weil ich unter anderem lerne, dass es Grenzen für die linke intellektuelle Tradition gibt, die aus dem Westen und dem globalen Süden stammt. Und wir zeigen diese Grenzen auf, wenn wir versuchen, sie anzuwenden, um die Situation in Osteuropa zu erklären.
Genauso wie zum Beispiel der weiße Feminismus an seine Grenzen stößt, wenn er auf Frauen of Color trifft. Es gibt also Dinge, die mit dem weißen Feminismus nicht theoretisiert werden können, wenn wir über Frauen of Color sprechen. Es gibt Dinge, die wir mit der westlichen linken Tradition nicht theoretisieren können, wenn wir nach Osteuropa kommen. Wenn also die Frage lautet: „Wer kann das theoretisieren?“, lautet die Antwort für mich: „Wir können es selbst theoretisieren.“
Ilya Budraitskis: Können Sie nur ein interessantes Beispiel für ein solches Erbe nennen?
Gražina Bielousova: Sicherlich. Ich beschäftige mich zum Beispiel mit der Reproduktionsarbeit von Frauen, d. h. mit all der unsichtbaren Arbeit, die Frauen leisten, einschließlich, aber nicht beschränkt auf die Kindererziehung. Jede Art von Arbeit, die produktive Arbeit möglich macht und die hauptsächlich von Frauen geleistet wird. Wir sprechen über die soziale Reproduktionstheorie, die typischerweise von jemandem wie Cinzia Arruzza oder Tithi Bhattacharya stammt. Und eines der Dinge, die ich lerne, ist, dass sie unseren Kontext nicht vollständig theoretisieren kann, weil wir eine andere Art von Erbe haben, weil wir, im Guten wie im Schlechten, die formale Gleichstellung der Geschlechter aus unserer sowjetischen Geschichte geerbt haben.
Sie hat ihre Grenzen, aber ihre Bedeutung kann nicht unterschätzt werden: volle politische Rechte, volle wirtschaftliche Rechte, all das. Sie hat also ganz andere Bedingungen geschaffen, die das Spielfeld verändert haben. Einige der Dinge, mit denen die Frauen hier zu kämpfen haben, sind nicht unbedingt Dinge, die westliche Feministinnen theoretisieren können.
Gleichzeitig entdeckte ich zum Beispiel jemanden wie Oksana Dutchak, eine ukrainische linke Feministin, deren Arbeit auf wunderbare Weise veranschaulicht, was es bedeutet, mit der Theorie der sozialen Reproduktion in diesem Kontext über diese Realitäten nachzudenken. Oder ich habe mich an Menschen wie Ewa Majewska und Magda Grabowska gewandt, um über die Lücken nachzudenken, die das sozialistische/kommunistische Erbe in der Region nicht füllen konnte. Sie alle helfen mir dabei, über solche Realitäten nachzudenken, wie die Ausbeutung durch westliche Unternehmen, die von der prekären Arbeit von Frauen in Bekleidungsfabriken schmarotzen, und so weiter und so fort.
Im Westen sind die Bedingungen für Frauen ganz anders: In der Schweiz beispielsweise hatten Frauen bis in die 70er Jahre hinein nicht die vollen politischen Rechte, oder die Renten von Frauen wurden absichtlich nicht zum vollen Satz berechnet wie die Renten von Männern. Das ist eine ganz andere Situation als die Frage: „Was tun Sie in einem Kontext, in dem diese formale Qualität vorhanden ist, aber es gibt Schlupflöcher und Realitäten, die immer noch nicht angegangen wurden?“
Referenzen
Der Artikel wurde ursprünglich auf posle.media, 11.06.2025, publiziert.
Deutsche Übersetzung: E. Gelinsky (Red. Emanzipation)
Bildquelle: Gesellschaft zwischen Ost und West, links und rechts. Foto einer Straßenkreuzung in Vilnius von Vesta Rugilė Nausėdaitė auf Unsplash
