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Der Sog des „Kalifats“ - Warum ziehen Hunderte von jungen Leuten in den „Djihad“?

Helmut Dahmer, Wien

Die vagen mittelalterlichen Berichte von einem „Kinder“-Kreuzzug und die Verdichtung dieser Überlieferung in Gestalt der Sage vom „Rattenfänger“, der eigentlich ein „Kinderfänger“ war, erinnern uns daran, dass der kamikazehafte Aufbruch Hunderter junger Männer aus den westlichen Wohlstandsoasen in den von islamistischen Sekten neuerlich ausgerufenen „Heiligen Krieg“ nicht etwas völlig Neuartiges ist. Jede junge Generation sucht sich den Zwängen von Elternhaus und Schule, Tradition und Arbeitswelt zu entziehen. Eine kleine, aktive Minderheit unter denen, die des Lebens, in das sie eingezwängt wurden, überdrüssig sind, wählt den Fluchtweg in die Fremde, dorthin, wo es Alternativen gibt oder zu geben scheint, ins Ausland, an die Fronten der Kriege und Bürgerkriege, zu Guerrilla- oder zu Söldnertruppen (wie der Fremdenlegion), in „befreite“ Gebiete oder in weltentlegene Meditationszentren (wie das indische Poona). Auch die Freiwilligen, die sich jetzt dem neuen „Islamischen Staat“ andienen, treibt das Missbehagen an ihrem Leben und an dessen Perspektiven und drängt sie zur Suche nach etwas ganz Anderem. Dies Andere vermuten sie bei den Antipoden, im exotischen Orient und in einer längst vergangenen Zeit, von der sie als einer besseren träumen und die sie mit aller Gewalt noch einmal vergegenwärtigen wollen. Orientierungslos suchen die kriegshungrigen Aussteiger ihr Heil in der Flucht, ahnungslos hinsichtlich dessen, was sie im kürzlich ausgerufenen, heiß umkämpften syrisch-irakischen Kalifat erwarten mag. Sie hoffen, es werde jedenfalls ein Kontrast sein zu allem, was sie kennen und verachten. Und je weniger sie von Salafismus und Krieg wissen, desto weiter spannt sich der Projektionsschirm über dem Lande des neuen Mahdi. Die vom Fernsehen beglaubigte Nachricht ihrer Freunde und Werber, dass es dort, nur ein paar tausend Kilometer weiter, bewaffnete Gruppen gibt, die nicht nur diesem oder jenem Regime den Kampf angesagt haben, sondern der westlichen Moderne überhaupt, elektrisiert die Wallfahrer. Haben doch die Djihadisten gerade dem von religiösen Einschränkungen entlasteten, konsumorientierten „westlichen“ Lebensstil den Kampf angesagt, der die künftigen Gotteskämpfer längst schon überfordert und bei dem sie (nicht zu den ein Prozent, sondern zu den 99 Prozent gehörend) nie recht mithalten konnten.

Dass Hunderte von jungen Leuten sich in das fatale Abenteuer des Dhihad stürzen, ist eine Defizitanzeige. Nach dem Scheitern (der Niederschlagung, dem „Verrat“ oder der Bürokratisierung) so vieler säkularer Aufstände und veritabler Revolutionen gegen den nationalen und internationalen Status quo erscheint dieser als „alternativlos“. (Dass er es in Wahrheit nicht ist, bezeugt das Mantra aller tonangebenden Politiker, er sei es…) Ist im Reich des Profanen keine Hoffnung mehr auf einen grundlegenden Wandel der Lebensverhältnisse, dann gewinnt die Sphäre des Sakralen wieder an Leuchtkraft. Darum beerben die „islamistischen“ Bünde und Sekten gegenwärtig die steckengebliebenen antikolonialen Befreiungsbewegungen und die säkularen Parteien und Regime, die aus ihnen hervorgingen, und darum fällt es frommen Fanatikern leicht, den Freiraum zu besetzen, den die antidespotischen arabischen Aufstände der letzten Jahre geschaffen haben.

Die Verheißungen, mit denen die Religionen eh und je die Erniedrigten und Beleidigten vertröstet haben, werden für Millionen von Menschen wieder aktuell. Neuerlich bauen sie auf ein imaginäres Jenseits, in dem die Letzten die Ersten sein werden, und Zehntausende versuchen, ein Reich Gottes auf Erden zu erkämpfen, in dem dieser oder jener Messias mit seinen Getreuen nicht erst in einer fernen Zukunft, sondern morgen schon in Gottesfurcht und in Freuden leben wird. Die neuen Kreuzfahrer reißen sich gewaltsam von einer Gesellschaft los, von deren Geschichte sie nichts wissen (wollen), deren Struktur und Dynamik sie nicht verstehen und in der es für sie keinen Platz außer dem am Rande gibt. Die neue Gottesarmee ist attraktiv: Fernsehbilder zeigen bewaffnete, hoch mobile Kampfgruppen unter schwarzen Fahnen, deren Vormarsch unaufhaltsam scheint. Die Regierungssoldaten laufen vor ihnen davon, und der Versuch, sie mit high-tech-Waffen zu stoppen (mit Bomben, Raketen, Marschflugkörpern) richtet einstweilen wenig aus. Die frommen Barbaren versetzen die ganze Welt in Furcht und Schrecken, weil sie (auch darin Nachkommen der bewaffneten Wallfahrer von vor tausend Jahren) vor keinem Terror, keiner Grausamkeit zurückschrecken und kein Opfer scheuen. Sie gehen aufs Ganze, um auf den Ruinen gescheiterter Staaten ein neues, transnationales Reich Gottes zu errichten.

Die Fahrt ins Kalifat ist eine Reise aus quälender Ungewissheit und Vieldeutigkeit zu manichäischer Gewissheit – die, für die (einzig) richtige Sache zu kämpfen. Und dieser Exodus verspricht eine unerhörte Nobilitierung: Wer gestern noch zu den Marginalisierten, zu den Herumgeschubsten gehörte, reiht sich morgen schon in die Schar der Auserwählten ein. Wer jahrelang Frustrationen in sich hineinfraß, kann endlich aufgestaute Aggressionen ausleben, wird zum Herrn über Leben und Tod aller „Ungläubigen“. Der Preis, der dafür zu zahlen ist – die selbstrepressive Adoption der asketischen Gruppen-Moral der Kämpfer und das Risiko, selbst verstümmelt oder getötet zu werden – erscheint den Flüchtlingen aus dem Westen nicht zu hoch. (Hundert Jahre nach dem Beginn des ersten Weltkriegs erinnern wir uns an die europäische Intellektuellen-Generation, die sich in den Jahren vor 1914, am Ende der „Belle Époque“, nach einem großen Krieg sehnte, von dem sie sich Heilung und Erneuerung versprach.) Intensive Frustrationserfahrung und das Gefühl der Ohnmacht führen zur „Entmischung“ der Triebwünsche (Freud), zur Freisetzung unbeherrschbarer destruktiver Energien, die sich in Fremdenhass, Krieg und Massaker austoben können. Mit dem destruktiven Potential ganzer Bevölkerungsgruppen „wirtschaften“ die falschen Messiasse ebenso wie die Bellizisten aller Regime. Der selbsternannte neue Kalif von Bagdad hat es ihnen abgeschaut; auch er will dies trübe Wasser nun auf seine Mühlen leiten.

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