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Zwischen «Profs» und Managern

Peter Streckeisen

16. August 2014

Die Ökonomisierung kommt an den Universitäten zunehmend von innen. Es ist wichtig, sie zu bekämpfen, doch sollten wir uns nicht durch «linke Profs» vereinnahmen lassen. Die Aufgabe besteht darin, gegen die Ökonomisierung und gegen die Hierarchien der professoralen Universität eine dritte Position zu entwerfen, welche einerseits die Autonomie der Wissenschaft hochhält und zugleich den Elitecharakter der Universitäten in Frage stellt.
aus Debatte Nr. 29 – Sommer 2014

Wenn vom Neoliberalismus die Rede ist, wird oft über «Ökonomisierung» gesprochen. Doch was ist damit eigentlich genau gemeint?
Dass die Universitäten unter dem Einfluss der Wirtschaft stehen und mehr oder weniger «hoch qualifizierte» Lohnabhängige für die Wirtschaft ausbilden, ist nichts Neues. In letzter Zeit haben der 100-Millionen-Vertrag der UBS mit der Uni Zürich sowie die an der ETH in Lausanne gesponserten Nestlé-Lehrstühle für Aufsehen gesorgt. Solche Vereinbarungen sind nur die Spitze des Eisbergs: Die Bedrohung der «akademischen Freiheit» ist in diesen Fällen so offensichtlich, dass sie automatisch Empörung und Kritik hervorrufen, auch von Kreisen, die sonst nicht besonders kritisch sind.

 

Ökonomisierung von innen

Neben dieser traditionellen, heute ganz neue Blüten treibenden Form der Ökonomisierung («Einfluss der Wirtschaft auf die Uni» bzw. «Ausrichtung der Uni an wirtschaftlichen Interessen») gewinnt eine andere Form an Bedeutung. Vielleicht macht es Sinn, von einer «inneren Ökonomisierung» im Gegensatz zu und in Verbindung mit einer «äusseren Ökonomisierung» zu sprechen. Denn diese Form der Ökonomisierung entspringt wesentlich den Universitäten selbst, genauer gesagt: Sie ist das Ergebnis dynamischer Entwicklungen im Feld der Wirtschaftswissenschaften, deren Auswirkungen heute in allen Hochschulbereichen zu spüren sind. Es geht hier vor allem um zwei Prozesse: (1) Die seit der Zwischenkriegszeit als Economics neu erfundene «Politische Ökonomie» schwingt sich zur hegemonialen Leitwissenschaft auf, welche die traditionellen Themen- und Forschungsfelder aller möglichen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer erobert. Auf Grund dieses Phänomens, das auch als «ökonomischer Imperialismus» bezeichnet wird, gelten die Ökonomen heute in den unterschiedlichsten Bereichen als die führenden Experten: längst nicht mehr nur betreffend Wirtschaft und Wirtschaftspolitik im engeren Sinne, sondern auch wenn es um Kultur, Familie, Bildung, Gesundheit, Kriminalität, Umweltschutz u.v.a.m. geht. (2) Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Managementwissenschaften einen aussergewöhnlichen Aufstieg erlebt. Taylors Idee des «wissenschaftlichen Managements» schreiben sich heute nicht nur alle grösseren Unternehmen des privaten oder öffentlichen Sektors auf die Fahnen, sondern auch die Universitäten selbst, in denen die Hochschulmanager und Organisationsentwickler daran arbeiten, unternehmerische Strukturen einzuführen und «unternehmerisches Denken» zu fördern.

 

Human- und Sozialkapital

Diese «innere Ökonomisierung» geht oft als schleichender Prozess vor sich, sie wird als solche meist gar nicht wahrgenommen. Sie ist auch nicht ausschliesslich das Werk von Ökonomen, sondern wird von all jenen getragen, die bewusst oder unbewusst zur Ausbreitung «ökonomischen Denkens» beitragen. So zum Beispiel Soziologinnen und Soziologen, die von «Sozialkapital» sprechen, ohne darüber nachzudenken, wie dieser Begriff von der ökonomischen Humankapitaltheorie abgeleitet ist, die einen zentralen Pfeiler des ökonomischen Imperialismus darstellt. Die «innere Ökonomisierung» verläuft auch keineswegs den traditionellen Linien eines «Links-Rechts-Schemas» entsprechend. Humankapitaltheoretiker kritisieren zum Beispiel die Diskriminierung von Frauen oder «Personen mit Migrationshintergrund» in der Arbeitswelt, während die Forderung, dass Investitionen in Bildung «sich lohnen müssen», längst Eingang ins Repertoire sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Programme gefunden hat. Wenn die SP gesundheitspolitisch Stellung bezieht, stützt sie sich auf die Argumente eines Gesundheitsökonomen. Und der Chefökonom des Gewerkschaftsbundes würde nie auf die Idee kommen, den ökonomischen Imperialismus zu kritisieren.

 

1968 ist vorbei…

Diese neue Form der Ökonomisierung trägt wesentlich dazu bei, dass die Frontlinien politischer Kämpfe an den Universitäten heute anders verlaufen als 1968. Damals standen sich «linke» und «rechte» Intellektuelle gegenüber, und theoretische oder wissenschaftliche Auseinandersetzungen wurden als Stellvertreterkämpfe zwischen «Arbeit» und «Kapital» (oder «Ost» und «West») geführt. Zugleich war 1968 eine Revolte von Studierenden und Mittelbau gegen die Professorenherrschaft. Beide Frontlinien sind heute nicht verschwunden, sie treten aber zunehmend in den Hintergrund zu Gunsten einer neuen Konstellation, in der sich Intellektuelle und Experten gegenüber stehen, oder Wissenschaftler und Manager. In diesen Kämpfen zwischen der Uni-Verwaltung (mit ihrem Apparat von Managern, Beratern und Modernisierern) und der Professorenschaft der Fakultäten, die sich vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften zuspitzen, wo die Professoren auch heute oft noch «intellektuelle Handwerker» sind, die über die Produktionsmittel der wissenschaftlichen Praxis (im Wesentlichen ihre persönliche Bibliothek, wie es schon bei Max Weber heisst) verfügen, steht weniger die politische Ausrichtung im Zentrum (links/rechts) als das kollektive Selbstverständnis der Wissenschaftler (um nicht von Klassenbewusstsein zu sprechen) und die Frage der «akademischen Freiheit».

 

Professorale Interessen

Indem die Professorinnen und Professoren gegen die Ökonomisierung kämpfen und das Recht einfordern, ohne Einschränkung durch bürokratische Verfahren oder ökonomische Vorgaben ihre «reine» und «exzellente» Wissenschaft zu treiben und/oder als öffentliche Intellektuelle zu agieren, statt sich als Experten in den Dienst der Mächtigen zu stellen, setzen sie sich zugleich bewusst oder unbewusst für die Reproduktion der Professorenschaft als akademische Elite ein, deren Angehörige als Einzige Zugang zu höheren Wahrheiten finden und deshalb allein legitimiert sind, Entscheide in Fragen der Wissenschaft zu fällen. In ihrem Bestreben dafür zu sorgen, dass ihre Universität die «besten Professoren» kriegt, kommt es den Hochschulmanagern keineswegs in den Sinn, die individuellen professoralen Privilegien anzutasten (etwa die unangemessenen Freiheiten der Professorinnen und Professoren im Umgang mit ihren «Assis» und den Studierenden); allerdings schränken sie die kollektive Handlungsfähigkeit der Professorenschaft ein, indem die Fakultäten in strategische Entwicklungspläne und Programme zur Effizienzsteigerung eingebunden und einer permanenten Maschinerie der Evaluation oder Akkreditierung unterworfen werden.
Für die Studierenden und den Mittelbau besteht die Gefahr, sich in diesem Kampf von der einen oder anderen Seite instrumentalisieren zu lassen; aber auch die Chance, etwas für sich herauszuschlagen. Spontan solidarisieren sich die meisten von uns mit den «Profs» gegen die Manager; aber vergessen wir nicht, dass die «akademische Freiheit» von professoraler Seite auch immer ins Feld geführt wird, um studentische Forderungen nach Mitbestimmung oder Gesellschaftskritik ebenso zurückzuweisen wie Forderungen des Mittelbaus nach besseren Arbeitsbedingungen. Das unmittelbare Hindernis für unsere politische Aktion an der Universität bildet auch heute noch die Professor- enherrschaft: die professorale «Autorität» (symbolische Gewalt), die uns zum Schweigen bringt; die Gremien und Kommissionen der Fakultät, in den wir kaum etwas bewirken können; die Abhängigkeitsverhältnisse, auf Grund derer wir uns den «Profs» gegenüber oft unterwürfig verhalten; die in vielen Fällen geheime und/oder konfuse Ambition, selbst Professor oder Professorin zu werden, die eine unsolidarische Karriereorientierung hervorbringt; etc.

 

Wissenschaft als «normale Praxis»

Heute erfordert es das Engagement für kritische Wissenschaft, nicht nur der Ökonomisierung entgegenzutreten, sondern den Kampf gegen die professorale Herrschaft wieder aufzunehmen. Die Ausgangslage ist anders als 1968. Selbst die Schweiz hat in den letzten Jahrzehnten eine markante Bildungsexpansion an den Universitäten erlebt: Seit 1980 hat sich die Zahl der Studierenden mehr als verdoppelt, während der akademische Mittelbau heute drei Mal so viele Personen umfasst wie damals; in derselben Zeit ist die Zahl der Professuren nur um 70 Prozent angestiegen. Auf Grund dieser Veränderungen gibt es heute an den Universitäten zahlreiche Studierende, deren Eltern nicht studiert haben und/oder die in Zukunft keine höhere Führungsposition erreichen werden. Für Angehörige des Mittelbaus, die heute zu über 40 Prozent Frauen sind (und zu über 60 Prozent ohne Schweizer Pass), ist die Wahrscheinlichkeit Professor zu werden, deutlich gesunken. Vor diesem Hintergrund ist es höchste Zeit, dass wir uns endlich von der Vorstellung verabschieden, die wissenschaftliche Praxis sei eine «höhere Tätigkeit», die nur von besonders intelligenten («exzellenten») Personen ausgeführt werden kann. Vielmehr muss es darum gehen, die gestiegene soziale und kulturelle Vielfalt der Studierenden als neue Ausgangslage zu betrachten, um die Universität von einer «Hochschule» in eine «Universalschule» zu verwandeln, in der Angehörige unterschiedlicher sozialer Gruppen und Klassen ihren Platz finden und auf ihre Weise Wissenschaft treiben können, ohne unbedingt Professor oder Professorin werden zu wollen. Wenn die Wissenschaft als «normale Praxis normaler Menschen» angesehen wird, ist es auch legitim, «normale Arbeitsbedingungen» einzufordern, zum Beispiel Schutzmassnahmen gegen die Abhängigkeit von einzelnen Professoren oder unbefristete wissenschaftliche Stellen für jene, die keine Professur anstreben.

 

Es braucht keine «Elite der Kritik»

In der Vergangenheit hat das unhinterfragte Selbstverständnis, Teil einer aufgeklärten Elite zu sein, das kritische Potenzial gesellschaftskritischer Strömungen wie des Marxismus, der Kritischen Theorie oder des Feminismus eingeschränkt. Wir müssen leider damit rechnen, dass «linke» oder «progressive» Professorinnen und Professoren, die sich mit ihrer ganzen professoralen Autorität gegen die Ökonomisierung wehren, genau so entschlossen gegen jeden Versuch der «Entzauberung» der Professorenschaft Widerstand leisten werden. Auch in ihrem Fall ist die politische Haltung nicht einfach eine Frage des guten Willens, sondern auch der mit einer bestimmten Position verbundenen Interessen, Sichtweisen und Neigungen. Die heute an allen Universitäten umgesetzten Programme zur Förderung akademischer Karrieren von Frauen sind nur ein Beispiel dafür, wie ein ursprünglich progressives Denken in einem Elitedenken aufgeht, zur Reproduktion und Legitimierung sozialer Ungleichheit beiträgt und Formen wissenschaftlicher Praxis propagiert, die nicht unter dem Zeichen der «Kritik», sondern der «Exzellenz» stehen. Zweifellos braucht wissenschaftliche Arbeit einen institutionellen Rahmen wie die Universität, der eine gewisse Autonomie und eine Distanz zum Alltagsgeschehen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik gewährt. Aber zu kritischem Denken sind Angehörige aller sozialen Gruppen und Klassen fähig, und eine «geistige Elite» kann eben gerade dann zum Hindernis theoretischer und praktischer Gesellschaftskritik werden, wenn sie sich für besonders kritisch hält.

 

Autonomes Forum: Kritische Wissenschaft und Wissenschaftskritik

Das autonome Forum zu kritischer Wissenschaft und Wissenschaftskritik entstand aus einer Studierendenvernetzung an der Uni Basel (namens Chameleon oder Dienstagsgruppe), die sich zunächst mit der geplanten Fächerzusammenlegung (Soziologie und Geschlechterforschung, wie auch Ethnologie und Kulturanthropologie sollten laut Rektoratsbeschluss vom Januar 2013 zu einem Studiengang zusammen gelegt werden) wie auch der Erhöhung der Studiengebühren und den intransparenten und autoritären Entscheidungsstrukturen der Universität beschäftigte. Ziel des autonomen Forums, das im Frühjahrsemester 2014 stattfand und fortgesetzt werden soll, war einerseits eine kritische Analyse der aktuellen Entwicklungen in Wissenschaft und Bildung sowie andererseits der Versuch, selbst eine Form kritischer Wissenschaft zu praktizieren, im Rahmen dieses Forums.
Der Streit um Wissenschaft und Bildung wird einerseits gefochten von intellektuellenfeindlichen Gruppen, die jede Wissenschaft, die ihnen nicht passt dem Ideologieverdacht unterziehen, Professor_innen auf den Titelseiten ihrer Weltwochen persönlich denunzieren und ganze Diskussionszusammenhänge wie beispielsweise die Gender Studies aus dem universitären Curriculum streichen möchten. Die Erhöhung der Studiengebühren – argumentiert wird, dass Studierende sich des Investitionscharakters eines Hochschulstudiums bewusst werden sollen – trägt dazu bei, dass die befähigenden Momente von Bildung weiterhin, wenn überhaupt, nur jene erleben, denen gemäss ihrer sozialen Herkunft sowieso schon eher gesellschaftliche Macht denn Ohnmacht vermittelt wird. Demgegenüber ist Ziel des autonomen Forums, nach den Grundlagen von Wissenschaft und Wissen zu fragen, wie auch nach den Möglichkeitsbedingungen von kritischer Wissenschaft. Dies, da die Problemlage zu verstehen, der erste Schritt zu einer informierten Praxis hin zu einer befähigenden Bildungs- und Wissenslandschaft ist.

vgl. Flyer Autonomes Forum: http://chameleonunibasel.files.wordpress.com/2014/02/af-druck.pdf
vgl. „Zum Chameleon“: http://chameleonunibasel.wordpress.com/about/

 

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* Der Beitrag beruht auf dem Vortrag von Peter Streckeisen im «Autonomen Forum» an der Uni Basel (siehe Kasten) vom 7. Mai 2014 zum Thema «Wissenschaftliche Praxis im Zeitalter neoliberaler Hegemonie».

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